Zürcher Start-ups zieht es nach Berlin

Viele digitale Zürcher Start-ups verlagern derzeit ihre Hauptaktivitäten an die Spree. Wegen hiesiger Schwächen, vor allem aber wegen Berlins Stärken.

Umsiedlung: Seit 2015 betreibt der Zürcher Spross Selfnation in Berlin eine Filiale, die rasant wächst. Fotos: Sandra Kennel

Umsiedlung: Seit 2015 betreibt der Zürcher Spross Selfnation in Berlin eine Filiale, die rasant wächst. Fotos: Sandra Kennel

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer sein Geschäft im Internet hat, ist überall zu Hause. Dennoch haben auch digitale Start-ups Standorte. Manchmal ziehen sie sogar um, ganz altmodisch, mit Kisten und Zügelwagen. In letzter Zeit ziehen viele junge Digitalunternehmen, die in Zürich gegründet worden sind, nach Berlin. Es sind vor allem Unternehmen, die international expandieren wollen, und solche, die für ihre Arbeit in der realen Welt viel reales ­Personal benötigen.

Zahlen, die diesen Trend belegen, hat niemand, aber die Zürcher Gründerszene ist sich einig, dass es ihn gibt. Drei prominente Beispiele werden oft genannt: Knip ist der grösste digitale Versicherungsmakler im deutschsprachigen Raum. 2013 wurde er in Zürich gegründet, heute beschäftigt er in Zürich, Berlin und Belgrad 120 Angestellte. In Berlin sind es 60, in Belgrad 15 (vor allem Programmierer), in Zürich verblieben sind noch 35.

Getyourguide, 2009 in Zürich gegründet, vermittelt weltweit Reiseaktivitäten an Touristen. Von seinen 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern arbeitet heute nur noch ein Zehntel in Zürich, der Rest in Berlin. Selfnation schliesslich, ein anderer original Zürcher Spross, vertreibt über eine digitale Plattform massgeschneiderte Jeans. Seit 2015 betreibt Selfnation in Berlin eine ­Filiale, die schnell wächst.

«Aus Zürcher Sicht wäre ich alarmiert.» Dennis Just, Knip

Jedes Zürcher Start-up lagere heute Arbeiten ins Ausland aus, sobald es eine gewisse Grösse erreicht habe, sagt Johannes Reck von Getyourguide. Zürich falle im Wettbewerb zurück, nicht weil sich der Standort verschlechtere. Sondern weil Berlin und andere gerade so davongaloppierten. «Aus Zürcher Sicht wäre ich alarmiert», bilanziert auch Dennis Just von Knip.

Wer sich bei den Gründern der drei genannten Unternehmen nach den Gründen für ihren Umzug erkundigt, erhält eher überraschende Einsichten. Die als «Killer» beklagte neue Besteuerung von Start-up-Unternehmen, die im Frühling zu einem Aufschrei in der Szene und danach zu einigen Zugeständnissen der Zürcher Politik geführt hat, ist zwar nach wie vor ein grosses Ärgernis. Aber sie wird eher als unfair und symbolisch verheerend betrachtet, weil sie aus Sicht der Gründer unternehmerischen Wagemut bestraft.

Das Zürcher Start-up Selfnation vertreibt über eine digitale Plattform massgeschneiderte Jeans, gefertig unter anderem im Tessin.

Die Steuerfrage allein aber treibt kaum einen von Zürich weg. Mit der Bürokratie der Ämter haben die befragten Unternehmer sowieso eher gute Erfahrungen gemacht. In Zürich sei das meiste schlank und effizient organisiert, sagt Andreas Guggenbühl von Self­nation. «Die Ämter in Berlin sind im ­Vergleich dazu ein Horror!»

Richtig schwierig ist es dafür, in Zürich die passenden Talente zu finden. Die Einwanderungsbeschränkungen, vor allem für Arbeitnehmer, die nicht aus der EU stammen, bereiten den Start-ups grosse Schwierigkeiten. Er habe kürzlich einen Manager aus den USA und einen aus Russland einstellen wollen, sagt Dennis Just. Aber das sei einfach unmöglich gewesen, trotz zweimaligem Einspruch gegen den Bescheid. Da habe er die beiden einfach in Berlin eingestellt – und siedelte auch gleich deren ganze Abteilungen dahin um.

«Was die Finanzierung angeht, ist Berlin um Welten besser als Zürich.» Johannes Reck, Getyourguide.

Ähnliche Erfahrungen haben auch die anderen Gründer gemacht. Gewisse Talente oder spezialisiertes Know-how sind überdies schwer zu finden, weil der Zürcher Markt nicht riesig ist. «Suche ich hier eine chinesische Callcenter-Mitarbeiterin», sagt Johannes Reck, «dann finde ich sie nicht in vernünftiger Zeit. Und wenn ich sie finde, kann ich sie nicht bezahlen.» In Berlin hingegen stelle er so jemanden innert drei Wochen an. Der Arbeitsmarkt sei da nicht nur offener und internationaler, sondern bilde mittlerweile auch einen grossen Cluster: ein eigentliches Netzwerk verwandter ­Kompetenzen, das schnell wachse.

Billige Löhne, kaum Konkurrenz

Beim Kampf um die besten Talente bereitet den Start-ups auch eine spezifische Stärke Zürichs Probleme. Vonseiten der eingesessenen Industrie gibt es nämlich enorme Konkurrenz. Die Grossbanken UBS und Credit Suisse, die Versicherer Zurich und Swiss Re oder der Technologiekonzern Google ziehen die besten jungen Leute mit ihren starken globalen Marken, hohen Löhnen und grosser Arbeitsplatzsicherheit an sich. Mit diesem Angebot können die jungen innovativen Digitalunternehmen meist nicht mithalten.

