Zürich ringt um den Parkplatzkompromiss

Die Idee eines autofreien Zähringerplatzes ist seit 30 Jahren pendent. Nun forciert der Gemeinderat die Umsetzung – trotz des historischen Parkplatzkompromisses.

Braucht es diese 32 Parkplätze? Blick auf den Zähringerplatz. Foto: Google Street View

Braucht es diese 32 Parkplätze? Blick auf den Zähringerplatz. Foto: Google Street View

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Zürcher Niederdorf braucht einen attraktiven Treffpunkt, findet Gemeinderat Markus Knauss (Grüne). Darum will er den Zähringerplatz autofrei machen. Eine Mehrheit des Gemeinderats hat am Mittwoch seiner Forderung zugestimmt und sein Postulat überwiesen (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

Dass der Stadtrat das Postulat zur Prüfung entgegengenommen hat, ist ein Indiz dafür, dass sich etwas bewegen könnte in der Frage, die seit 30 Jahren festgefahren ist. Bereits 1985 forderte die SP der Stadt Zürich die Umwandlung des Zähringer- und Predigerplatzes in eine autofreie Zone. Der bürgerlich dominierte Stadtrat hatte jedoch dafür kein Gehör.

Rund 25 Jahre später – der politische Wind hatte gedreht – war es der Stadtrat selber, der in seinem «Verkehrskonzept Innenstadt» die Plätze rund um die Zentralbibliothek als Fussgängerzone definierte. Die Umgestaltung könne jedoch erst nach der Erweiterung des Urania-Parkhauses umgesetzt werden, schrieb der Stadtrat 2011. Die Erweiterung des Parkhauses erwies sich aber als zu teuer, weshalb die Pläne von einem autofreien Zähringer- und Predigerplatz wieder zu versanden drohten.

Aufwertung für die einen – Lärmquelle für die anderen

Das Beispiel des Sechseläutenplatzes zeige, wie anziehend ein attraktiv gestalteter öffentlicher Raum wirke, sagt Gemeinderat Knauss. Während sich vor der Neugestaltung kaum jemand dort aufgehalten habe, sei der Platz nun an schönen Tagen voll mit Menschen. Ähnliches sei künftig von der Europaallee und vom Münsterhof zu erwarten. Das Niederdorf habe nichts Gleichwertiges zu bieten. Dadurch büsse es an Anziehungskraft ein. «Den Kunden der Altstadtläden ist ein schöner Platz mit Strassencafés weit wichtiger als ein Parkplatz», ist Knauss überzeugt. Ein Einkaufsbummel ziehe sich ohnehin meist durch grosse Teile der Altstadt und das Verhalten der Kunden sei nicht vergleichbar mit der Situation in einem Einkaufszentrum, wo der Parkplatz möglichst nahe bei der Ladentür sein muss.

Der Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat ist dem Vorhaben gegenüber aufgeschlossen, wenn auch mit einigen Vorbehalten, wie Vereinspräsident Peter Rothenhäusler sagt: «Für das Niederdorf wäre ein autofreier Zähringerplatz bestimmt eine Aufwertung. Zumindest tagsüber.» Manche Anwohner befürchteten jedoch eine Zunahme von nächtlichen Lärmemissionen: «Bereits heute treffen sich Jugendliche abends bei der Predigerkirche. Die Angst vor Partylärm ist sicher nicht ganz unbegründet.» Auch einige Gewerbetreibende hätten wohl lieber die Parkplätze als eine Fussgängerzone, so Rothenhäusler.

179 Parkplätze zu viel

Doch ist Knauss’ Vision von einer lauschigen Piazza mit Strassencafés und Sitzgelegenheiten in Einklang zu bringen mit dem historischen Parkplatzkompromiss, der in Zürich seit 1996 gilt? Der Kompromiss besagt im Wesentlichen, dass Strassenparkplätze im Stadtzentrum nur abgebaut werden dürfen, wenn sie durch ober- oder unterirdische Parkplätze in der Nähe ersetzt werden. Die Gesamtzahl der Parkplätze soll auf dem Stand von 1990 bestehen bleiben. 7622 Parkplätze wurden damals im Stadtzentrum gezählt.

