Zürich badet in Aqui-Mineralwasser

Am Wochenende öffnete auf dem Hürlimann-Areal Zürichs erstes Thermalbad. Wer am Sonntag baden wollte, musste Schlange stehen.

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Wenn sich die Dampfschwaden über dem Wasser lichteten, erschien bisher der Piz Lischana, das Falknishorn oder der Gemmipass. Künftig kann es aber auch der kleine Uetliberg sein, der ins Blickfeld rückt, wenn die Zürcherinnen und Zürcher unter freiem Himmel in Thermalwasser baden. Dafür müssen sie nicht mehr nach Schuls, Bad Ragaz oder Leukerbad, denn seit Samstag haben sie ihr eigenes Thermalbad.

Die Aqua-Spa-Resorts-Gruppe hat in den vergangenen zwei Jahren Räume der ehemaligen Brauerei Hürlimann zu einem edlen Thermalbad und Spa umgebaut. Sie hat die riesigen Blechtanks in den Gewölbekellern hinausgeworfen und stattdessen Bassins aus Lerchenholz hineingestellt, die – eine Reminiszenz an Hürlimann – an grosse Bierfässer erinnern. Im früheren Malzlager betreibt sie heute ein irisch-römisches Bad mit Spa, im Sudhaus ein Café. Bereits letzte Woche sind über 5000 Personen auf das Hürlimann-Areal gekommen, nur um das Bad zu besichtigen. Gestern Sonntag standen sie Schlange, um zu baden.

Ein Bad wie ein Kloster

Das Zürcher Thermalbad verfügt über keine Wildwasserrutschen, kein Brandungswellenbad, keine Surfwelle, wie es ursprünglich geplant war. Beim Umbau ist der vermoderte Verputz an den Wänden entfernt worden, und hervorgekommen sind karge Backsteinwände, die dem Bad etwas Klösterliches, fast Andächtiges verleihen. Das Tosen in den Gewölben verursachen alleine die Massagedüsen, die, wenn denn jemand sprechen würde, alle Worte schluckten. Am Samstagmorgen aber liegen die meisten Gäste still und entrückt in den Holzbottichen. Es sind vor allem jüngere Zürcherinnen und Zürcher, viele verliebt; auffallend viele Paare sind darunter, die traut zusammen im Jacuzzi liegen.

Kein Handyempfang im Berg

Anders als im Kinderbassin des Schwimmbades empfiehlt es sich hier durchaus, ab und zu einen herzhaften Schluck vom Badewasser zu nehmen – die Besucher schwimmen in Aqui-Mineralwasser, das Hürlimann früher verkaufte. Aqui-Liebhaber schwören auf dessen Wirkung: Es soll dank seines tiefen Kaliumgehalts Nierensteinen und Blasenentzündungen vorbeugen und selbst bei Magenbrennen helfen. Es ist 23,5 Grad warm, wenn es aus dem Berg tritt und wird fürs Bad zusätzlich erwärmt. Kurgäste gehören im Zürcher Thermalbad aber nicht zur Zielgruppe.

Laut Roger Bernet, Geschäftsleiter der Aqua Spa Resorts, richtet sich das Angebot vor allem an Zürcherinnen und Zürcher, die sich entspannen und erholen wollen. Etwas anderes bleibt ihnen kaum übrig: 15 Meter tief im Sihlberg drin gibt es keinen Handyempfang, auf dem Display heisst es nur: «kein Dienst». Fenster, die den Tagesverlauf anzeigen würden, fehlen, Uhren muss man suchen. Damit die Gäste die Zeit vergessen können, ist die Länge des Aufenthalts auch nicht beschränkt.

28 Millionen ins Bad investiert

In der Brauerei Hürlimann wurde während fast 150 Jahren Bier gebraut, der letzte Schluck 1997. Danach wollte die Migros ein Erlebnis- und Thermalbad einrichten, gab die Pläne aber auf, weil sie nicht genug Parkplätze anbieten konnte. Im Mai eröffnet im Kühlschiff über dem jetzigen Thermalbad ein Boutique-Hotel mit 56 Zimmern und 8 Suiten. Betreiberin ist die Turicum Hotel Management Group. Die Besitzerin des Hürlimann-Areals, die PSP Swiss Property, hat 32 Millionen in das Hotel investiert, 28 Millionen in das Bad. Roger Bernet rechnet, dass es pro Jahr 150'000 Besucher anziehen wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2010, 23:12 Uhr

Thermalbad und Spa Zürich

Das Thermalbad Zürich auf dem Areal der Brauerei Hürlimann ist die ganze Woche hindurch von 9 bis 22 Uhr geöffnet, an den Feiertagen gelten jedoch spezielleÖffnungszeiten. Der Eintritt ins Thermalbad kostet 32 Franken, ins Irisch-römische-Spa-Ritual 55 Franken. Bei Letzterem empfiehlt es sich, zu reservieren, im Thermalbad ist dies hingegen nicht möglich. Kinder sind nur im Thermalbad zugelassen. Die Gäste müssen in allen Zonen Badekleider tragen. Die Aufenthaltszeit ist nicht beschränkt – schliesslich sollen hier die Gäste die Zeit vergessen.(jho)

Thermalbad im Seefeld gescheitert

Trotz Ja der Stimmenden

Pläne für ein Thermalbad in der Stadt Zürich gab es schon früher. Nicht auf dem Hürlimann-Areal, sondern auf der rechten Seeseite beim Zürichhorn. Dort bohrte die Stadt 1979 ein Loch, inspiriert von der Brauerei Hürlimann, die zuvor auf ihrem Grundstück in der Enge erfolgreich nach Mineralwasser gesucht hatte. Tatsächlich wurde man auch im Seefeld in 736 Meter Tiefe fündig: Wasser mit einer Temperatur von knapp 25?Grad. In der Stadt machten Ideen für ein eigenes Thermalbad die Runde, doch scheute man die Kosten. So wurde das warme Wasser viele Jahre lang in den Teich neben der Fischstube geleitet, was die Enten ins Schwitzen brachte.

1987 machte eine Volksinitiative von bürgerlicher Seite dem Stadtrat Dampf: Sie verlangte ein Thermalbad auf der Wiese an der Kreuzung Bellerive-/Hornbachstrasse, wobei die Befürworter versicherten, dass Private das Bad bauen und betreiben würden; die Stadt hätte das Land bloss zu günstigen Konzessionen abgeben müssen.

Im März 1995 sagten 55 Prozent der Stimmenden Ja, einzig der Kreis 8 lehnte ab, vor allem wegen des befürchteten Mehrverkehrs. Doch das Ja brachte nichts. Kein Investor meldete sich, niemand zeigte Interesse, 30 Millionen Franken zu verbauen auf einem Grundstück, auf dem eine Baulinie für die Zufahrt zum Seetunnel lag. Würde der Tunnel gebaut, müsste das Bad weichen. 1998 schrieb der Gemeinderat die Volksinitiative als unerfüllbar ab. Heute wird das warme Wasser aus der Tiefe für die Beheizung des Restaurants Lake Side verwendet.(jr)

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