In Berlin gibt es diese Konkurrenz nicht, weil die Stadt nach dem Krieg überhaupt keine nennenswerte Industrie mehr aufwies. Entsprechend konsequent setzt die deutsche Hauptstadt in den vergangenen Jahren auf die neue digitale Industrie.

«Ein Paket von Zürich nach Kons­tanz ist vier mal teurer wie eins von dort an die Nordsee.» A. Guggenbühl, Selfnation

Sobald ein Start-up viel Personal benötigt, sprechen zudem die Kostenvorteile entschieden für Berlin. Löhne und Mieten sind dort spektakulär billig, nicht nur im Vergleich zu Zürich, sondern etwa auch zu London, das für Start-ups eine Alternative zu Berlin wäre. «Und wenn dir die Stadt dann sagt, dass sie bei einem Umzug beispielsweise noch ein Drittel der Möbel bezahlt, dann ist dies für viele Jungunternehmen bestimmt ein weiteres Argument», weiss Andreas Guggenbühl.

Der zweite entscheidende Vorteil von Berlin ist, dass an der Spree viel mehr Wagniskapital fliesst als an der Limmat. Sobald ein Start-up nicht mehr 1 oder 2 Millionen braucht, um sich weiterzuentwickeln, sondern 15 oder 50, lässt sich die Finanzierung in Zürich nicht mehr sicherstellen. In Berlin hingegen sehr wohl. 173 Millionen Franken wurden 2015 in Zürcher Start-ups investiert, in der 3,5-Millionen-Metropole Berlin waren es gleichzeitig fast 2,3 Milliarden. «Was die Finanzierung angeht, ist Berlin um Welten besser als Zürich», sagt Johannes Reck, der bei der letzten Finanzierungsrunde 50 Millionen Dollar eingeheimst hat.

Ehrlichkeit und Transparenz erwünscht

Was müsste Zürich denn tun, um gegenüber Berlin wieder aufzuholen – oder wenigstens nicht weiter zurückzufallen? Aus Sicht der Gründer sollte Zürich sich stärker der Industrie der Zukunft zuwenden, als diejenige der Vergangenheit zu pflegen. «Liegt die Zukunft Zürichs wirklich in der alten Vermögensverwaltung – oder nicht vielleicht doch in Forschung und Digitalem?», fragt Andreas Guggenbühl.

Und wenn man auf Zukunftstechnologien fokussiere, stelle sich überdies die Frage, ob man eher Grosskonzerne wie Google oder innovative Neugründungen fördere. «Den digitalen Start-ups fehlt in Zürich eine starke Lobby.» Im Bereich Biotech, Life-Science und Medizin sei das anders. Nicht zuletzt deswegen sei diese Branche hier auch wettbewerbsfähig. Gefragt sind aus Sicht der Gründer Ehrlichkeit und Transparenz: Zürich solle offen sagen, wo seine Prioritäten liegen, dann könne man sich entsprechend einrichten.

Loyal trotz düsterer Aussichten

Staatliche Unterstützung im engeren Sinn fordert keiner der befragten Manager. Hilfe bei der Beseitigung von Hürden aber schon, nicht nur in der leidigen Steuerfrage: mehr Bewilligungen für ausländische Mitarbeiter, aber auch etwa einen erleichterten Warenverkehr über die Grenzen.

«Es kann doch nicht sein, dass ein Paket von Zürich nach Konstanz viermal so viel kostet wie eines von Konstanz an die Nordsee», sagt Guggenbühl, dessen Jeans unter anderem im Tessin genäht werden. Aber gerade was Arbeitsbewilligungen für Ausländer angeht, sind die Gründer pessimistisch – an einen allfälligen Inländervorrang, wie er aus der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative hervorgehen könnte, wollen sie lieber nicht denken.

Bei diesen eher düsteren Aussichten fragt sich, warum alle drei Unternehmer überhaupt noch ein Standbein in Zürich behalten. Loyalität mit dem Geburtsort spielt eine Rolle, wie etwa Guggenbühl betont. Die Nähe zur ETH ebenfalls, «der mit Abstand besten technischen Hochschule Europas», wie Johannes Reck findet, der wie Andreas Guggenbühl selber ein ETH-Absolvent ist. Schliesslich auch die Kultur von Qualität, Sorgfalt, Zuverlässigkeit, die man mit Zürich und der Schweiz verbinde, auch im Ausland. Was sie hier am besten machen könnten, würden sie auch künftig in Zürich machen, sagen alle drei Gründer. Alles andere aber in Berlin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2016, 07:44 Uhr

Artikel zum Thema

US-Topbankerin kauft Zürcher Start-up

Blythe Masters hat schon einmal die Finanzbranche auf den Kopf gestellt. Nun wagt sie einen zweiten Versuch. Warum sie dafür ein Schweizer Jungunternehmen braucht. Mehr...

Zürcher Start-up baut Europas grösste Urban Farm

Zehnmal grösser als die Pilotanlage in Basel: Urban Farmers haben auf einem Hochhaus in Holland ihr erste grosse Fisch- und Gemüsezucht gebaut. Jetzt sind Zürcher Dächer an der Reihe. Mehr...

Jungunternehmer: «Steuern runter oder Wegzug»

Investoren und Zürcher Start-ups fordern ultimativ Entlastung von hohen Steuern. Sie drohen, den Standort zu verlassen. Der Finanzdirektor warnt vor überstürzten Entscheiden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

TA Marktplatz

Kommentare

Die Welt in Bildern

Voll Schrott: Bis zu 300 Autowracks sind bei einem Feuer auf einem deutschen Entsorgungsbetrieb in Recklinghausen verbrannt. (16. Dezember 2017)
(Bild: Marcel Kusch) Mehr...