Zürich – die Pionierstadt der Open-Data-Bewegung

Die Behörden geben ausgewählte Datensätze sukzessive zur öffentlichen Nutzung frei. Open-Data-Anwendungen sollen mittelfristig wirtschaftliches Wachstum generieren.

Die Open-Data-Spezialisten: Michael Grüebler (l.) und Marco Sieber im Sitzungssaal von Statistik Stadt Zürich.

Die Open-Data-Spezialisten: Michael Grüebler (l.) und Marco Sieber im Sitzungssaal von Statistik Stadt Zürich. Bild: Doris Fanconi

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Die Stadt Zürich soll bis ins Jahr 2025 europaweit ein bevorzugter Standort für Dienstleistungen und Infrastruktur im ICT-Bereich sein (Information and Communication Technology). Das hat der Stadtrat schon vor geraumer Zeit beschlossen. «Wir möchten, dass Zürich zum Silicon Valley von Europa wird», sagt Michael Grüebler, der Leiter Innovation & Technologie von Statistik Stadt Zürich. Das aktuellste Projekt ist Open Data. Darunter versteht man, dass die Verwaltung der Öffentlichkeit Datensätze in maschinenlesbarer Form, barrierefrei und gratis zur Verfügung stellt. Findige Geister haben dann die Möglichkeit, die Daten aus verschiedenen Ämtern aufzubereiten, zu kombinieren und daraus nützliche Anwendungen für private Nutzer und Firmen zu entwickeln.

Vorreiter der Open-Data-Bewegung sind die USA und Grossbritannien. In Europa unterhalten Wien, Berlin oder London bereits Portale. Der Bund springt am 16. September auf den Zug auf und publiziert auf der Plattform Opendata.admin.ch rund 400 Datensätze zur Sekundärnutzung (TA vom Montag). Zürich als Pionierstadt betreibt seit Juni 2012 unter Stadt-zuerich.ch/ogd das bislang einzige Portal der Schweiz.

Open Data soll sich auszahlen. Der Bund geht in seiner gestern vom TA publik gemachten Studie von einem jährlichen Wirtschaftswachstum von rund 1 Milliarde Franken aus. Allerdings sei Open Data «noch ein ganz kleines Pflänzchen», räumt Grüebler ein. Tatsächlich erinnert der neuste Hype an die Anfänge des Internets: Man erahnt die Möglichkeiten, weiss aber noch nicht, was kommerziell erfolgreich sein könnte. In Zürich liegt mittlerweile eine Handvoll Anwendungen vor.

Nice to have – oder mehr?

Nice to have ist beispielsweise der Gratis-«Street names cleaner» des Softwareentwicklers Julius Chrobak. Wenn man einen verstümmelten Strassennamen eingibt, etwa «Limtqai», korrigiert die App – nachdem sie das behördliche Strassenverzeichnis durchforstet hat – auf «Limmatquai». Geschäftsmöglichkeiten zeichnen sich hingegen bei der Kibesu-Anwendung ab, die auf der behördlichen Liste der 260 städtischen Kinderkrippen basiert und auch Webdienste anbietet.

Mittlerweile sind auf dem Zürcher Open-Data-Portal 163 Datensätze verfügbar. Grüebler und Open-Data-Projektleiter Marco Sieber sagen, die Community zeige insbesondere Interesse für Datensätze, die so noch nicht erhältlich gewesen seien, beispielsweise für den Kataster der 50 000 Bäume auf öffentlichem Grund oder die Velozählstellen (beide seit Juli online). Bislang am häufigsten wurde der Stadtplan-WMP (Web Map Service) heruntergeladen, welcher die städtischen Basiskarten und alle auf dem Portal verfügbaren Geodaten enthält (Standorte von Kitas, WCs, Restaurants, Sport- und Spielplätzen etc.).

Welche Anwendungen könnten aus diesen Datensätzen resultieren? Da rätseln auch die beiden Datenfreaks: eine Baumkataster-App, die Allergiker vor Birken warnt? Eine App über die städtischen Wohnungen inklusive Leerstände? Oder eine Navigations-App für Smartphones nach Wiener Vorbild, die Sehbehinderten basierend auf dem Stadtplan den Weg weist? Als die Stadt Zürich kürzlich an einem «Hackday» für OpenData-Tüftler in Bern und Siders ihre Datensätze vorstellte, beispielsweise das städtische Budget oder den Index der Wohnbaupreise, endete das Referat mit der Aufforderung: «Haut rein, ran an die Tasten und viel Spass dabei!»

Bis Ende Jahr haben Grüebler und Sieber ein gedrängtes Programm: Die Software wird auf den internationalen Standard CKAN umgestellt, den auch der Bund verwendet. «Wir würden die Plattformen gern miteinander verbinden und mittelfristig ein schweizerisches Open-Data-Netz mit nationaler Suchmöglichkeit knüpfen», sagt Sieber. Zudem wird abgeklärt, was das Projekt die Stadt kostet – man hofft auf ein Nullsummenspiel, weil die Ämter gegenseitig von der besseren Datenverfügbarkeit profitieren und damit ihre Effizienz steigern könnten. Gesucht werden sodann Studenten, die Diplomarbeiten zu OpenData-Themen schreiben wollen. Parallel dazu veranstaltet Open Data Zurich Stammtische, an denen jeweils zwei Dutzend Leute aus der Community teilnehmen. Im Oktober und November werden sodann drei «Hacknights» organisiert. Was gerade läuft, ist auf Twitter zu erfahren (@OpenDataZurich). Alles in allem versucht die Stadt, auszumachen, an welchen Datensätzen Programmiererinnen und Programmierer besonders interessiert sein könnten.

Welche Daten in welcher Form dann aber tatsächlich herausgegeben werden können, entscheiden die zuständigen Stellen und deren Rechtsdienste. Datensätze, welche beispielsweise die Herstellung von Personenprofilen erlauben, bleiben unter Verschluss. Wer heikle Daten anfordern will, der muss nach wie vor gemäss dem seit 2008 geltenden Öffentlichkeitsprinzip ein Gesuch um Einsicht stellen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2013, 07:20 Uhr

Besonders beliebt: Der Stadtplan von Zürich. (Bild: Grafik: TA)

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