Zürich schaut auf 7500 Kaffeetassen

Auf dem Helvetiaplatz ist Achtsamkeit geboten: Eine Performance die fröhlich aussieht, hat einen traurigen Hintergrund.

Zürich ist die 13. Stadt, in der das wandernde Denkmal für Genozidopfer haltmacht. (Video: Kathrin Egolf/Aleksandra Hiltmann)

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Die Knaben und Männer, für die heute auf dem Helvetiaplatz Kaffee ausgeschenkt wird, kommen nicht zurück. «Što te nema» bedeutet auf Bosnisch «Wieso bist du nicht da». Das temporäre Denkmal besteht aus über 7500 bosnischen Kaffeetassen, «fildzani». Zusammen stehen sie für die über 8372 Knaben und Männer, die im Juli 1995 in Srebrenica umgebracht wurden.

Initiiert hat das Monument die bosnisch-amerikanische Künstlerin Aida Šehovic. Seit 2006 stellt sie die Kaffeetassen am jährlichen Gedenktag des Genozids, dem 11. Juli, in verschiedenen Städten auf, zusammen mit Passanten und unterstützt von Freiwilligen. Zürich ist die 13. Station von «Što te nema», nach Chicago, Toronto, Istanbul, Stockholm, Den Haag und weiteren Städten. Šehovic suche sich die Städte nie selbst aus, sagt sie. Sie folge Einladungen aus den Städten selbst.

Raum für Dialog schaffen

In Zürich war es Ismeta Curkic, Botschafterin der Wohltätigkeitsorganisation «La Terra Nostra», die «Što te nema» auf den Helvetiaplatz holte – dank privater und institutioneller Spenden und Crowdfunding. «Es war uns wichtig, verschiedene Gruppen in das Projekt einzubinden. Muslime, Orthodoxe, Juden, Christen, Bosniaken und Serben», sagt die Hauptorganisatorin, die selbst auch aus Bosnien stammt, in Österreich aufgewachsen ist und seit sechs Jahren in Zürich lebt. Sie wolle mithelfen, einen Raum für Dialog zu schaffen, einen Ort, an dem Menschen zusammen für Toleranz und ein friedliches Zusammenleben einstehen können. «Im Fokus steht die Multikulturalität in Zürich.»

«Ich war zu jung, um genau zu verstehen, was geschah, aber zu alt, als dass die Ereignisse spurlos an mir vorbeigegangen wären»Künstlerin Aida Šehovic über den Bosnienkrieg

Es war denn auch der Verlust eines friedlichen Zusammenlebens, der Šehovic zur Kunst führte. Als sie 15 war, floh sie aus Bosnien-Herzegowina. Zuerst in die Türkei, dann nach Deutschland, später in die USA. Heute lebt sie in New York. Der Bosnienkrieg habe ihr Leben auf den Kopf gestellt. «Ich war zu jung, um genau zu verstehen, was geschah, aber zu alt, als dass die Ereignisse spurlos an mir vorbeigegangen wären», sagt sie über den Krieg und Srebrenica. Seither beschäftigt sie die Frage, wie das hatte passieren können unter den Augen so vieler, deren Leben einfach weiterging und die gleichgültig schienen.

Die Frauen und Mütter, die bis heute warten

2004, knapp zehn Jahre nach Ende des Krieges, reiste Šehovic zum ersten Mal zurück in ihre alte Heimat. Es war das Jahr, in dem man die ersten Überreste von Opfern aus Srebrenica fand. Šehovic hörte von den Witwen, die der Genozid hinterliess, die Frauen von Srebrenica. Sie erzählten, wie schmerzhaft es sei, dass sie zu Hause niemanden mehr hätten, mit dem sie Kaffee trinken konnten.

Auf dem Helvetiaplatz entsteht das Denkmal «Što te nema». Es soll Menschen verschiedener Kulturen zusammenbringen. Bilder: Aleksandra Hiltmann

Šehovic kennt die Bedeutung des Kaffees in der bosnischen Kultur gut. «Von frühester Kindheit an erinnere ich mich, wie meine Eltern zweimal am Tag zusammen Kaffee zubereitet und getrunken haben. Es ist ein Gemeinschaftserlebnis.» Nachdem sie hörte, wie sehr die Witwen ihre Männer bei diesem Ritual vermissten, verstand sie: Für sie gehen der Genozid und das Trauma weiter. Die Frauen warten immer noch auf ihre Männer. «Što te nema», «Wieso bist du nicht da» wurde zu Šehovics Antwort auf Gleichgültigkeit.

Ein Denkmal für alle

Für Šehovic war von Anfang an klar, dass sie die Tassen für das Monument nicht einfach kaufen würde. «Genozid ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Verbrechen gegen uns alle. Deshalb geht uns das alle was an.» Und so sammelte Šehovic Tasse für Tasse – mit der Zustimmung und Unterstützung der Frauen von Srebrenica –, allesamt gespendet von Menschen aus ganz Bosnien-Herzegowina, später weltweit.

Zuerst befüllte Šehovic die Tassen selbst. Doch als eines Tages Überlebende von Srebrenica anboten, beim Aufstellen und Auffüllen der «fildzani» zu helfen, sei ihr ein Licht aufgegangen: Alle sollten an der Entstehung des jeweils eintägigen Monuments teilhaben können. Seither sind Passantinnen und Passanten dazu eingeladen, den vor Ort gekochten bosnischen Kaffee aus der Dzezva, der traditionellen Kaffeekanne, in die kleinen Tassen auszuschenken. So auch heute auf dem Helvetiaplatz. Über den ganzen Tag hinweg wächst das Denkmal. Je mehr Kaffeetassen gefüllt werden, desto grösser wird es.

«Što te nema» kommt bewusst ohne nationale Symbole, eine Benennung von Tätern oder vorgefertigte Informationen aus. Vorbeigehende sollen miteinander und mit dem Denkmal kommunizieren, mit oder ohne Worte. «Es geht um Verlust und Gemeinschaft. Das versteht jeder», so Šehovic.

«Što te nema» findet am 11. Juli bis 19 Uhr auf dem Helvetiaplatz in Zürich statt. Mehr Informationen finden Sie hier. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.07.2018, 09:52 Uhr

Aktion gegen das Vergessen: Die Künstlerin Aida Šehovic stellt ihre Installation auf. (Bild: PD)

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