Zürich entwickelt ein Programm, das es schon gibt

Die Stadt Zürich lanciert eine neue Recycling-App. Dies, obwohl eine solche bereits seit zwei Jahren verfügbar ist. Tiefbauvorsteher Filippo Leutenegger entschuldigt sich.

«Diese Argumente leuchten mir nicht ein»: Entsorgung + Recycling Zürich erklärt die Doppelentwicklung mit technischen Gründen.

«Diese Argumente leuchten mir nicht ein»: Entsorgung + Recycling Zürich erklärt die Doppelentwicklung mit technischen Gründen. Bild: Peter Klauzner/Keystone

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Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) hat die Gratis-App Sauberes Zürich lanciert, die die Benutzer beim richtigen Entsorgen von Abfall unterstützen soll. Sie beinhaltet einen kompletten Entsorgungskalender mit Erinnerungsfunktion sowie Standorte und Öffnungszeiten von Entsorgungsstellen.

Die Ankündigung der neuen App ist bei der Schweizer Open-Data-Gemeinde gar nicht gut angekommen. Grund: Bereits vor gut zwei Jahren hatten zwei mit der Community assoziierte Programmierer in freiwilliger Arbeit eine App mit fast identischem Funktionsumfang entwickelt. Sie wird auf dem Open-Data-Portal der Stadt Zürich und bei Google Play zum Download angeboten.

«Ein Affront gegenüber den Entwicklern»

Die Stadt hatte das Open-Data-Portal im Juni 2012 gestartet. Auf dem Portal stellt sie der Öffentlichkeit Datensätze der Verwaltung zur Verfügung. Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Medien sollen diese Daten nutzen und daraus neue Dienstleistungen entwickeln. Die Recycling-App Entsorgung Zürich war eines der ersten Ergebnisse.

Dass die Stadt eine neue App mit gleichem Inhalt entwickelt hat, hat Mitentwicklerin Claudia Hochstrasser erst am Vorabend der Veröffentlichung erfahren. «Es ist schade, dass ERZ nicht vorgängig auf uns zugekommen ist», sagt die Informatikerin. «Wir hätten der Stadt den Code unserer App kostenlos zur Verfügung gestellt. Vielleicht hätte ERZ darauf aufbauen und sich die Kosten für eine eigene Entwicklung sparen können.»

Deutlicher wird André Golliez, Präsident des Vereins Opendata.ch. Das Vorgehen von ERZ ist für ihn «ein Affront gegenüber den Entwicklern der Open-Data-App und dem Open-Data-Team der Stadt Zürich» und «eine Geringschätzung zivilgesellschaftlichen Engagements». Das schreibt er in einem offenen Brief an ERZ-Direktor Ernst Pauli.

«Bedauerlicherweise» versäumt

Beantwortet hat den Brief Stadtrat Filippo Leutenegger. «Bedauerlicherweise versäumte es ERZ, bei der Konzeption der App mit dem Open-Data-Team der Stadt Kontakt aufzunehmen. Dafür möchten wir uns bei Ihnen entschuldigen», schreibt der Tiefbauvorsteher. Seine Begründung für den Alleingang bleibt jedoch vage.

Selbstverständlich habe das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement Kenntnis von der bestehenden Recycling-App gehabt, sagt Mediensprecher Mike Sgier auf Anfrage. Es gebe jedoch technische Gründe, die gegen eine Weiterentwicklung der Open-Data-App gesprochen hätten. Zum einen sei die App nur für das Android-Betriebssystem verfügbar. Zudem basiere die neue App auf einer zentralen Datenbank, aus der verschiedene Arten von Daten generiert werden könnten.

«Diese Argumente leuchten mir nicht ein», sagt Entwicklerin Hochstrasser. Die bestehende App hätte möglicherweise mit der Datenbank von ERZ verknüpft werden können. Und eine App von Android auf das Betriebssystem für iPhones zu portieren, sei durchaus möglich: «Zumindest hätte die Möglichkeit geprüft werden müssen.»

Neue App mit Startschwierigkeiten

Die Entwicklung der App Sauberes Zürich hat laut Tiefbaudepartement rund 20'000 Franken gekostet. Eine Zahl, die André Golliez von Opendata.ch zu tief angesetzt scheint: «Ich hätte eher 50'000 geschätzt.» Es ist auf jeden Fall kein Betrag, der ins Gewicht fällt. Aber ums Geld geht es den Open-Data-Aktivisten nicht in erster Linie, sondern um eine Anerkennung ihres Engagements, wie Golliez sagt.

Bei den Usern kommt die ältere App deutlich besser an als die neue. Der Bewertungsschnitt für Entsorgung Zürich liegt auf Google Play bei 4,8 von 5 Punkten. Sauberes Zürich steht momentan bei 3,3 Punkten. «Die neue App ist unbrauchbar», sagt ein Benutzer gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Sie zeigt mir nie das an, was ich will. Aber leider habe ich keine Wahl, denn auf meinem iPhone läuft die Open-Data-App nicht.»

Wie es mit der App Entsorgung Zürich weitergeht, ist noch offen. «Ich habe jedenfalls keine Lust mehr, mich um Aktualisierungen zu kümmern», sagt Hochstrasser. Die momentan rund 2300 aktiven Nutzer könnten demnach bald zum Umsteigen gezwungen sein.

Erstellt: 09.12.2014, 11:51 Uhr

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