Zürcher Sozialinspektoren dürfen nicht mehr aufs Land

Ab Juli wird die Stadt Zürich ihre Sozialinspektoren nicht mehr an auswärtige Gemeinden ausleihen. Diese bedauern den Abbruch der Kooperation.

Zahlreiche Sozialdienste überprüfen die Leistungen an ihre Klienten.

Zahlreiche Sozialdienste überprüfen die Leistungen an ihre Klienten. Bild: Daniel Kellenberger

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Zürich – Die städtischen Sozialinspektoren, die Missbräuche in der Sozialhilfe aufklären, sind ein Exportschlager. Das Sozialdepartement hatte in der Vergangenheit mit 24 Zürcher Gemeinden sowie dem Kanton Glarus Leistungsvereinbarungen unterzeichnet und ihnen die neun Sozialdetektive (sechs Vollzeitstellen) gegen kostendeckende Bezahlung ausgeliehen. Die Nachfrage nach dieser Dienstleistung war gross, sodass der Stadtrat das Sozialinspektorat um zwei Stellen vergrössern wollte. Dagegen erwuchs im Gemeinderat aber Opposition von SVP, FDP, GLP, Grünen und AL, und der entsprechende Betrag wurde im Budget 2014 gestrichen.

Absage an 32 Gemeinden

In der Folge hat das Sozialdepartement die Leistungsvereinbarungen reduziert: Mit 15 Gemeinden wird die Kooperation Ende Juni beendet, mit 6 Gemeinden wird sie sistiert. 11 Gemeinden, die auf der Warteliste stehen, erhalten eine Absage. Einzig Adliswil, Dietikon und Oberengstringen dürfen weiterhin die Sozialdetektoren von Zürich einsetzen. Mit diesen Gemeinden arbeitet die Stadt seit Jahren zusammen. Ebenfalls bestehen bleibt die Vereinbarung mit dem Kanton Glarus. Die Gemeinden, denen die Zusammenarbeit nun gekündigt wurde, sind enttäuscht.

Sie müssen sich neu ­organisieren. Bruno Schaller, Leiter Soziale Dienste der Gemeinde Richterswil, bedauert den Entscheid: «Die Sozialinspektoren haben ein gutes Angebot geliefert, wir konnten davon profitieren.» Auch der Gemeinderat von Richterswil sei von der Arbeit überzeugt gewesen. In den vergangenen drei Jahren hätten die Zürcher Sozialinspektoren in Richterswil drei oder vier konkrete Einsätze geleistet und daneben den Mitarbeitenden der Sozialen Dienste Fachwissen zur Vor­gehensweise vermittelt, also präventiv gewirkt. Man werde nun mit Nachbargemeinden aus dem Bezirk nach Alternativen suchen. Infrage kommt eine Lösung mit privaten Anbietern oder Institutionen. Diese müssten aber qualitativ und preislich die gleiche Dienstleistung anbieten wie die städtischen Sozialinspektoren, sagt Schaller.

Ähnlich tönt es in Horgen. «Wir suchen nach einer Alternative und nehmen dazu auch Kontakt mit anderen Gemeinden auf», sagt Melanie Imfeld, Bereichsleiterin Gesellschaft. In Thalwil liegt das Thema Sozialinspektoren ­zuoberst auf dem Pendenzenberg; man suche ebenfalls das Gespräch mit anderen Gemeinden, sagt eine Sprecherin. Ein privater Anbieter im Überprüfungsdienst ist So Watch. Laut Geschäftsführer Ulrich Bohren wird seine Firma nicht selber auf die Gemeinden zugehen, sondern abwarten. Das Unternehmen ist seit 2005 aktiv und gehört zu den Ersten in der Schweiz.

Im Kanton Zürich hatte So Watch Aufträge von rund 20 Gemeinden. Momentan sind es Wetzikon, Illnau-Effretikon, Lindau und Schlieren. In der Stadt Schlieren wird derzeit die Anstellung eines eigenen Sozialdetektivs geprüft. Das Parlament hat kürzlich ein entsprechendes Postulat der SVP überwiesen. Der Stadtrat muss jetzt aufzeigen, wie sich eine solche Anstellung auswirken würde.

90 Fälle im letzten Jahr

Dass der Kanton Zürich sich im Bereich Sozialinspektoren engagiert, ist momentan kein Thema. Anders im Aargau. Dort bietet der Kanton den Sozialbehörden der Gemeinden die Dienstleistung «Aussendienst» an.

Laut der Kriminalstatistik des Kantons Zürich hat die Polizei im vergangenen Jahr rund 90 Fälle von Sozialhilfemissbrauch bearbeitet. Betroffen waren rund 120 Tatverdächtige aus 29 Ländern, davon 45 Prozent Schweizer. In 47 Fällen war die Stadt Zürich die Geschädigte, in 32 Fällen andere Gemeinden. 11 Fälle betrafen den Kanton Zürich, 7 Fälle Sozialversicherungswerke und ein Fall einen andern Kanton.

Erstellt: 28.04.2014, 07:20 Uhr

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