Zürich im Dreivierteltakt

«Alles Walzer» hat es gestern Abend im Opernhaus Zürich geheissen. Die Zürcher Hautevolee liess sich nicht zweimal bitten.

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«Hab ich sie verpasst?» fragt der Videojournalist ganz aufgeregt. Er hat eben Shawne Fielding gefilmt. Jetzt braucht er noch Irina Beller. Denn die beiden gehören zum Opernball Zürich wie Walzer und Tombola. Auf der Gästeliste sind sie als «Society-Lady» angekündigt. Wie heisst das auf deutsch? Gesellschaftsdame?

Es ist Prachtswetter als die schwarzen Limousinen auf dem Sechseläutenplatz auffahren und Damen in langen Roben und Herren im Smoking oder Frack ausspucken. Glitzerstoffe dominieren bei den Frauen, die Männer kommen mit wenigen Ausnahmen in Schwarz. Ein Mann im knöchellangen Nerzmantel fällt aus der Reihe, einer mit Zylinder, einer in kurzen Hosen – ein Spassmacher, der über den Roten Teppich hüpft. Die Sicherheitsleute lassen ihn gewähren.

Corine Mauch im langen Zitronengelben

Einige Zaungäste stehen neben dem Roten Teppich, die Handys für Schnappschüsse bereit. Doch ist es nicht eine «Society-Lady», die bei ihnen am meisten Interesse erweckt, sondern eine «Politlady»: Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP). Sie kommt am Arm ihres Amts- und Parteikollegen André Odermatt im zitronengelben Kleid, das sie in den Ferien im Tessin zufällig gefunden habe. Wieviele lange Roben hat sie im Kleiderkasten? «Ich gehe davon aus, dass ich alle drei Jahre wieder einmal dasselbe anziehen kann», sagt sie.

Der Videojournalist hat Irina Beller tatsächlich verpasst. Das Ehepaar Beller ist offenbar nicht wie üblich pompös in der weissen Stretchlimousine vorgefahren und unbemerkt ins Foyer gelangt. Der neue Stil der Bellers? Weniger erstaunlich ist der zurückhaltende Auftritt des Ehepaars Muschg. Sie meiden ganz bewusst den Roten Teppisch und schlüpfen durch einen Seiteneingang hinein. Adolf Muschg kann Gratulationen für den Gewinn des Schweizer Grand Prix Literature 2015 entgegegen nehmen.

«Wahlveranstaltung statt Walzertanzen»

«Welcher Designer?», wird Gastgeberin Aurelia Homoki flüsternd gefragt. Sie begrüsst am Arm des Opernhaus-Direktor Andreas Homoki die Ankommenden. «Selbst entworfen», gibt sie zur Antwort. Sie bekommt nicht nur für ihr schwarzes Pailletenkleid Komplimente, sondern auch für ihren Sohn Alexander, der in einer Folge des «Bestatters» eine Hauptrolle als leicht autistischer Junge spielte.

Im Opernhaus herrscht derzeit Hochbetrieb: Am Samstagabend Opernball, am Sonntag die Uraufführung der «Roten Laterne» von Christian Jost. Was hat für Intendant Homoki Priorität? «Uraufführungen sind seltener.» Doch gefreut habe er sich auf beides sehr. «Denn Oper ist nicht nur Kunst, sondern auch ein Gesellschaftsanlass.» Aber offenbar keine Wahlplattform. Denn es wurde kein einiziger Regierungsrat und keine Regierungsrätin gesichtet. Und auch keine Kandidierenden.

Krabbensalat und Kalbsfilet

Das Diner hat Laurent Eperon vom Baur au Lac kreiert: Es gibt Krabbensalat auf Avocado Tatar und Fenchelsuppe mit geriebenen Orangenschalen, und Kalbsfilet à la mode du chef mit Morcheln und Lauch. Für Vegetarier Filo Teig Küchlein und Gemüsestrudel an Weissem Curry Schaum. Die Diner-Karte haben sich die Gäste 950 Franken kosten lassen, wer nur zum Flanieren und Tanzen kommt, zahlt 290 Franken.

Nach festlich-beschwingter Musik der Philharmonia Zürich und bezaubernden Tanzeinlagen des Balletts Zürich, heisst es «Alles Walzer». Erst tanzen sich 32 Debütanten-Paare in die Zürcher Hautevolee, dann ist der eigentliche Ball eröffnet.

Walzer für die Jugend

Nach Mitternacht ist im Ballsaal endgültig Partytime. Boney M macht ihn zur Disco. Die Kultband aus den späten 1970er-Jahren weckt in vielen Gästen Jugenderinnerungen. Damals hatten die meisten der Ballbesucher allerdings mit Oper noch nichts am Hut.

Das soll sich ändern. Der Erlös des diesjährigen Opernball wird nämlich dazu verwendet, jungen Menschen die Oper näher zu bringen. Am Ball selbst waren diese vor allem als «Lotteriekinder» im Einsatz. Gefällt ihnen denn die Musik, die da gespielt wird? «Ja, ziemlich, vor allem aber mag ich das schöne Kleid, das ich trage», sagt ein Mädchen. Andreas Homoki hat recht: Oper ist Kunst und Gesellschaftsleben.

Erstellt: 08.03.2015, 11:05 Uhr

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