Zürich im Tomatenfieber

Ein Verein verkauft heute Freitag in Zürich-West zwei Lastwagenladungen Tomaten, die ansonsten in der Biogasanlage gelandet wären. Der Andrang ist riesig.

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Die Tomaten sind von bester Bio-Qualität und im Kanton Zürich gewachsen. Sie wären für den Grosshandel vorgesehen gewesen. Doch sie waren überschüssig. Teilweise wegen leichter Unförmigkeit und anderen Makeln. Oder weil der Markt bereits gesättigt ist. Ganze 16 Tonnen Tomaten waren deshalb für die Biogasanlage vorgesehen.

Das wollte der Verein Grassrooted mit seiner «Vision Luxusüberschuss» nicht einfach hinnehmen. Er organisierte eine «Foodsaving»-Aktion und verkauft das Gemüse heute Freitag in Zürich-West. Für 4 Franken das Kilo. Martin Schiller, einer der drei Vereinsgründer, sagt: «Wir wollen die Bevölkerung mit dieser Aktion darauf aufmerksam machen, wie viel Schweizer Gemüse tagtäglich vernichtet wird, obwohl es ohne Weiteres essbar wäre.»

Martin Schiller weiss, wovon er spricht. Er studiert an der Fachhochschule Wädenswil Biologische Landwirtschaft, ebenso die beiden Mitgründer des Vereins Grassrooted, Valeria Falletta und Dominik Waser. Um in ihrem Fachbereich etwas bewegen zu können und den Kreislauf zwischen Produzenten und Konsumenten wieder zu schliessen, haben sie den Verein Grassrooted gegründet. Damit wollen sie ein Stück dazu beitragen, dass auch Zürich eine «enkelgerechte Zukunft» hat. Schiller sagt: «Damit dieser Kreislauf durchbrochen wird, muss ein Umdenken stattfinden.»

60 Prozent des Gemüses im Abfall

In der Schweiz landen 60 Prozent des produzierten Frischgemüses nicht auf dem Teller. Ein grosser Teil fällt bereits bei den Produzenten an: Das Gemüse bleibt auf den Äckern liegen, weil bereits klar ist, dass es den Kriterien des Grosshandels nicht genügt. Weitere Kilos werden beim Waschen, Verarbeiten oder Verpacken aussortiert. In den Läden werden verdorbene Früchte weggeworfen, nicht verkauftes Gemüse entsorgt. Um dem zuvorzukommen, wurden Ende letzten Jahres in Zürich beispielsweise 23 Tonnen Bio-Kartoffeln direkt vom Produzenten verkauft.

Der Verein Grassrooted hat sein Engagement vor einer Woche mit einer kleinen Aktion gestartet. Auf dem Quartierhof Wynegg verkaufte er rund 2,8 Tonnen oder 19'138 Tomaten. Das hat das Dreiergespann zu dieser zweiten, grösseren Aktion angespornt, die sie in den sozialen Medien bewarben. Zudem organisierten sie zwei Verkaufstage mit rund 8 Tonnen Tomaten in Bern.

Sugo – unisono

Wer im grossen Stil Tomaten kaufen will, musste diese vorbestellen. «Wir wurden von den Bestellungen nur so überrannt», sagt Schiller. Die Nachfrage war so gross, dass die Organisatoren das Bestellfenster nach dem Mittag schliessen mussten. Tatsächlich stehen die Abnehmer seit 12 Uhr vor dem Art Dock unter der Hardbrücke Schlange. Mit dem Veloanhänger, der Wäschezeine, dem Rollkoffer, dem Auto, mit Holzkistchen oder Ikea-Taschen. Verwendungszweck? Sugo – unisono.

Den Preis von 4 Franken findet niemand überrissen. Im Vorfeld der Aktion gab es Stimmen, die behaupteten, er sei für Ausschuss-Ware zu hoch, die Aktion für den Produzenten äusserst lukrativ. Eine Mutter sagt: «Wer daran etwas auszusetzen hat, weiss nicht, wie viel solche Tomaten im Laden kosten.» Eine andere Käuferin sagt: «Das ist gut investiertes Geld. Ich will die Sache unterstützen, damit das Gemüse nicht vernichtet wird.»

Noch bis 20 Uhr

Ein Drittel der Einnahmen fliesst zurück an den Produzenten. Die Initianten nennen seinen Namen bewusst nicht, damit sein Geschäft mit den Grosshändlern keinen Schaden nimmt. Mit weiteren Einnahmen bezahlt der Verein den Gemüsetransport und sonstige Spesen. Der Rest fliesst zurück in den Verein. Er plant ein Verteilnetzwerk in der Stadt Zürich und ein Abosystem für Zweitklassgemüse. Zudem will er auch Gastrobetriebe mit dem Gemüse beliefern. Und selbstverständlich sollen weitere Aktionen geplant werden. Wann und wie genau, steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest.

Allen Kurzentschlossenen, welche die Aktion unterstützen wollen, sei gesagt: Bis zu 10 Kilo Tomaten kann man theoretisch auch ohne Vorbestellung bis 20 Uhr kaufen. Aber: Es hät, solangs hät.

Tomatenverkauf, Art Dock, Hohlstrasse 258, Zürich; bis 20 Uhr.
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2018, 14:56 Uhr

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