Zürcher leben in zu grossen Wohnungen

Der Mieterverband fordert im Wohnungsbau ein Umdenken. Auch der «Fetisch der Verdichtung» sei kritisch zu hinterfragen.

Wie viel Platz braucht der Mensch zum wohnen? Blick aus einer neuen Eigentumswohnung im Mobimo Tower in Zürich West. Foto: Keystone

Wie viel Platz braucht der Mensch zum wohnen? Blick aus einer neuen Eigentumswohnung im Mobimo Tower in Zürich West. Foto: Keystone

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AL-Gemeinderat Niklaus Scherr predigt es schon lange: Verdichtung führt zu einer sozialen Entdichtung. Nun liefert ihm eine neue Studie die Zahlen: In der Stadt Zürich ist der Wohnflächenverbrauch pro Person in den letzten zehn Jahren massiv gestiegen. Unabhängig davon, ob jemand in einer Baugenossenschaft lebt oder in einer Eigentumswohnung. Letztere machen ein Viertel aller neuen Wohnungen aus. Seit dem Jahr 2000 hat sich ihr Bestand beinahe verdoppelt. Den 17 035 Eigentumswohnungen stehen heute 46 487 Wohnungen in Baugenossenschaften gegenüber (+15,7 Prozent). Die meisten Wohnungen in der Stadt Zürich werden nach wie vor von Privaten vermietet (85 841). Starke Bautätigkeit zeigten im vergangenen Jahrzehnt die Aktiengesellschaften. Ihr Wohnungsbestand hat sich um knapp 33 Prozent auf 32'353 vergrössert.

An der gestrigen Pressekonferenz des Mieterverbands kritisierte Scherr abermals die Entwicklung hin zu immer grösseren Grundrissen und forderte eine Korrektur der Stadtzürcher Wohnungspolitik. «Hauptsündenbock dieser Geschichte ist das Stockwerkeigentum», sagte er – und brachte das Beispiel einer sechsköpfigen Familie, die bis vor kurzem noch in einer 4-Zimmer-Wohnung an der Weststrasse gewohnt habe, welche nun, umgebaut, von einem alleinstehenden Yuppie belegt werde. Oder jenes von der Neufrankengasse, wo 50 Menschen, ehemalige Gleisarbeiter oder deren Witwen, auf 1000 Quadratmetern gelebt hatten, ehe 50 andere Menschen sie ersetzt haben, die sich nun 3385 Quadratmeter teilen. Dies sei nicht nur asozial, sondern auch unökologisch, sagte Scherr. Energetische Verbesserungen würden so durch den steigenden Pro-Kopf-Flächenkonsum neutralisiert.

Ein Problem seien die Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen, sagte Scherr. In den letzten 10 Jahren war dies bei rund 2500 Wohnungen der Fall, was 1 Prozent des gesamten Bestandes entspricht. Eine Wand raus, Wohnküche rein – und aus der Familienwohnung wird eine attraktive Loge für Doppelverdiener ohne Kinder. Das Resultat sei auch hier soziale Entdichtung. «Der Fetisch Verdichtung muss kritisch hinterfragt werden», sagte Scherr.

Senioren meiden Neubauten

Der Trend hin zu mehr grossflächigen 4- und 5-Zimmer-Wohnungen hat demografische Folgen: Ältere Personen sind in Neubauten deutlich untervertreten. Sie benötigen weniger Platz und wollen nicht so viel ausgeben. Aber auch Familien kommen nicht in dem Masse wie gehofft. Vielen seien die neuen Wohnungen in der Stadt schlicht zu teuer, sagte Scherr. Er wusste von einer Überbauung in Zürich-Nord zu berichten, in der eine 4½-Zimmer-Wohnung 3500 Franken kostet. Die Eigentümerin habe, weil die Familien ausblieben, schliesslich Kontaktapéros für Singles durchführen müssen. «Nun gibt es dort zahlreiche Kuppel-WGs, made by Wincasa.»

Die Grundrisse müssten bescheidener und funktionaler werden, sagte Scherr. Man könne heute problemlos eine 4-Zimmer-Wohnung auf 90 Quadratmetern bauen, ohne dass diese als «Armeleutewohnung» daherkomme. Es brauche weniger «elende Wohnküchen», dafür mehr funktionale Wohnungen. Felicitas Huggenberger vom Mieterverband pflichtete ihm bei: «Unsere Klientel braucht keine 120 Quadratmeter.»

Nun sei die Politik gefordert, sagte Scherr. Mit klaren Signalen an Investoren und planerischen Leitplanken.

Erstellt: 19.09.2013, 07:39 Uhr

Wir leben den Widerspruch

10 000 Wohnungen in 10 Jahren versprach der damalige Stadtpräsident Elmar Ledergerber vor der Jahrtausendwende. Das Legislaturziel wurde schnell erreicht, doch nicht im Sinne der Erfinder. In die grossen Wohnungen zogen nicht Familien, sondern reiche Singles und Doppelverdiener.

Eine Überraschung ist das nicht. Gentrifizierung findet auch in London oder in Paris statt. Nur gibts in Zürich ein Problem. Vor fünf Jahren hat sich die Bevölkerung ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Der Energieverbrauch von 6000 Watt pro Person soll bis ins Jahr 2050 auf 2000 Watt gesenkt werden. Die 70 Quadratmeter Wohnfläche, die ein Bewohner einer Eigentumswohnung heute für sich beansprucht, passen nicht in die Rechnung, auch wenn das Haus das Label Minergie Plus trägt und der Kühlschrank darin ein Doppelplus. Da hilft selbst alles Kompensieren nach dem SüdostasienTrip über Weihnachten nichts.

Die Forderung des Mieterverbands nach familienfreundlicheren Grundrissen ist konsequent. Und sie bringt Erleichterung im Alltag: Die Frage, wo im 60-Quadratmeter-Wohnzimmer das Sofa aufgestellt werden soll, erübrigt sich. Wohnbaugenossenschaften und die Stadt planen bei ihren Neubauten mittlerweile mit kleineren Zimmern.

Dem Rest bleibt nichts anderes übrig, als den Widerspruch zu geniessen. Oder, falls das schlechte Gewissen zu stark sein sollte, sich für die Streichung des 2000-Watt-Ziels aus der Gemeindeordnung einzusetzen.

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