Zürich als «Venedig Zentraleuropas»

Einst gab es ernsthafte Bestrebungen, den Schanzengraben durchgängig schiffbar zu machen.

Willkommene Abkühlung: Statt zu einer Wasserstrasse ist der Schanzengraben zur Fussgängerpromenade geworden. Das letzte Teilstück wurde 1984 eröffnet. Foto: Sophie Stieger

Willkommene Abkühlung: Statt zu einer Wasserstrasse ist der Schanzengraben zur Fussgängerpromenade geworden. Das letzte Teilstück wurde 1984 eröffnet. Foto: Sophie Stieger

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Das Gesuch stammte von namhaften Organisationen: Der Zürcher Verkehrsverein sowie die Veranstalter mehrerer Grossanlässe forderte den Zürcher Stadtrat im Herbst 1956 auf, den Schanzengraben zur durchgängigen Schifffahrtsstrasse zu machen. Künftig sollte man per Boot von einem Hafen beim Hauptbahnhof bis ins Seebecken fahren können.

Die Promotoren sprachen von einer «bleibenden Attraktion unserer Stadt». Die Schiffe wollten sie, zumindest in den ersten Jahren, auf eigene Rechnung betreiben, wobei ein konzessionierter Vermieter Ruder- und Motorbootfahrten anbieten sollte.

«Reizvolle Erholung»

«Zürich, das Venedig Zentraleuropas?», fragte die NZZ im November 1956 mit ironischem Unterton. Doch im Grundsatz stellte sich das Blatt hinter die Idee. Der Schanzengraben biete viele, selbst den Einheimischen wenig bekannte Uferidyllen: «Eine Bootsfahrt an einem schönen Sommerabend auf diesem stillen Wasser, das freilich wenig tief gründet, wird reizvolle Erholung bedeuten.»

Anfang 1957 erhielt die Forderung nach einer Schiffbarmachung des Schanzengrabens weiteren Auftrieb. Ein Gemeinderat der Unabhängigen reichte im Stadtparlament einen Vorstoss ein mit der Aufforderung an den Stadtrat, so rasch wie möglich ein entsprechendes Projekt auszuarbeiten. Die Stadtregierung gab sich zurückhaltend. Abklärungen hätten ergeben, die Verwirklichung dieses Wunsches sei «mit technischen und finanziellen Schwierigkeiten verbunden». Zwei Brücken hätten eine zu geringe Durchfahrtshöhe, zudem stehe die Badeanstalt am Schanzengraben der Schifffahrt im Wege, wobei allerdings deren Neugestaltung geplant sei..

Sich bücken unter Brücken

Um die Durchfahrt zu ermöglichen, wären laut Stadtrat verschiedene Pfosten und Tragjoche abzuändern. Das Wehr beim ­Hallenbad müsste aufgegeben und unterhalb der Gessnerbrücke neu erstellt werden. Der Einstau des unteren Schanzengrabens hätte «kostspielige Isolationsarbeiten» zur Folge, um die Keller verschiedener Liegenschaften zu schützen. Überdies müsste das linke Schanzengrabenufer gegen die Sihl durch eine Spundwand abgedichtet werden. Die Kosten der Schiffbarmachung bezifferte die Stadt auf «mindestens 610'000 Franken».

Die Schifffahrtsfreunde liessen nicht locker, zumal sie die technischen Hindernisse für keineswegs unüberwindbar hielten: Der Wasserspiegel müsste durch ein kleines Wehr aufgestaut werden, und die alte Badeanstalt sei ohnehin baufällig und werde nur mehr wenig besucht. Die Probleme mit den Brücken seien ebenfalls lösbar, schrieb auch die NZZ: «Wenn sich die Touristen bei der Einfahrt zur Blauen Grotte in Capri platt auf den Bauch legen müssen, werden sie sich für das Vergnügen einer Fahrt auf dem Zürcher Schifflibach auch ein wenig bücken.»

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Von einer Schiffsverbindung im Schanzengraben war 1959 erneut die Rede, damals im Zusammenhang mit dem Start der Limmatschifffahrt, die sofort auf grossen Anklang stiess. So kursierte die Idee eines Rundfahrtenbetriebs, in den sich auch der Schanzengraben einbeziehen liesse. Dessen Schiffbarmachung wäre technisch durchaus möglich, hiess es an einer Veranstaltung der Limmatschifffahrt.

