Zürcher Yuppies verdrängen Familien

Wohnungsknappheit und hohe Mietpreise verdrängen Familien aus der Innenstadt, warnt Niklaus Scherr vom Mieterverband. Er befürchtet eine «Yuppiesierung» Zürichs.

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Dass laut offizieller Statistik nur 57 Wohnungen in der Stadt Zürich leer stehen (TA vom 6. August), ist für Niklaus Scherr nichts Neues: «Die Leerstandsziffer ist in Zürich traditionell sehr tief.» Der Geschäftsleiter des Stadtzürcher Mieterinnen- und Mieterverbands und Gemeinderat der Alternativen Liste spricht darum lieber von Mietzins- statt von Wohnungsnot. Tatsächlich war die Lage vor 20 Jahren noch dramatischer: Damals standen in der Stadt Zürich am Stichtag laut offizieller Statistik sogar nur gerade 8 Wohnungen leer. In den wirtschaftlich schwachen 90er-Jahren stieg die Leerwohnungsziffer dann stark an, um jetzt wieder auf ein neues Tief zu sinken.

Eigentümer maximieren Profite

Diese Entwicklung werde weitergehen und noch beschleunigt, fürchtet Scherr. «Die privaten Hauseigentümer werden die Marktsituation ausnützen und ihre Gewinne maximieren.» Als Beispiel, wo das schon passiert ist, nennt Scherr den Kreis 1: Dort klaffen die Mietzinsen zwischen gewinnorientiertem und gemeinnützigem Wohnungsbau am weitesten auseinander. Für eine 1-Zimmer-Wohnung bezahlt man laut Statistik im freien Markt rund 40 Franken pro Quadratmeter und Monat. Im gemeinnützigen Wohnungsbau, wo keine Marktmieten verlangt werden, ist es weniger als die Hälfte.

Diese Preisschere sieht Scherr auch im Seefeld und in den Kreisen 5 und 6 auseinanderklaffen. Als Nächstes sei jetzt Wipkingen an der Reihe. Er nennt drei Entwicklungen, die dazu führen, dass Familien aus der Innenstadt verdrängt werden:

Zweitwohnungen: «Es gibt Leute, die eine Villa auf dem Land besitzen, sich aber auch eine Stadtwohnung leisten können», sagt Scherr.

Businessapartments: So genannte Relocation-Firmen bieten möblierte Apartments zu sehr hohen Mietpreisen an. Kunden sind Arbeitgeber, die für nur vorübergehend in Zürich arbeitende, hochqualifizierte Mitarbeiter Unterkünfte brauchen.

Zuwanderung: Hochqualifizierte Ausländer, die nach Zürich ziehen, beziehen teure Wohnungen. «Eigentlich könnten diese sich Wohneigentum leisten. Aber sie drängen in Zürich auf den Mietmarkt», sagt Scherr.

Diese Entwicklungen verdrängen Familien aus den Trendquartieren im Zentrum Zürichs. Leisten können sich Wohnungen dort vor allem noch Singles und Doppelverdiener ohne Kinder - sogenannte Yuppies. Darum befürchtet Scherr eine «Yuppiesierung» Zürichs. «Eine Stadt lebt von der Vielfalt, von verschiedenen Lebensstilen und Altersgruppen» sagt Scherr, «wenn die Vielfalt fehlt, stirbt die Stadt.»

Hauseigentümer: Kein Problem

Mit Scherrs Thesen nichts anfangen kann Hans Egloff, Präsident des Zürcher Hauseigentümerverbands und SVP-Kantonsrat. Egloff anerkennt, dass die von Scherr befürchtete Entmischung «keine gute Entwicklung» wäre. Er bestreitet aber, dass die Analyse richtig ist: «Der Leerwohnungsbestand ist sicher nicht so tief, wie ihn die Statistik angibt: Allein auf der Internet-Immobilienbörse Homegate sind zurzeit über 600 Wohnungen oder Häuser in der Stadt Zürich zur Vermietung ausgeschrieben.» Tatsächlich sprechen die Statistiker heute auch bei extrem tiefen Leerwohnungsbeständen von einem funktionierenden Wohnungsmarkt (TA vom 12. August).

Hauseigentümer-Vertreter Egloff bestreitet auch, dass der Wohnungsmarkt nur für Reiche funktioniert: Der Bau neuer Wohnungen sei auf einem Höchststand: «Auch Genossenschaften bauen wie die Weltmeister, und es werden auch günstige Wohnungen gebaut.» Das Angebot an Wohnungen sei in allen Preislagen gestiegen und vom Markt gut aufgenommen worden. Egloff erinnert zudem daran, dass ein Viertel der Wohnungen in der Stadt Zürich gemeinnützig und damit den Marktpreisen entzogen sind. Zürich hat damit den höchsten Anteil im gemeinnützigen Wohnungsbau in der Schweiz. «Zudem zeigt die Mietzinsstatistik der letzten Jahre, dass die Mietzinsen in Zürich durchschnittlich langsamer steigen als die Löhne.»

Auch Egloff beobachtet, dass Eigentümer für Wohnungen in Trendquartieren sehr hohe Preise verlangen, und nennt das Beispiel einer Seefeld-Wohnung zu 16 500 Franken pro Monat, die der Besitzer problemlos vermieten konnte. Für Egloff deuten solche Beispiele aber nicht auf einen allgemeinen Trend. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2008, 12:48 Uhr

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