«Zürich plant einen Zwitter»

Unternehmensberater Thomas Held kritisiert, dass der Stadtrat das bestehende Kongresshaus umbauen will. Um die Ziele für den Kongresstourismus zu verwirklichen, brauche es einen Neubau.

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Der Zürcher Stadtrat will nun doch kein Kongresszentrum bauen, sondern das bestehende Kongresshaus für 140 Millionen Franken sanieren. Was halten Sie davon?
Das hat mich überrascht. Eigentlich wollte die Stadt in das Geschäft mit den grossen Kongressen mit 2000 bis 2500 Teilnehmern einsteigen. Daraus ergibt sich für mich aber zwangsläufig, dass sie dafür ein neues Haus bauen muss. Nicht aus architektonischen Gründen, sondern ganz einfach, weil ein solches Zentrum verschiedenste Bedürfnisse abdecken muss. Zum Beispiel sollen Teilnehmer trockenen Fusses vom Hotel zum Kongressaal gehen oder Lastwagen zur Halle zufahren können. Oder es sollen wechselnde Inszenierungen möglich sein. Das alles ist im bestehenden Gebäude nicht möglich. Der geplante, grosse Umbau ist ein Zwitter. Ein Hybrid. Das finde ich gefährlich. Nicht nur ästhetisch, sondern auch praktisch.

Der Stadtrat sagt aber, dass das möglich sei, wenn er die Räume raffiniert umschichte.
Das heutige Kongresshaus ist ein filigranes Gebäude, das unter Denkmalschutz steht. Wenn man Eingriffe vornimmt, fällt es – symbolisch gesagt – zusammen. Auf der Musikinsel Rheinau baut der Kanton das Gebäude auch um, dabei herrscht das Prinzip Gebäude vor Nutzung, um die Strukturen zu erhalten. Trotzdem sind die Eingriffe nur schon für die neuen Sanitär- und Stromleitungen bei aller Vorsicht enorm. Das wird beim Kongresshaus dasselbe sein.

Sie sagen damit, dass der Stadtrat falsch entschieden hat?
Wenn ich von der ursprünglichen Idee des Stadtrates ausgehe, kann ich den Entscheid nicht nachvollziehen. Der politische Freiheitsgrad der Verantwortlichen beim Entscheid war möglicherweise aber sehr klein.

Was meinen Sie damit?
Der Stadtrat wollte ein Kongresszentrum bauen, gleichzeitig aber auch einen Ort mit grosser Ausstrahlung schaffen. Zuerst müsste er aber alle Vorstellungen unter einen Hut bringen. Denn die Bedürfnisse geben vor, was die Stadt erstellen muss. Ein Beispiel: Würde man ganz klar sagen, die Stadt wolle primär die ganz grossen Kongresse der Kardiologen oder Bauingenieure mit Tausenden von Teilnehmern nach Zürich holen, ergäbe sich daraus ein zwangsläufiges Raumprogramm. Ein eigenes Hotel würde zum Komplex gehören. Die Stadt hat aber zu viele Bedürfnisse für das Kongresszentrum zugelassen – diese kann sie auf dem vorhandenen Platz gar nicht abdecken.

Wo würden denn Sie das Kongresszentrum hinstellen?
Für mich wäre ein stadtnaher Ort wie das Kasernenareal oder der Carparkplatz gut.

Ist die Zentrumsnähe wirklich entscheidend?
Nicht zwingend. Der Gedanke, das Zentrum in Flughafennähe im Circle zu erstellen, fand ich interessant. Das Problem ist, dass dieses Projekt fertig geplant und bewilligt ist. Man kann ein so grosses Projekt zu einem solchen Zeitpunkt nicht leicht abändern.

Luzern hat ein Zentrum mit internationaler Ausstrahlung gebaut, Zürich plant seit Jahren und kommt nicht vorwärts. Warum ist das so?
Der Vergleich ist heikel. In Luzern planten wir vor 20 Jahren, die Zeit heute ist eine andere. Zudem ist die öffentliche Hand in Zürich – bei Stadt und Kanton – derart gross, differenziert und stark, dass überall viele Stellen mitentscheiden. Es ist schwer vorstellbar, ein Vorhaben an eine unabhängigere Trägerschaft auszulagern. Luzern gründete eine private Trägerschaft mit städtischer und kantonaler Beteiligung. Solange die Verantwortung innerhalb der Verwaltung und der Politik – mit Parlament und Parteien – liegt, ist es schwierig, einen Konsens zu finden. Man vergisst, dass sich private Investoren beim Fussballstadion und beim HB Südwest mit Wohnüberbauung in Zürich blutige Nasen geholt haben. Die sind nicht mehr motiviert mitzumachen. In beiden Fällen gab es übrigens positive Volksabstimmungen.

