«Zürcher Velofahrer bezahlen Bussen, weil Alternativen fehlen»

Der tödliche Velounfall beim Hauptbahnhof bewegt Auto- wie Velofahrer. Dabei werden auch Vorwürfe gegen die Radfahrer erhoben und mehr Kontrollen gefordert. Dave Durner von Pro Velo Zürich nimmt Stellung.

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Der tödliche Velounfall veranlasste nicht nur über 4000 Personen, eine Petition für sichere Velowege zu unterzeichnen. Er führte auch zu einer regen, teils gehässigen Diskussion in der Kommentarspalte. Weshalb bewegt das Thema derart viele Leute so stark?
Immer wieder wird mir gesagt, dass es auf Zürichs Strassen emotionaler und aggressiver zu- und hergehe als in anderen Städten. Zum Beispiel Deutsche finden es krass, sich im Zürcher Verkehr zu bewegen. Die Gehgeschwindigkeit der Fussgänger ist die schnellste, schneller als in New York oder Tokio. Auch die Velo- und Autofahrer bewegen sich sehr schnell, alle sind gehetzt. Das bewegt offenbar alle. Und das Thema wird zum Teil auch von rechtsbürgerlicher Seite hochgespielt.

Viele Kommentarschreiber bedauern den Unfall, kritisieren aber auch das Verhalten der Velofahrer. Sie seien oft rücksichtslos und missachteten Verkehrsregeln.
Es gibt tatsächlich Velofahrer, die sich total daneben verhalten. Bei mehr als der Hälfte der Unfälle mit der Beteiligung von Velofahrern sind nicht die Velofahrer schuld. Die häufigste Ursache sind Autofahrer, welche dem Velo den Platz wegnehmen oder den Weg abschneiden.

Wieso kommt dann der Eindruck auf, die Velofahrer seien schuld?
Es ist auffälliger, wenn ein Velo bei Rot über die Kreuzung fährt oder Fussgängern den Weg abschneidet. Wenn ein Auto das Velo nicht passieren lässt, sieht man das kaum. Weshalb das Thema aber derart ideologisch aufgeladen wird, kann ich mir nicht erklären.

Trotzdem: In der Stadt halten sich viele nicht an die Regeln. Bringen mehr Kontrollen etwas?
Ich habe den Eindruck, dass man jene, welche man erwischen sollte, nicht erwischt. Kontrollen finden heute oft an unmöglichen Orten statt. Zum Beispiel werden Velofahrer auf der Wipkingerbrücke gebüsst, weil sie auf dem Trottoir fahren – obwohl ein Piktogramm sie auf diesen Weg leitet, nicht aber wieder runter auf die Strasse. Oder auf der Langstrasse, wo wir vor zehn Jahren 10'000 Unterschriften einreichten, um sie für Velos in beiden Richtungen zu öffnen. Ein Projekt liegt zwar vor, aber es wird nicht umgesetzt. Das hat zur Folge, dass man immer riskiert, gebüsst zu werden. Der Lerneffekt an solchen Orten tendiert jedoch gegen null.

Schrecken Bussen nicht ab?
Wenn man in Zürich Velo fährt, gehört es dazu, dass man mindestens einmal pro Jahr eine Busse zahlt, am anderen Tag fährt man aber trotzdem wieder an derselben Stelle durch, weil praktikable Alternativen fehlen.

Am Unfall in der HB-Unterführung war ein LKW beteiligt. Wie soll man sich als Velofahrer verhalten, wenn man einem Lastwagen begegnet?
Man sollte sich nie auf der Seite aufhalten, egal ob der Lastwagen steht oder fährt. Man müsste alle Velofahrer einmal in einen LKW setzen, damit sie sehen, wie gross der tote Winkel ist.

Erstellt: 07.10.2013, 11:31 Uhr

«Es gibt Velofahrer, die sich danebenbenehmen»: Dave Durner, Geschäftsführer Pro Velo Kanton Zürich. (Archiv TA) (Bild: Doris Fanconi)

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