Ein Blick auf die Parkplatzzahlen zeigt, dass Ende 2013 ein Überschuss von 179 Parkplätzen im Zentrum bestand. «Die 32 Parkplätze des Zähringerplatzes können darum abgebaut werden, ohne den Kompromiss zu verletzen», sagt Knauss. Ohnehin seien nach seinen Informationen die Parkplätze bereits im Urania-Parkhaus kompensiert. Knauss, hauptberuflich Geschäftsführer des VCS Zürich, macht jedoch keinen Hehl daraus, dass für ihn der Kompromiss ohnehin revisionsbedürftig ist.

Wie viele Parkplätze zu viel braucht die Innenstadt?

«Die Aufhebung der Parkplätze am Zähringerplatz kommt einer Kündigung des historischen Kompromisses gleich», sagt hingegen Mauro Tuena, SVP-Fraktionschef im Gemeinderat. Er beruft sich einerseits darauf, dass die Geschäftsprüfungskommission 2011 empfohlen habe, Parkplätze, die infolge von Bauarbeiten oder aus anderen Gründen nicht benutzt werden können, durch andere zu kompensieren. Gemäss den letzten verfügbaren Zahlen seien derzeit rund 150 Parkplätze im Stadtzentrum nicht verfügbar. Diese Zahl sei aber wohl eher zu tief angesetzt, da die kurzzeitig zweckentfremdeten Parkplätze nicht eingerechnet seien. «Es gibt also in Tat und Wahrheit keineswegs einen Überschuss an Parkplätzen», so Tuena.

Pio Sulzer, Kommunikationschef des Tiefbaudepartements, sagt dazu: «Ein moderater Überhang an Parkplätzen im Zentrum ist erwünscht, um flexibel zu sein. Die Parkplatzzahl in Parkhäusern kann schnell ändern und Baustellen können Parkplätze blockieren.»

400-Meter-Regel rechtlich nicht bindend

Als weiteren Grund gegen einen Umbau des Zähringerplatzes führt SVP-Gemeinderat Tuena die bisher geltende Abmachung an, aufgehobene Parkplätze in Gehdistanz, das heisst: innerhalb eines Radius von 400 Metern, zu ersetzen. Dies sei beim Zähringerplatz nicht möglich, da eine Erweiterung der Parkhäuser Urania und Central aus Kostengründen für die Stadt nicht infrage komme. «Sollte der Stadtrat zum Schluss kommen, dass eine Aufhebung der Parkplätze am Zähringerplatz trotzdem möglich ist, werden wir dieses Vorhaben auf Biegen und Brechen bekämpfen.»

«Im Rahmen des historischen Kompromisses hat sich die Praxis eingebürgert, Parkplätze in einem Radius von 400 Metern zu kompensieren», bestätigt Sulzer. «In diesem Radius um den Zähringerplatz finden sich heute nicht 32 Ersatzparkplätze.» Rechtlich bindend sei diese Praxis jedoch nicht. Es könnte also durchaus sein, dass der Stadtrat zum Schluss kommt, in Anbetracht fehlender Ausweichmöglichkeiten die Parkplätze des Zähringerplatzes an einen weiter entfernten Ort zu verlegen.

Erstellt: 07.11.2014, 11:52 Uhr

Artikel zum Thema

Zähringerplatz künftig autofrei

Die 32 Parkplätze auf dem Zähringerplatz im Niederdorf sollen verschwinden. Der benachbarte Predigerplatz aber behält seine Parkplätze. Das hat der Gemeinderat entschieden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wasser marsch! Die Feuerwehr bekämpft einen Brand auf dem Gelände einer Abfallentsorgung im österreichischen Mettmach. (16. Juli 2019)
(Bild: APA / Manfred Fesl) Mehr...