Zürcher Taxifahrer verweigern kurze Fahrten

Vom Hauptbahnhof nach Wipkingen? Die meisten Taxifahrer winken ab. Die Taxizentralen sprechen von «schwarzen Schafen» und fordern eine spezielle Ausbildung für Fahrer.

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Manuel und seine Freundin möchten in der Samstagnacht um 1 Uhr vom Zürcher Hauptbahnhof mit dem Taxi nach Hause fahren. Auf der Seite Landes­museum wollen sie schon in den ersten Wagen einsteigen, als der Fahrer fragt, wohin die Reise gehen soll. «Nach ­Wipkingen», informiert ihn das Paar. Die Antwort des Taxichauffeurs ist kurz und deutlich: «Unter 30 Franken setze ich mich nicht ans Steuer!»

Das Paar versteht die Welt nicht mehr, will diskutieren, doch der Chauffeur weist die jungen Leute barsch ­zurecht und lacht sie sogar aus. Auch der zweite, dritte und vierte Taxifahrer schütteln den Kopf. Keiner ist bereit, das Paar nach Wipkingen zu fahren. Auch auf der anderen Seite des Hauptbahn­hofes nicht.

Ähnliches erlebte Manuels Schwester an einem andern Tag, morgens um 3 Uhr am HB. Sie wollte mit viel Gepäck zum Schaffhauserplatz chauffiert werden, fand aber ebenfalls keinen willigen Taxifahrer. Diese Beispiele sind keine Einzelfälle. Immer mehr Zürcher Taxifahrer, die ohne Zentrale auf eigene Rechnung unterwegs sind, wollen offenbar keine kurzen Fahrten mehr machen. Dies, obwohl eine gesetzlich vorgeschriebene Mitnahmepflicht gilt.

«Das hören wir oft»

André Küttel, Geschäftsführer bei 7x7-Taxi, kennt das Problem aus der eigenen Familie. «Meine Kinder haben das auch schon erlebt, das ist mir nicht fremd.» Küttel bedauert es ausserordentlich, «dass gerade am Zürcher Hauptbahnhof, wo Touristen ankommen, solche Zustände herrschen». Bei der Konkurrenz tönt es gleich. «Das hören wir oft, vor ­allem vom Hauptbahnhof», sagt Flavio Gastaldi von Taxi 444. «Der Ruf der Zürcher Taxifahrer ist eine Katastrophe.» Für Gastaldi gibt es klare No-Gos: Jemandem eine Fahrt zu verweigern oder keine Kreditkarte anzunehmen. «Ein Topchauffeur würde sogar eine Rechnung machen, wenn die Kreditkarte nicht funktioniert.»

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Bei beiden Taxizentralen hält man fest, dass auch sie «nicht immer fehlerlos» seien, aber sie hielten Qualitäts­standards in Bezug auf Sauberkeit und Dienstleistung ein. Gastaldi: «Wenn eine Reklamation kommt, wird sie behandelt. Wir nehmen mit dem Kunden Kontakt auf und reden auch mit dem Fahrer.»

Auch bei 7x7 werden Chauffeure, die eine Fahrt verweigern, sofort sanktioniert. «Aber am HB ist die Situation mittlerweile so im Argen, dass man sich schämen muss», sagt Küttel. Er hat seine Fahrer schon oft aufgefordert, sich auch am HB aufzustellen, um dort zur Verbesserung des Täxelerrufs beizutragen. Aber: «Kein ausgebildeter Taxifahrer, der etwas auf seinen Berufsstand hält, will sich dort einreihen», so Küttel.

Gewinneinbussen, Kundenrückgänge, schlechtes Image: Die Zürcher Taxiszene steckt in der Krise.

Die Zentralen gäben sich Mühe, ihre Leute zu bewerten und auszubilden, «doch diese Bemühungen nützen nichts, solange es schwarze Schafe unter den Taxichauffeuren gibt, die machen, was sie wollen», sagt Küttel.

Und ausgerechnet am HB stünden sie und «erdreisten sich, den Höchsttarif von 5 Franken pro Kilometer zu verlangen und eine Grundtaxe von 8 Franken». Während die Taxizentralen immer noch für den alten Tarif von 3.80 Franken pro Kilometer unterwegs sind mit einer Grundtaxe von 6 Franken.

Tatsächlich können Zürcher Taxi­fahrer selber entscheiden, zu welchen Tarifen sie die Fahrten anbieten wollen. Für einen teuren Oberklassewagen, findet Küttel, könne der Höchsttarif noch gerechtfertigt sein, «aber die Autos am HB sehen normalerweise nicht nach Oberklasse aus».

Gerade Neukunden und Touristen, betont Gastaldi, wüssten nicht, dass es in Zürich eine flexible Preispolitik gibt. Bei Höchstpreisen ohne entsprechende Gegenleistung fühlten sich die Kunden deshalb «übers Ohr gehauen». Da müsse man sich nicht wundern, dass viele zu anderen Beförderungsunternehmen wechseln. «Die haben extrem von dieser Höchstpreispolitik profitiert», sagt Taxi-444-Chef Gastaldi.