Prompt reagierte auch die Politik. 1960 überwies das ­Stadtparlament einen Vorstoss der Sozialdemokraten mit der Forderung an die Stadt, «die Schiffbarmachung des ganzen Schanzengrabens anzustreben und dem Gemeinderat ein Projekt vorzulegen, damit Schiffrundfahrten Limmat–Zürichseebecken–Schanzengraben verwirklicht werden könnten». Der Stadtrat war zwar zu Entgegennahme bereit, doch im Parlament wurde auch auf Probleme hingewiesen, «die weder technisch noch kostenmässig leicht zu nehmen sind».

Auch Architekten griffen die Idee der Wasserstrasse durch die City auf. 1960 präsentierte die Zürcher Arbeitsgruppe für Städtebau einen Gegenvorschlag zur viel diskutierten Expressstrasse: «Indem der Schanzengraben schiffbar gemacht wird, ergibt sich die Möglichkeit, den erweiterten und verkehrsfreien Bahnhofplatz mit einem kleinen Hafen zu verbinden, als Attraktion für die ankommenden Gäste und als neuartige Verbindung zum See», hiess es in der Zeitschrift «Das Werk».

Zuschütten für Autostrasse

Daneben geisterten noch andere Pläne für den Schanzengraben durch die Zürcher Politik. So etwa jene für eine Zuschüttung des Wasserlaufs mit dem Ziel, eine Autostrasse zu bauen. Bereits in den 1910er-Jahren hatten Städteplaner diese brachiale Idee lanciert. In einer ETH-Studie zum Städtebau im Zürich der 1910er-Jahre bringen David Brunner und Deborah Fehlmann die Zuschüttung des Schanzengrabens in Verbindung mit weiteren Grossvorhaben wie der Trockenlegung des Sihlbettes, der Verlegung des Hauptbahnhofes oder dem Zähringerdurchbruch. Alle diese Pläne standen in erster Linie im Interesse des Verkehrs, so die Autoren. Über eine Schanzengrabenstrasse dachte man in der Stadtverwaltung noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts nach. Dann setzte sich definitiv die Meinung durch, sie sei unnötig und unwirtschaftlich. 1957 bekräftigte der Stadtrat, dass der Schanzengraben nicht zur Strasse werden, sondern als Wasserlauf erhalten werden soll.

Stattdessen wurde der Schanzengraben zur Fussgängerpromenade. Den Anstoss dazu gab 1952 ein Vorstoss des Freisinns. Doch es dauerte bis 1975, bis mit dem Bau begonnen wurde. Vor genau 35 Jahren war das letzte Teilstück vollendet: Bei der Eröffnung im September 1984 sprach der damalige Stadtrat ­Rudolf Aeschbacher von einem «mit Liebe und Einfühlungsvermögen gestalteten Werk», das dem Raum und der Umgebung angepasst sei.

Keine Option mehr

Heute scheint niemand mehr der gescheiterten Schiffsverbindung nachzutrauern. Zürichs Tiefbauvorsteher Richard Wolff (AL) erklärt auf Anfrage: «Dass keine Schiffe im Schanzengraben fahren, ist im aktuellen Verkehrssystem kein Mangel. Auch touristisch ist das Limmatschiff interessanter.» Er sei froh, dass der Schanzengraben als Fussgängerverbindung, Naherholungsraum, Naturraum und lokaler Klimakühler diene. Es sei fraglich, ob er diese Qualitäten hätte, wenn er zur Schiffsverbindung umgebaut worden wäre.

Ueli Heer, Sprecher von Zürich Tourismus, hält eine Neulancierung der Idee ebenfalls für «nicht unbedingt zielführend». Der Wert dieser Fussgängerzone könne nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es handle sich um einen «wundervollen Steg abseits des motorisierten oder elektrischen Verkehrs», der sowohl für Bewohnerinnen und Bewohner wie auch für Touristen eine tolle Möglichkeit darstelle, zu Fuss vom Hauptbahnhof aus den See zu erreichen und umgekehrt.

Erstellt: 17.09.2019, 21:27 Uhr

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