Zürich, das grosse Wohnlabor

In der Stadt wurden in den letzten Jahren Wohnutopien wahr. So wie jüngst in der Siedlung Kalkbreite. Engagierte denken aber schon viel weiter.


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Die sind doch alle verrückt! Idealisten, Utopisten, Sozialromantiker! Doch auch wenn dies der Fall sein sollte: Irgendwie ist diese Verrücktheit ansteckend. Wieso sonst entstehen in Zürich im Moment Wohnprojekte, die in Europa ihresgleichen suchen? Andreas Hofer, Architekt und Mitgründer der ersten Siedlung der Genossenschaft Kraftwerk 1 neben dem alten Hardturmstadion, – auch so eine real gewordene Wohnutopie – bekommt jedenfalls in letzter Zeit oft Besuch.

Der flämische Planerverband war kürzlich in Zürich, das Wiener Wohnbauamt und der norwegische Architektenverband. Sie wollen sie sehen, diese Bauten, in denen die Menschen in Genossenschaften nicht nur nebeneinander, sondern miteinander leben. Und das nicht etwa in identischen Wohnungen, die wir von Blockrandsiedlungen aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts kennen, oder den modernen «Crèmeschnitten», den Klötzen aus Beton und Glas. Sondern in sehr unterschiedlich grossen bis sehr grossen Wohnungen für dementsprechend viele Bewohner.

Einander helfen und aushelfen

Die Besucher schauen sich auch die gerade bezogene Wohn- und Gewerbesiedlung Kalkbreite an mit Gross-WG, den Familien- und Clusterwohnungen – also Einzimmerwohnungen mit kleinen Kochnischen, die um eine Grossküche herum angeordnet sind. Ein Verein kocht in der Genossenschaft für seine Mitglieder. Man will sich dort zusammentun, einander helfen und aushelfen.

Und Hofer führt seine Besucher zum Mehrgenerationenprojekt Hunziker-Areal in Zürich Leutschenbach der Genossenschaft Mehr als Wohnen. Dort werden im November die ersten Häuser bezogen. 1300 Menschen werden in der Siedlung leben und arbeiten. Aus der peripheren Wohnlage am Stadtrand soll ein lebendiges Stadtquartier werden, mit allem, was es dazu braucht: Läden, Handwerker, Ateliers und Restaurants. Wie die Erdgeschosse dereinst aussehen werden, wird sich zeigen. Die Bewohner sollen mitbestimmen, wie die Räume genutzt werden. Ein eigenes Auto werden die wenigsten haben. Zudem gilt: Es soll pro Person so wenig Energie wie möglich verbraucht werden.

Auf dem Hunziker-Areal wird im Grossmassstab realisiert, was in der Kalkbreite, in der Genossenschaft Kraftwerk 1 an der Hardturmstrasse und seinem Nachfolgeprojekt, der Siedlung Heizenholz in Höngg, im Kleineren gelebt wird: Nachhaltigkeit, sozial und ökologisch.

Bauen an der Zukunft

«Laborsituation» nennt Architekt Hofer das, was in Zürich zurzeit geschieht. «Fast nirgendwo sonst», sagt er, «gibt es auf so kleinem Raum so viele unterschiedliche Wohnformen.» Auch zwischen Dübendorf und Wallisellen, auf dem Areal der ehemaligen Spinnerei Zwicky, wird im Auftrag der Genossenschaft Kraftwerk 1 an der Zukunft gebaut. Oder an dem, was Hofers Weggefährte und Vordenker dieser Wohnabenteuer, der Zürcher mit dem Pseudonym P. M., schon seit 30 Jahren für die Zukunft hält: multifunktionale Nachbarschaften.

Kommunen für 500 Personen

Hofer und P. M. gehörten zu den Verrückten, zu den Idealisten, Sozialromantikern, ja Utopisten.

Wie diese Utopie ausschaut, hat P. M. 1983 in «Bolo’Bolo» beschrieben, dem in Deutsch längst vergriffenen Büchlein mit augenzwinkerndem Ernst. Zu haben ist es noch in Englisch und in vielen anderen Sprachen.

P. M.’s «Bolo’Bolo» liest sich wie die Anleitung eines Gesellschaft-Brettspiels. Die Menschen, Ibus, leben in Bolos, in Kommunen also, wo es Platz gibt für 500 Personen. In Bolos können sich Leute mit ähnlicher Weltanschauung ­zusammentun. Wie die ausschaut, wird selbstverständlich basisdemokratisch diskutiert.

Ein Bolo besteht aus Wohn- und Werkstattgebäuden. Ziel ist die Selbstversorgung. Dazu besitzen Bolos Ackerflächen. In den Werkstätten schaffen die Ibus, was sie brauchen: Kleider und Möbel. Fabriken sind keine mehr nötig, denn Ibus sind mit wenig zufrieden. In der Bolo-Grossküche verarbeiten sie die Lebensmittel. Ziel ist zwar die Selbstständigkeit, aber keinesfalls die Isolation. Bolos stehen in regem Austausch. Idealerweise ist jedes Bolo auf eine Dienstleistung oder ein Produkt spezialisiert. Es wird also getauscht. Geld ist längst abgeschafft in dieser Utopie. Denn die Geldwirtschaft, so P. M. in der Einführung zu «Bolo’Bolo», macht uns zu dem, was wir sind: Gehetzte, die viel arbeiten, damit andere reich werden. Zu einsamen Menschen, die Lebensinhalt suchen, aber nie die Zeit finden, sich tatsächlich auf die Suche zu begeben.

