Zürich ist die Partystadt Nummer eins

Jungpolitiker sorgen sich um die Attraktivität des Zürcher Nachtlebens. Ein Städtevergleich zeigt: Nirgendwo ist das Pro-Kopf-Angebot grösser.

Die Zahl der Nachtlokale in Basel und die Zahl der Lärmklagen in St. Gallen beruhen auf Schätzungen der Stadtbehörden. (Grafik: Marc Brupbacher)


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Für Standortvermarkter ist das Zürcher Nachtleben ein starkes Argument. Auf der Website von Zürich Tourismus heisst es: «Zu Recht darf sich Zürich als Partymetropole bezeichnen.» Von House über Rock bis hin zu Latin werde zu sämtlichen Musikstilen getanzt. Jedes Wochenende werden die Bars und Clubs von über 100'000 Menschen frequentiert. Das ist wirtschaftlich interessant: Gemäss der Bar und Club Kommission (BCK) Zürich schafft das Nachtleben über 3000 Arbeitsstellen. Der Jahresumsatz beläuft sich auf rund 500 Millionen Franken.

Wachstum gibt es selten ohne Regulierung. Und diese geht nun vielen zu weit. Kantonale Jungpolitiker von links bis rechts haben sich vergangene Woche zum Verein «Pro Nachtleben Zürich» zusammengeschlossen und eine Petition lanciert. Die Politik der Stadt würde zurzeit dazu beitragen, dass das Nachtleben nicht mehr «attraktiv und hochstehend genug» sei. Clubbetreiber beklagen, dass sie mit vermehrten Regulierungen, Vorschriften und Einschränkungen zu kämpfen hätten.

Aufbruchstimmung in Basel

Als gutes Beispiel wird Basel genannt. Dort herrscht Aufbruchstimmung, weil das Nordstern und der Hinterhof – zwei tot geglaubte Flaggschiffclubs – gerettet werden konnten. Für beide wurde dieses Jahr ein Mietvertrag abgeschlossen. Vor allem die Basler Elektroszene sei so lebendig wie noch nie, schreibt die «Tageswoche». «Basler Nachtleben überflügelt Zürich» titelt die Zeitung. Die dortigen Techno-Leuchttürme würden Zürich mittlerweile in den Schatten stellen. Eine Aussage, die gewisse Leute provozieren mag. Zumal das Verhältnis zwischen Basel und Zürich immer ein wenig konkurrierend anmutet.

Die Qualität im Nachtleben ist sicherlich ein relativer Wert. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten – gerade in der Kultur. Dennoch gibt es Indikatoren, die über die Lebendigkeit einer Stadt Aufschluss geben. Zum Beispiel die Zahl der Bewilligungen für Nachtlokale. In sämtlichen grösseren Schweizer Städten benötigen Nachtclubs, Bars, Restaurants oder Cabarets eine städtische Erlaubnis, wenn sie den Betrieb über die allgemein gültigen Öffnungszeiten hinaus aufrechterhalten wollen.

In dieser Statistik ist Zürich top. In keiner anderen Deutschschweizer Stadt bietet sich den Nachtschwärmern ein breiteres Angebot. 632 Bewilligungen hat die Zürcher Stadtpolizei letztes Jahr erteilt. Dahinter folgt mit Winterthur (142 Bewilligungen) bereits die nächste Zürcher Stadt. Bern, Basel, Luzern und St. Gallen befinden sich im Hintertreffen. Ein ähnliches Bild zeigt sich, wenn die Zahl der Nachtlokale ins Verhältnis zur Bevölkerung gestellt wird. Pro 1000 Einwohner gibt es in Zürich 1,56 Nachtlokale und in Winterthur 1,33. Insgesamt zählt Zürich über 2100 Lokale – in Basel deren 900.

Ab Mitternacht ist Schluss

Sicherlich hat auch die Stadt am Rhein attraktive Clubs zu bieten. Doch was die Breite des Angebots betrifft, kann sie mit Zürich nicht mithalten. Pro Kopf gerechnet, hat Basel gar am wenigsten bewilligte Nachtlokale. Dieser Umstand muss allerdings relativiert werden, da in Basel sämtliche Lokale am Wochenende bis 2 Uhr geöffnet haben dürfen – auch wenn sie keine Nachtbewilligung besitzen. So geben sich gewisse Barbetreiber mit den offiziellen Öffnungszeiten zufrieden und verzichten auf eine Nachtbewilligung. In anderen Deutschschweizer Städten ist der Betrieb bereits ab Mitternacht bewilligungspflichtig.

Maurus Ebneter, Vorstandsmitglied des Wirteverbands Basel-Stadt, registriert zurzeit ein Aufblühen des Basler Nachtlebens. Dennoch sei ein Vergleich mit der grössten Schweizer Stadt vermessen: «Zürich bleibt die Ausgangsmetropole Nummer eins», sagt Ebneter. Davon würden sich auch viele Basler angezogen fühlen, die vom breiten Angebot profitieren wollten. «Das Nachtleben in Zürich und der Agglomeration hat immer noch eine grosse Sogwirkung.»

In Zürich ist man sich dieser Sogwirkung bewusst. «Unser Nachtleben ist immer noch attraktiv», sagt Alexander Bücheli, Sprecher der BCK. Die hohe Zahl an Clubs sei aber zu relativieren. Das Zürcher Nachtleben müsse einer grossen Nachfrage gerecht werden. «Im Einzugsgebiet der Stadt leben mehr als 1 Million Menschen, die über das Nachtnetz Zugang zur Stadt haben», sagt Bücheli.

Baubewilligung erforderlich

Die BCK unterstützt die Anliegen der Jungpolitiker. Vor allem die veränderte Bewilligungspraxis verunsichere die Clubbetreiber. Im vergangenen Sommer verkündeten die Stadträte Richard Wolff (AL) und André Odermatt (SP), dass Betriebe mit Nachtbewilligung künftig eine Baubewilligung benötigten. Dem Stadtrat wurde dieser Entscheid ein Stück weit aufgezwungen und geht auf ein Grundsatzurteil zurück. Im Winter 2015 entschied das Baurekursgericht, dass in der Baubewilligung neu auch die Öffnungszeit nach Mitternacht berücksichtigt werden muss.

Ein folgenschwerer Entscheid: Jede geplante Cluberöffnung mit Nachtöffnungszeiten kann von Nachbarn mit Rekursen angefochten werden. «Wir warten ab, wie sich diese Praxis auf das Nachtleben auswirkt», sagt Bücheli. «Allfällige Forderungen an die Politik und Vorstösse behalten wir uns vor.»

1998 wurde das Zürcher Gastgewerbegesetz liberalisiert. Das Nachtclub-Angebot, das zuvor durch eine Bedürfnisklausel des Kantons reguliert wurde, sollte in den folgenden Jahren geradezu explodieren. Parallel dazu häuften sich die Lärmklagen von Anwohnern. Auf Druck der Bevölkerung ergriff der ­Stadtrat deshalb Massnahmen. Die Initianten der Petition «Pro Nachtleben Zürich» ­sehen durch die Regulierung vor allem kleinere und alternative Clubs gefährdet. Auch wenn sich diese Gefährdung noch nicht in Zahlen ausdrückt, plädieren die Vertreter des Nachtlebens für ein liberaleres Nachtleben. Bücheli sagt: «Politik soll ermöglichen, nicht ­verhindern.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2016, 23:51 Uhr

Breites Angebot für Feiernde in Zürich. (Bild: Keystone )

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