Zürcher Traditionshaus nach 90 Jahren am Ende

Kowä befreite einst die Frauen vom Korsett. Nun wird der Laden mit einem der berühmtesten Logos der Stadt vom Münsterhof verschwinden.

Schottischen Terrier mit aufrechter Rute und einem Näschen für Lingerie: Das berühmte Kowä-Logo aus der Feder des Zürcher Künstlers Roland Edmond Brunhoff.

Schottischen Terrier mit aufrechter Rute und einem Näschen für Lingerie: Das berühmte Kowä-Logo aus der Feder des Zürcher Künstlers Roland Edmond Brunhoff.

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Das Lädelisterben rund um den Zürcher Münsterhof fordert dieses Jahr ein besonders prominentes Opfer: das Traditionshaus Kowä, das fast neunzig Jahre alt ist. Der Hintergrund des merkwürdigen Namens ist zuletzt etwas in Vergessenheit geraten, und kaum jemand weiss noch, wofür er steht, aber es gab eine Zeit, als das Firmensignet von Kowä in Zürich so bekannt war wie heute das Apple-Logo.

Es handelte sich um ein vorwitziges schwarzes Hündchen, einen schottischen Terrier mit aufrechter Rute und einem Näschen für Lingerie. Denn für solche war Kowä berühmt. Der Firmenname, das zeigen alte Inserate, war ursprünglich eine Abkürzung für «Korsett» und «Wäsche».

Wäschebranche im Tief

Vor einigen Jahren haben sich die heutigen Eigentümer von der alten Kernkompetenz verabschiedet und umgestellt auf Damenmode für drüber. Hochpreisiger Hippie-Chic. Die Wäschebranche sei «in ein Loch gefallen», begründet Robert van den Berg die Umstellung.

«Aus wirtschaftlichen Gründen hätten wir nicht aufhören müssen.»Robert van den Berg,
Ladeninhaber

Er hat Kowä Ende der Achtzigerjahre mit seiner Partnerin Emanuela Eis von der Gründerfamilie übernommen. Der radikale Bruch mit der Vergangenheit ist laut Van den Berg überraschend gut gelungen. «Aus wirtschaftlichen Gründen hätten wir nicht aufhören müssen.»

Er hätte gern weitergemacht, sagt Van den Berg. Leider hätten die Hauseigentümer, die Tanova AG, andere Pläne verfolgt. Sie will den Anteil an Retailfläche im Gebäude am Münsterhof 4 erhöhen, wie Tanova-Sprecherin Lisa Meyerhans Sarasin auf Anfrage sagt. Konkret ging es darum, dass Kowä auch die leer stehenden oberen Stockwerke übernehmen sollte. Dies wäre Van den Berg zu teuer und kompliziert geworden.

Deshalb ist am Münsterhof Ende Februar Schluss. Der Mietvertrag wird nicht verlängert. Die Tanova AG prüft derzeit bereits verschiedene Optionen für die Neuvermietung der frei werdenden Flächen in der Liegenschaft. Die zweite Kowä-Filiale an der St. Peterstrasse in der Altstadt ist gemäss Van den Berg zu klein, um allein zu überleben. Bis Ende Juni gibt es dort einen Liquidationsverkauf – dann hört Kowä ganz auf zu existieren.

Ein Korsettersatz namens «Büstenhalter»

Im Schatten der grossen Namen von der nahen Bahnhofstrasse geht dann zu Ende, was einst an einer der besten Adressen der Stadt begonnen hatte: im Zunfthaus zur Meisen, diesem Rokokopalais, das den Münsterhof zur Flussseite abschliesst. Dort befand sich in den Dreissigerjahren das erste Reformhaus der Stadt, das 1899 gegründete Reformhaus Egli, das es bis heute gibt.

Ein bunter Hund in Zürich: Der Kowä-Terrier in einer Zeitungsannonce aus dem Jahr 1961

Dieses pries nicht nur gesunde Lebensmittel an, sondern auch gesunde Bekleidung – darunter ein Stück, das man jeder Frau unter der Weihnachtsbaum legen müsse, wenn man sie lieb habe: einen «praktischen, billigen Korsettersatz» namens «Büstenhalter». Auch die Korsette, die Egli verkaufte, waren ganz im Sinn der Reformbewegung: weniger eng, weniger einschnürend.

Dieser Geschäftszweig war offenbar derart lukrativ, dass ihn Amalie Koller-Egli, eine Tochter der Unternehmensgründerin, damit selbstständig machte. Zunächst lief das Geschäft unter dem Namen Kowä noch als Teil des Reformhauses – heute würde man von einem «Shop-in-Shop» sprechen –, aber bald schon übernahm es den Standort ganz. Auch der Mädchenname Egli verschwand nun, damit war die Emanzipation vom Mutterhaus abgeschlossen.