Als «Bolo’Bolo» 1983 in alternativen Kreisen herumgereicht wurde, herrschte Katerstimmung auf der Welt, auch in Zürich. Die zweite Ölkrise hatte dafür gesorgt, dass in den USA die Arbeitslosigkeit auf fast zehn Prozent anstieg. Amerika hustete, und der Welt drohte die Grippe. Man musste auch hierzulande damit rechnen, aus der «Planetaren Arbeitsmaschine», die P. M. in «Bolo’Bolo» beschreibt, ausrangiert zu werden.

Zürich statt Longo Mai

Ein paar wenige haben sich schon damals aus dem Rennen genommen, haben Kommunen gegründet im Tessin oder sind nach Südfrankreich ausgewandert, in die solidarische Kooperative Longo Mai.

Doch wieso sich in abgelegene Berg­regionen verabschieden, wenn man auch in der Stadt sich verwirklichen könnte? Dafür haben sie dann gekämpft, diese Sozialromantiker, auch mit illegalen Mitteln. Häuser wurden besetzt, man skandierte «Wo-Wo-Wohnige». Um ein Haus am Stauffacher, das unter anderem Aktivisten mit Grosshaushalt-Fantasien besetzten, wurde jahrelang gestritten. Die Stadt bot den Leuten, die sich in der Zwischenzeit zur Genossenschaft Karthago zusammengeschlossen hatten, schliesslich ein Grundstück in Altstetten an. Die Bürgerlichen im Gemeinderat waren aber dagegen. Es kam zur Volksabstimmung: Eine äusserst knappe Mehrheit der Städter wollte nicht, dass mehrere Generationen unter einem Dach leben und sich in einer Grossküche verpflegen. Erst 1997 konnte Karthago in einem Haus an der Zentralstrasse verwirklicht werden.

Prime Tower statt gelebte Utopie

2001 begann dann das Wohnabenteuer der Genossenschaft Kraftwerk 1 beim Hardturm. Auch da dauerte es, bis aus der Idee Realität wurde. Die Schrift dazu, «Kraftwerk1», wurde schon 1993 veröffentlicht. Architekt Andreas Hofer hat daran mitgeschrieben, P. M. hat sich eingebracht. Es ging darum, wie ein Bolo in städtischem Massstab verwirklicht werden könnte. Sie forderten einen Teil des Escher-Wyss-Areals für ein soziales Wohnprojekt.

Es kam aber anders: Auf dem Areal, das die Visionäre wollten, entstand viel später erst der Prime Tower. Die Kraftwerk-Leute fanden Bauland an der Hardturmstrasse. Selbstversorger sind die Kraftwerk-Genossenschafter dort nicht geworden. Immerhin beliefert die Gartenkooperative Ortoloco einen Teil der 230 Bewohner mit frischem Gemüse.

Im Kraftwerk 1 Hardturm geht es kleinbürgerlicher zu und her, als sich das viele im Vornherein dachten. Aber immerhin: Die Bewohner engagieren sich im hauseigenen Laden, pflegen den Dachgarten, tun sich zusammen in der Kinderbetreuung. Und Jüngere helfen Älteren. Jedenfalls gibt es viel regeren Austausch als in anderen Nachbarschaften. Und die Idee macht gerade Karriere, eben nun bis nach Dübendorf. Auch die Genossenschaft Kalkbreite hat schon ein neues Projekt am Start: An der Zollstrasse beim Hauptbahnhof hat sie den Zuschlag für ein von den SBB genutztes Grundstück erhalten. Bis 2020 soll erneut ein alternatives Wohnobjekt entstehen.

Zusammenrücken statt heizen

Diese multifunktionalen Nachbarschaften – sie passen offenbar immer besser zum Zeitgeist, zu einer Gesellschaft auch, die älter wird. Zu einer Zeit, in der viele nicht mehr in der Familie Halt finden. Zu den Rahmenbedingungen, die erfordern, dass man wieder zusammenrückt, weil es auf die Dauer nicht geht, dass jeder Einzelne durchschnittlich 50 geheizte Quadratmeter für sich in Anspruch nimmt.

P. M. hat seine Utopie längst weiterentwickelt, sie auch der Realität angepasst. Er hat sich gar als Hans Widmer geoutet, um seinem Anliegen Dringlichkeit zu verleihen. Gleichgesinnte haben 2010 den Verein Neustart Schweiz gegründet – ein Buch von P. M. trägt denselben Namen. Sie fordern ein radikales Umdenken, weg vom globalen Ressourcenverschleiss, zurück zur Nähe. Zurück auch zur Besinnung, dass die Arbeit dem Leben dienen könnte und nicht das ­Leben der Arbeit.

Die Polizei bleibt

Frech waren sie schon immer, diese Utopisten, originell auch. Und so bringen sie sich seit Jahren jedes Mal ein, wenn es darum geht, eine grössere Stadtbrache neu zu bespielen. Viele davon gibt es nicht mehr in Zürich. Sie haben der Stadt Unterlagen mit Plänen geschickt, wie man das Hardturmareal auch noch nutzen könnte statt für ein Fussballstadion: für drei Bolos nämlich. Nena 1 heisst das Projekt, das von der gleichnamigen Genossenschaft propagiert wird. Die Stadt hat freundlich zurückgeschrieben und eine Absage erteilt. Das Grundstück geht schliesslich zurück zur Credit Suisse, falls kein Stadion gebaut wird. Das Kasernen­areal? Zwei Bolos. Auch da stehen die Chancen schlecht, weil die Kantonspolizei laut Beschluss des Regierungsrates gar nicht ausziehen soll .

Verrückte, Utopisten, Idealisten, Sozialromantiker? Vielleicht, aber wo wäre Zürich ohne sie? (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.10.2014, 07:20 Uhr)

Bildstrecke

Das Wohnprojekt Kalkbreite

Das Wohnprojekt Kalkbreite Neue Wohnformen in neuem Gewand: Am 22. August 2014 wurde die neue Überbauung eingeweiht.

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