Beim Moneo-Projekt vor fünf Jahren gab es die Zürich Forum AG mit Beteiligung der Stadt und Privaten. Das ist aber auf grössten Widerstand des Gemeinderats gestossen...
...genau. Der Gemeinderat ist gegen ein solches Modell. Das ist der eine Unterschied zu Luzern. Es gibt aber einen weiteren: Das KKL war eine historische Notwendigkeit. Die Internationalen Musikfestwochen, wie sie damals hiessen, hätte man ohne Neubau nicht in Luzern halten können. Es gab Städte mit guten Konzertsälen im Osten, die um das Festival buhlten. Zu Beginn sprach in Luzern kein Mensch davon, eine architektonische Ikone zu erstellen. Das ist erst nach dem Architekturwettbewerb mit dem Sieger Jean Nouvel in den Vordergrund gerückt. Nur für das Festival alleine hätte Luzern das KKL nicht bewilligt, darum gehört der multifunktionale Luzerner Saal für Vereine und Institutionen dazu. Auch das Museum musste ein Heim finden, damit die Freunde der Kunst eingebunden werden konnten.

In Zürich dagegen scheint es fast unmöglich, ein Kongresszentrum zu bauen.
Unmöglich vielleicht nicht. Die Stadt geht aber nicht unter, wenn sie kein solches Zentrum hat.

Fehlt der Druck durch Wirtschaft und Hoteliers?
Ja. Bei Workshops zur Frage des Kongresszentrums Anfang Jahr, an denen ich teilnahm, habe ich aber einen gewissen Frust des Gewerbes verspürt.

Was halten Sie von der These, dass eine linke Regierung ein solches Kongresszentrum, das vornehmlich der Hotellerie und dem Gewerbe dient, allen Bekenntnissen zum Trotz nicht genügend unterstützt?
Ich kann mir vorstellen, dass das Zentrum beim Stadtrat nicht zuoberst auf der Prioritätenliste ist.

Noch eine Frage zum Fussballstadion: Ist dieses nun gut aufgegleist?
Muss ich das beantworten? Für mich ist es ein Mini-mini-mini-Projekt, bei dem das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht stimmt. Es ist wie ein römisches Stadion, zu Zeiten als es noch keine Mantelnutzung gab. Was Herr Ledergerber gesagt hat, kann ich gut nachvollziehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.06.2013, 07:24 Uhr

«Ich kann den Entscheid nicht nachvollziehen»: Thomas Held, Unternehmensberater und Geschäftsleiter der Stiftung Musikinsel Rheinau. (Bild: Reto Oeschger)

Vom Revoluzzer zum Helden von Luzern

Am 12. Juni 1994 jubelte der liberale Luzerner Stadtpräsident Franz Kurzmeyer: «Ich bin stolz auf euch Luzernerinnen und Luzerner.» 94 Millionen Franken hatten die Stimmbürger für das Kultur- und Kongresszentrum (KKL) am See bewilligt – deutlich mit 68 Prozent Ja-Stimmen. Die Stadt übernahm damit knapp die Hälfte der Kosten des 200-Millionen-Franken-Projekts. Der Prachtbau von Stararchitekt Jean Nouvel wurde am 18. August 1998 eingeweiht.

Schon damals schaute die Stadt Zürich neidisch auf Luzern: In kurzer Zeit hatten die Innerschweizer ein Vorhaben verwirklicht, von dem die Zürcher auch heute noch nur träumen können. Hinter dem Wunder von Luzern stecken zwei Personen: Franz Kurzmeyer und Thomas Held. Der Stadtvater, wie der volksnahe Kurzmeyer oft genannt wurde, hatte Held im April 1991 als externen Berater und politischen Lobbyisten für das KKL nach Luzern geholt – als Beauftragten für die Gesamtkoordination Kulturraum. Held war damals schon kein Unbekannter in der Stadt: Er hatte 1987 über das Büro Hayek eine Studie zur Kulturraumplanung geleitet.

Held moderierte in den Jahren 1991 und 1992 die entscheidende Phase für das Kultur- und Kongresszentrum und schaffte es, fast alle mit ins Boot zu holen: Er sorgte dafür, dass die alternative Kultur mit der Boa ein Veranstaltungszentrum und der Schüür ein Konzertlokal erhielt, kulturellen Vereinen versprach er Bühnen im künftigen Haus. Und er überzeugte fast alle Parteien vom Kongresszentrum, auch die Grünen, die ursprünglich dagegen opponiert hatten. Schliesslich war nur noch die Unabhängige Frauenliste dagegen. Der «Tages-Anzeiger» bezeichnete Held bei der KKL-Eröffnung als «Zürcher Katalysator».

Führender Kopf der 68er

Bekannt geworden ist der promovierte Soziologe Held aber schon viele Jahre zuvor als einer der führenden Köpfe der 68er-Bewegung. Held führt wie schon zur Zeit des KKL-Baus ein eigenes Büro für Analysen und Strategien in Zürich. Von 2001 bis 2012 war er Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse. Das wichtigste Mandat des 66-Jährigen ist die Geschäftsführung für die Stiftung Schweizer Musikinsel Rheinau, die von SVP-Nationalrat Christoph Blocher gegründet wurde und präsidiert wird. (zet)

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