Auch beim Zürcher Taxiverband kennt man die Situation. «Das Problem der Fahrtenverweigerungen besteht bereits seit Jahren», klagt Liz Spengler vom Zürcher Taxiverband. «Leider nicht nur am HB, sondern auch an anderen Taxistandplätzen.» Man bedaure diese Fälle sehr, aber es gebe Taxifahrer, «die stellen ihre eigenen Regeln auf und wissen offensichtlich nicht, was das Erbringen einer Dienstleistung beinhaltet». Doch leider sei der Taxiverband nicht befugt, gegen solches Fehlverhalten rechtlich vorzugehen. «Das liegt ausschliesslich in den Händen der Polizei», so Spengler.

Polizei beschwichtigt

Dort allerdings beurteilt man die Situation deutlich entspannter: «Dem Taxibüro der Stadtpolizei Zürich sind keine solch gravierenden Fälle bekannt», hält Mediensprecherin Marion Engeler fest. Man führe im Rahmen der normalen Patrouillentätigkeit zwar regelmässig Kontrollen durch, doch stosse man dabei offenbar eher selten auf klare Missstände.

Vielleicht auch deshalb, weil anzunehmen ist, wie Engeler sagt, «dass die Sachbearbeiter des Taxibüros den meisten Taxifahrern bekannt sind und es dementsprechend kaum zu Verfehlungen kommt, wenn sich die Kontrolleure vor Ort zeigen». Flächendeckende Kontrollen könnten helfen, sind aber aus personellen Gründen nicht möglich. Darum pocht die Polizei darauf, dass die Betroffenen selber Anzeige erstatten.

Für die Taxibranche aber kann es so nicht weitergehen. Es seien grundsätz­liche Änderungen nötig, sagt Gastaldi. «Das heutige Taxibusiness ist ein Tummelplatz für alle.» Seiner Ansicht nach braucht es ein neues Gesetz, das nicht Taxigesetz heisse, sondern «Personenbeförderungsgesetz ohne Fahrplan». In diesem Gesetz sollte alles geregelt werden, was Kundenbeförderung durch ­Taxis und Limousinen betreffe.

Aufsicht vor Ort

Zudem plädiert Gastaldi für eine einheitliche Ausbildung für Chauffeure von Fahrdienstleistungen auf Kantonsebene. In London gebe es eine dreijährige Ausbildung, bei der 50 Prozent der Kandidaten durchfallen, während in Zürich ­jeder fahren könne. Zusätzlich zur kantonalen Ausbildung fordert Gastaldi in Städten wie Zürich eine Ortskunde­prüfung für Taxichauffeure.

Auch für André Küttel ist klar, dass die Polizei nicht über die Kapazitäten verfügt, die Situation am Hauptbahnhof alleine in den Griff zu kriegen. Für den Problemstandort HB sieht er nur eine schnelle Lösung: «Am besten wäre, man hätte eine Aufsicht vor Ort, die den ­optimalen Kundenservice sicherstellt. «Schön wäre auch», sagt Küttel, «wenn die Branche die Ausbildung in die Hände nehmen könnte – anstelle der kommunalen Behörden.»

Auf politischer Ebene ist das Problem seit einiger Zeit erkannt, aber konkrete Ergebnisse liegen noch immer nicht vor. Um bessere Servicestandards durchsetzen zu können, setzt das Gewerbe auf den Kanton. Kantonsrat Alex Gantner (FDP) hatte vor drei Jahren zusammen mit Marcel Lenggenhager (BDP) und Priska Seiler Graf (SP) gegen den Willen der Regierung im Kantonsrat eine Motion durchgesetzt. Das Ziel ist, eine Gesetzesvorlage für eine kantonale Taxiverordnung zu erstellen, welche die Zulassungsvoraussetzungen festlegt und eine selbst regulierende Kommission einsetzt. Das Geschäft wird aber voraussichtlich erst nächstes Jahr beraten.

So bleibt vorläufig alles beim Alten, und Kantonsrat Gantner bleibt nur, stellvertretend für alle enttäuschten Kunden, die Feststellung: «Es ist ein Skandal, dass viele Taxifahrer die Beförderungspflicht nicht einhalten.»

Erstellt: 20.07.2016, 20:25 Uhr

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In Zürich fahren 1500 Taxis, die Hälfte davon ist an Zentralen angeschlossen. Bei den Zentralentaxis gelten tiefere Tarife und höhere Qualitätsstandards.

Wer in ein Taxi steigt, sollte deshalb genau hinschauen, wo er einsteigt. Die Preise können variieren, müssen aber innen und aussen gut sichtbar am Wagen angeschrieben sein. Preise sind nach unten flexibel, die Höchsttarife (Grundtaxe 8 Franken, Kilometertaxe 5 Franken, Wartezeit 1.33 Franken pro Minute) dürfen nicht überschritten werden. So kann jeder Gast selber entscheiden, welches Taxi er nimmt. Der Taxameter, hält die Polizei fest, müsse bei jeder Fahrt in Betrieb sein.

Die Polizei rät Kunden, eine Meldung zu machen beziehungsweise Anzeige zu erstatten, wenn Taxifahrer die Beförderungspflicht verweigern (Tel. 117), und zwar möglichst sofort, so könne die von der Einsatzzentrale kontaktierte Polizeipatrouille schnell vor Ort sein. Dabei sei es wichtig, dass der Kunde das Kontrollschild des Taxis und möglichst auch die Taxinummer notiere. Hilfreich sind für die Polizei auch Informationen zum Fahrer, beispielsweise die Taxiausweis­nummer sowie Zeit und Ort des Vorfalls.

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