Zürich erhält 24 neue Tagesschulen

Der Stadtrat will das Projekt «Tagesschulen 2025» für 68 Millionen Franken fortsetzen. Im Sommer 2018 soll das Stimmvolk darüber befinden.

Eine warme Mahlzeit für 6 Franken: Mittagstisch in der Tagesschule Am Wasser, Zürich-Höngg. Foto: Dominique Meienberg

Eine warme Mahlzeit für 6 Franken: Mittagstisch in der Tagesschule Am Wasser, Zürich-Höngg. Foto: Dominique Meienberg

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Wer soll die Zürcher Schülerinnen und Schüler tagsüber betreuen? Für den Stadtrat ist das eine Staatsaufgabe. Bereits im Sommer 2016 startete das Schuldepartement das Projekt «Tagesschule 2025». In fünf Schulhäusern erhielten die Kinder fortan in einer von 110 auf 80 Minuten verkürzten Mittagspause für 6 Franken eine warme Mahlzeit und wurden betreut. Davon erhofft sich der Stadtrat eine bessere Integration sowie Förderung der Kinder und ermöglicht es den Eltern, Familie und Beruf besser zu vereinen.

Gestern hat Schulvorsteher Gerold Lauber (CVP) nun eine Bilanz gezogen und bekannt gegeben, dass das Modell bis 2022 auf insgesamt 30 Schulen ausgeweitet werden soll. 86 Prozent der Eltern von den betroffenen Schulen hätten bei einer Befragung angegeben, mit dem Angebot zufrieden bis eher zufrieden zu sein. Auch bei den Kindern und dem Schulpersonal geniesse das Projekt «Tagesschule 2025» eine breite Akzeptanz.

Infografik: Schulhäuser im Pilotprojekt Grafik vergrössern.

Die Teilnahme an dem Pilotprojekt ist freiwillig, wer sein Kind über Mittag weiter zu Hause betreuen will, kann seine Tochter oder seinen Sohn abmelden und muss die 6 Franken für das Mittagessen nicht bezahlen. Bloss rund 10 Prozent der über 1400 Schülerinnen und Schülern wurden von ihren Eltern abgemeldet. «Dieser Wert hat unsere Erwartungen übertroffen», sagte Lauber an der Pressekonferenz erfreut.

Am Prinzip der Freiwilligkeit soll auch künftig nicht gerüttelt werden. Das Modell der Tagesschule entspricht aber offenbar einem grossen Bedürfnis. Dies zeigt die steigende Anzahl von Schülerinnen und Schülern, die von ihren Eltern unabhängig von dem Pilotprojekt für eine externe Betreuung angemeldet werden. In Zürich waren es im vergangenen Jahr bereits über 50 Prozent, ­Tendenz steigend.

Abstimmung nächsten Sommer

Setzt die Stadt das Projekt «Tagesschule 2025» wie geplant fort, wird die Zahl der teilnehmenden Schulen bis 2022 schrittweise auf 30 erhöht. Dies entspricht fast einem Drittel aller 100 Zürcher Schulen. «Bei einem solch grossen Volumen ist es gerechtfertigt, das Volk zu befragen», sagt Lauber. Insbesondere soll auch ein Kredit von fast 70 Millionen Franken bewilligt werden. So viel würde die weitere Umsetzung des Projekts kosten: 27,5 Millionen Franken allein für den zusätzlichen Betreuungsaufwand, fast 22 Millionen für neue Küchen und andere infrastrukturelle Massnahmen. Ursprünglich war geplant, bis 2025 alle Zürcher Schulen als Tagesschulen zu organisieren, daher auch der Name des Projekts. Nun zeigt sich: Dieses Ziel ist zu ambitioniert. Lauber prognostiziert, dass das Modell «etwa 2030 oder 2032» flächendeckend umgesetzt sei. Darüber soll das Volk nach dem Abschluss der zweiten Projektphase 2022 nochmals befinden. Vorerst sei es wichtig, eine entsprechende Marschrichtung festzulegen. Wann das Projekt beendet werde, sei nicht entscheidend, sagte Lauber.