Der Inbegriff von Wäsche

Das moderne, minimalistische Design der ersten Inserate wich bald weniger abstrakten Motiven – solchen mit dem berühmten Hündchen. Erfunden hatte dieses der Zürcher Künstler Roland Edmond Brunhoff, ein Verwandter von Jean de Brunhoff, der zur gleichen Zeit als Zeichner der Kinderbuchreihe um den Elefanten Babar populär wurde.

Das Hündchen hatte derartigen Wiedererkennungswert, dass es zum Symbol für Kowä wurde und Kowä zum Inbegriff von Wäsche für Frauen mit gehobenen Ansprüchen.

Laut Johannes Koller, dem ältesten noch lebenden Spross der Kowä-Dynastie, hatte das Motiv keinerlei tiefere Bedeutung. Es gefiel einfach und hatte durchschlagenden Erfolg. Es hatte derartigen Wiedererkennungswert, dass es zum Symbol für Kowä wurde und Kowä zum Inbegriff von Wäsche für Frauen mit gehobenen Ansprüchen. Schon früh gab es eine zweite Filiale an der Bahnhofstrasse, weitere in Lausanne und Basel sollten folgen.

Das Sortiment umfasste nicht nur Unterwäsche, sondern auch «Hausdresses» für Frauen, also Nachthemden, Pyjamas und dergleichen, die den Geist der jeweiligen Zeit atmen. In den Fünfzigern zum Beispiel «original-japanische Kimonos» in «exotisch-aparten» Farben und entmagnetisierte Unterröcke, die nicht dauernd hochgleiten.

In den Sechzigern lockerten sich die Sitten etwas, und es wurde als ausgefallene Exklusivität ein «Jama» angepriesen, also bloss die obere Hälfte eines Pyjamas – für Frauen, die «von der Natur mit einer jugendlich sportlichen Figur und keckem Sinn beschenkt» worden seien.

Von «keck» zu «frivol»

Das oft verwendete Adjektiv «keck» ist ein Platzhalter, bürgerlich verbrämte Erotik. Erst in den Siebzigern nannte die «Schweizer Illustrierte» die Sache beim Namen, als sie auf freizügig bebilderten Dessous-Mode-Seiten der Leserschaft «sieben Sachen» zeigte, die «sexy machen». Dazu gehörten auch «frivole Häkeleien» und «offenherzige Blusen» von Kowä, die den Models übergestreift wurden. Korsette waren da längst kein Thema mehr, der Firmenname stand nun für «Koller-Wäsche».

Endlich frei: Kowä-Wäsche liess die Frauen durchatmen. (Bild: Annonce 1940)

Als die Familie Koller das Unternehmen Ende der Achtziger verkaufte, war der Zenit überschritten. Aus der Westschweiz hatte man sich bereits zurückgezogen, und das Kowä-Hündchen, einst Symbol einer Erfolgsgeschichte, wurde für die neuen Eigentümer zur Belastung. «Es stand für hochpreisige, schicke, aber auch etwas angestaubte Wäsche», sagt Robert van den Berg. Also wurde es möglichst diskret entsorgt – zum Entsetzen vieler damaliger Stammkundinnen, Geschäftspartner und der Kollers.

«Bald tötelets richtig in der Stadt»

Dass die grosse Zeit der Zürcher Traditionshäuser zu Ende geht, zeigte sich im Fall von Kowä spätestens Ende der Neunziger: Damals übernahm der Luxuswarengigant Louis Vuitton den Laden an der Bahnhofstrasse, im Abtausch gegen das weniger gut gelegene, kleinere Lokal an der St. Peterstrasse.

Robert van den Berg macht diese Entwicklung Mühe: «Wenn das die Zukunft ist, tötelet es in der Stadt bald richtig.» Am Münsterhof sind in den letzten Jahren schon Institutionen wie Büro-Fürrer, das Schuhcafé und das Chäs-Vreneli verschwunden, demnächst schliesst auch die Modeboutique Looq.

Van den Berg ist nicht nur von renditefixierten Hauseigentümern enttäuscht, die dem Detailhandel gegenüber negativ eingestellt seien, sondern auch von den städtischen Behörden und der Politik. «Die leben in einer anderen Welt und hören uns nicht mehr zu, immer legitimiert mit dem Wählerwillen.» Die Umgestaltung des Münsterhofs sei missglückt, weil dieser so kahl geworden sei, dass er nicht zum Verweilen einlade – es habe aber nicht den Ausschlag gegeben, dass nun Schluss sei.

Erstellt: 21.01.2020, 11:50 Uhr

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