Essay

Zürich hat mich verändert

Was die Welschen für sich reklamieren, haben die Zürcher verinnerlicht.

«Ich wurde an meiner Arbeit gemessen, nicht an meiner Herkunft»: Herzchirurg René Prêtre.

«Ich wurde an meiner Arbeit gemessen, nicht an meiner Herkunft»: Herzchirurg René Prêtre. Bild: Keystone

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Wer, wie ich, im Jura der Siebziger aufwuchs, wurde unweigerlich in den Befreiungskampf der Separatisten hineingezogen. Es war ein rauer Kampf, bei dem die Ideologien sich verhärteten und keine Feinheiten zuliessen. Schon bald weitete sich unser Zorn aus und griff von Bern auf die ganze deutsche Schweiz über. Die Klischees, die sich daraus ergaben, überstanden auch meine Studentenjahre in Genf. Und die Klischees gingen so: Wir Welschen waren locker, gewitzt und fröhlich. Die Deutschschweizer waren diszipliniert, kontrolliert und farblos. Ein Aufenthalt in ihrer Region war nur unter Anwendung von Zwang möglich, und er kam einer Strafe gleich.

Mit dem schweren Herzen des Exilierten kam ich Ende der Neunzigerjahre nach Zürich, um hier meine chirurgische Karriere voranzutreiben, die in Genf jäh gestoppt worden war. Der Empfang fiel nicht überschwänglich aus, aber immerhin ermutigend. Von Anfang an wurde ich als gleichwertige Person auf Augenhöhe behandelt. Keinen Moment lang bekam ich die Herablassung zu spüren, die Provinzler so oft erleben. Kein einziges Mal wurde das Handicap der Sprache gegen mich verwendet. Meine Deutschkenntnisse sorgten für Heiterkeit, manchmal für Irritation, aber nicht mehr. Ich ging ein paarmal unter, aber keiner liess mich ertrinken.

Wie alle anderen wurde ich an meiner Arbeit gemessen, nicht an meiner Herkunft. Darin zeigt sich der Prag­matismus grosser, unabhängiger Städte wie Zürich. Sie sind weltoffen. Sie sind tolerant. Sie verlangen nichts weiter, als dass man seine Arbeit gut macht.

Zürich verzaubert

Es mag erstaunen, aber: Zürich bietet sich als grossartiger Spielplatz dar für alle, die sich entwickeln wollen. Ich war nicht mit einer besonders hohen Meinung von mir selber hierhergekommen, dazu schüchterte mich der Ruf der Zürcher Herzchirurgie zu sehr ein. Mein Ziel war bescheidener: Ich wollte von den Kontakten mit den Experten profitieren, hier in dieser fruchtbaren Umgebung, um mich dann anderswo zu etablieren. Nun hat Zürich aber diese Fähigkeit, Leute an sich zu ziehen und sie in eine neue Liga zu befördern – dorthin, wo sie sich am besten entfalten können. Das hat etwas von einem Zauber. Und der geht so: Die Arbeit, die man verrichtet, kommt einem plötzlich wertvoller und wirkungsvoller vor. Weil sie nämlich von der Umgebung geprägt ist, in der man diese Arbeit verrichtet. Mehr noch: Was zunächst meine Arbeit verzauberte, griff auf mein Leben über. Nicht nur als Arzt, sondern als Schweizer.

Also gut, und jetzt: Wie sind sie wirklich, diese Zürcher? Sie sind wie ihre pulsierende Stadt. Sie haben wenig Zeit zu verschenken und konzentrieren sich auf ihre Projekte. Das wirkt nicht sehr gefühlig. Das kann etwas Distanziertes haben. Und wird fälschlicherweise mit Arroganz verwechselt, bekanntlich dem Standardvorwurf an diese Stadt und ihre Bewohner. Diese Arroganz kommt vor, gewiss, vermutlich tritt sie hier etwas häufiger auf als anderswo. Die Zürcher wissen, dass sie weltweit um die Lebensqualität ihrer Stadt beneidet werden. Auch verstehen sie nur mit Mühe, wenn man ihre Stadt in der Entwicklung bremst. Mit dieser Karikatur von Arroganz aber, die von aussen Zürich zugeschrieben wird, haben diese Eigenschaften nichts zu tun. Hinter der Zürcher Kühle sprudelt das Spontane, der Humor, die Grosszügigkeit, kurz: genau jene Eigenschaften, die wir Welschen für uns selber reklamieren.

So hat sich meine Einschätzung der deutschen Schweiz radikal verändert. Schon bald fühlte ich mich wohl in Zürich, sehr wohl sogar. Heute kann ich sagen, dass diese Stadt mehr für mich getan hat, als jede andere Schweizer Stadt es hätte tun können. Der Welsche, der ich war, und erst recht der jurassische Separatist – sie hätten mit einer solchen Einschätzung grosse Mühe gehabt. Aber Zürich gehört zu diesen dynamischen Städten, die einen verändern, indem sie einen aufnehmen. Der Eindruck, den die Stadt bei einem hinterlässt, reicht tief. Denn man fühlt sich ihr zugehörig. Das ist eine Erfahrung, um die einen die ­anderen immer beneiden werden. Auch wenn sie es nicht zugeben.


Dieser Text erschien auf Französisch in «Le Matin Dimanche». Übersetzung: Jean-Martin Büttner.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2012, 09:30 Uhr

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