In der Zürcher Politik sind die Tagesschulen weitgehend unbestritten. Das Anliegen geht auf je eine Motion der SP- beziehungsweise FDP-Fraktion aus dem Jahr 2012 zurück. Einzig SVP-Gemeinderäte warnten in einem Postulat von 2015, Kinder, die nicht an der freiwilligen Tagesschule teilnehmen, würden aus ihrem Freundeskreis herausgerissen und bekämen «die soziale Härte» zu spüren.

Der Grossteil der Eltern, die ihre Kinder abgemeldet haben, taten dies mit der Begründung, es sei besser, wenn die Kinder zu Hause betreut würden. «Diese Meinung ist den Eltern unbenommen», sagte CVP-Stadtrat Lauber. «Aber wir können nicht ihre Interessen über jene 90 Prozent stellen, welche ihre Kinder in eine Tagesschule schicken möchten.»

Ungelöstes Platzproblem

Eine sehr viel grössere Herausforderung als die Betreuung der Kinder über Mittag ist der generell zu knappe Schulraum in Zürich. Viele Kinder werden heute in provisorischen Pavillons unterrichtet, weil Schulhäuser in einzelnen Quartieren nicht rechtzeitig gebaut wurden. Zudem steigt die Zahl der Kinder in der Stadt stetig. Lauber sieht keinen Widerspruch darin, nun noch mehr Kinder an den Schulen zu betreuen: «Wir müssen den Raum ohnehin bereitstellen.» Er räumt aber ein, das Projekt würde die Stadt etwas stärker unter Druck setzen. Dennoch zeigt er sich zuversichtlich: «Wir werden das meistern.» Sämtliche Neubauten von Schulhäusern seien bereits auf Tagesschulen ausgerichtet, und mit dem Modell «Tagesschule 2025» werde der Platz auch effizienter genutzt.

Ob dies das Stadtzürcher Stimmvolk ebenso optimistisch sieht, wird sich im kommenden Sommer bei der Abstimmung zeigen. Gerold Lauber selbst wird dann nicht mehr Stadtrat sein. Er tritt bei den Wahlen im März nächsten Jahres nicht mehr an.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2017, 21:40 Uhr

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So funktionierts


  • Schulzeiten: Im Tagesschulbetrieb integriert sind die Kinder ab dem 2. Kindergartenjahr bis zum Ende der Schulzeit. Der ­Unterricht beginnt um 8 Uhr und dauert spätestens bis 16 Uhr. Im Kindergarten sind drei Nachmittage schulfrei, in der Sekundarschule noch einer.

  • Betreuung: An Tagen mit Nachmittagsunterricht bleiben die Kinder über Mittag in der Schule. Diese Mittage gelten als gebunden. Für das Mittagessen wird den Eltern ein Unkostenbeitrag von 6 Franken verrechnet. Es wird auf eine ausgewogene Ernährung geachtet. Die Kinder können in der Mittagspause Teile der Schulanlagen benutzen und werden in dieser Zeit beaufsichtigt und betreut. Eltern können ihre Kinder aber auch abmelden und zu Hause verpflegen. In den Randzeiten (7 bis 18 Uhr) können zu den üblichen Tarifen Betreuungsangebote ­gebucht werden.

  • Geschwister: Die Stundenpläne der Kinder aus derselben Familie werden wenn möglich aufeinander abgestimmt. So können die Eltern ihre Berufstätigkeit optimal auf die Schulzeiten ihrer Kinder ausrichten.

  • Hausaufgaben: Tagesschulkinder haben keine klassischen Hausaufgaben mehr. Diese werden in einer individuellen Lernzeit in den Unterricht integriert. Wenn nötig wird bei einzelnen Kindern zusätzliche individuelle Lernzeit angeordnet.

  • Freizeitaktivitäten: Um Überschneidungen von Unterricht und Freizeitaktivitäten zu vermeiden, stimmen sich die Schulen mit Musikschulen und Sportclubs ab. (sch)

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