Zürich schliesst sämtliche Kleinklassen

Die Schulbehörden der Stadt Zürich machen Ernst mit der Integration. Kinder, die bisher in Kleinklassen geschult wurden, dürfen ab 2009 in eine normale Klasse übertreten.

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Von den fast 30'000 Kindern, die in Zürich im Schulalter sind, besuchen über 2000 oder 7,4 Prozent keine Normalklasse, sondern ein Kleinklasse oder eine Sonderschule. Die Gründe, weshalb sie dort eingeteilt wurden, sind vielfältig: Lernschwierigkeiten, Disziplinlosigkeit, Entwicklungsdefizite und Behinderungen. Dieser hohe Prozentsatz ist landesweit unerreicht, wie der Direktor des Schulamtes, Tony Vinzens, gestern Donnerstag vor den Medien sagte. Im Kanton Genf beispielsweise beträgt er nur 2,7 Prozent, in der Schweiz 5,5 und im Kanton Zürich 5,2 Prozent. In anderen europäischen Ländern werden durchwegs klar weniger Kinder separiert geschult.

Nun will die Stadt Zürich weg von dieser unrühmlichen Ranglistenspitze. Das im Juni 2005 gutgeheissene Volksschulgesetz verlangt eine integrative Förderung, und die Stadt Zürich will dem Auftrag ab dem Schuljahr 2009/10 nachkommen. Das Gesetz liesse zwar einen Spielraum; Kleinklassen bleiben in reduzierter Zahl erlaubt. Die Stadt Zürich will die Wende aber radikal vollziehen. «Wir haben die Kinder zu grosszügig in Kleinklassen eingewiesen», sagte Schulvorsteher Gerold Lauber (CVP).

Gleicher Ansicht ist Res Rickli (SP), Schulpräsident in Schwamendingen. In seinem Schulkreis wird bereits in drei Schulen nach dem integrativen Förderkonzept (ISF) unterrichtet. Die Erfahrungen seien dort ausgezeichnet; es gebe jedes Jahr viele Gesuche von Eltern, die ihre Kinder gerne in eine ISF-Schule schicken möchten. Rickli betonte, dass Kinder aus Kleinklassen unter ihresgleichen kaum gute Vorbilder finden können.

Tony Vinzens ist sich aber auch bewusst, dass der neue Weg nicht ohne Risiko ist und dass es in der Lehrerschaft noch viele Zweifler gibt. Darum versicherte er: «Wir werden die Schulen nicht allein lassen.» Die Aufhebung der Kleinklassen sei keine Sparübung. Die Mittel, die frei würden, kämen vollständig den Schulen zugute. Diese werden nun zusätzliches Förderpersonal einstellen können. Die schulischen Heilpädagogen werden den Kindern mit speziellem Förderbedarf während des Unterrichts beistehen. Um die Schulen nicht zu sehr zu belasten, gibt es eine Übergangsphase; nicht alle Kleinklassen werden gleichzeitig aufgehoben.

Zudem will das Schul- und Sportdepartement «flankierende Massnahmen» anbieten. Für den Fall, dass ein Kind in einer Regelklasse untragbar wird, bietet das Schulamt Hilfe, beispielsweise mit Kriseninterventionen. Neu wird in Zürich-Nord eine neue Einrichtung mit dem Namen Intermezzo geschaffen. Es handelt sich um eine Spezialschule mit 30 Plätzen, in die Kinder temporär eingewiesen und intensiv betreut werden können. Ziel ist es, die Intermezzo-Kinder wieder fit zu machen für die Regelschule. Das Intermezzo-Konzept sei von der kantonalen Bildungsdirektion bereits bewilligt, sagte Vinzens.

Erfolgreiche Woche im Hirzenbach

In der zu Ende gehenden Woche haben sich die Stadtzürcher Lehrerinnen und Lehrer mit dem integrativen Förderkonzept vertraut gemacht. Die Kinder müssen in Zürich deshalb erst am Montag wieder in die Schule. Patricia Meyer-Jung, Schulleiterin im Schulhaus Hirzenbach, hat gestern Donnerstag eine positive Bilanz der Woche gezogen. Ihr Lehrerteam habe sich zu «pädagogischen Teams» zusammengefunden.

Zu einem solchen Team gehören im Hirzenbach alle Lehrpersonen, die mit den Klassen des gleichen Jahrgangs arbeiten. Dazu zählen beispielsweise die Heilpädagogen und Handarbeitslehrerinnen. Man habe sich in den Teams auf eine einheitliche Arbeitsweise und Sitzungstermine geeinigt. Das Konzept ist von der Lehrerschaft abgesegnet worden. Meyer-Jung bezeichnete die Arbeit in der Weiterbildungswoche als «spannend». Allerdings hatte sie in ihrem Lehrerteam nicht mehr allzu dickes Eis zu brechen, da im Schulhaus Hirzenbach bereits nach ISF-Konzept gearbeitet wird - erfolgreich, wie Meyer-Jung betonte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2008, 08:40 Uhr

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