Zürich trifft Pristina

Im Theaterprojekt «Müller trifft Krasniqi» bauen Jugendliche aus der Schweiz und aus Kosovo Freundschaften auf und gegenseitige Vorurteile ab.

Junge Schweizerinnen und Kosovarinnen proben für ihren gemeinsamen Auftritt.

Junge Schweizerinnen und Kosovarinnen proben für ihren gemeinsamen Auftritt. Bild: Doris Fanconi

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Fragt man Schweizer Jugendliche, was ihnen zu Kosovo-Albanern einfällt, kommen Antworten wie: «Albaner reden laut», «Albaner fahren dicke BMW», «­Albaner behandeln Frauen schlecht». Negative Vorurteile dominieren, obwohl auch die Namen Xherdan Shaqiri und Bendrit Bajra fallen und obwohl viele ­jemanden aus Kosovo persönlich ­kennen, der dem Klischee widerspricht. Kosovarische Jugendliche wiederum halten Schweizer für ernst, unfreundlich und übergenau.

Die Fragerunde ist Teil des Theaterprojektes «Müller trifft Krasniqi», an dem 26 Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren aus Zürich und Pristina teilnehmen. Erklärtes Ziel: Jugendliche aus beiden Städten sollten mittels Videobotschaften Freundschaften auf- und Vorurteile abbauen. Als Höhepunkt besuchten sich die Teilnehmer gegenseitig und ­erarbeiteten ein Improvisationstheater, das am Samstag im Zürcher Maxim-Theater aufgeführt wurde. Projektleiterinnen sind zwei junge Zürcherinnen: Laiya Sievi (22), Filmpraktikantin, und Lina Torregroza (23), Geografiestudentin. Die Schulfreundinnen haben vor einigen Jahren an einem ähnlichen Projekt («Zürich trifft Sarajevo») teilgenommen und wollten nun selbst ein solches auf die Beine stellen.

Mehrere Schulen machten mit

Vor dem Projektstart vor über sechs Monaten stellten Sievi und Torregroza ihre Idee an Zürcher Schulen vor. Sie wählten bewusst Stadtkreise mit einem weniger hohen Ausländeranteil als dem Kreis 4 , in dem sie beide aufgewachsen sind. «Wir kennen viele Kosovo-Albaner aus der Schule und wissen um ihre Kultur.» Für ihr Projekt überzeugen konnten sie Schülerinnen und Schüler des Liceo Artistico, der Rudolf-Steiner-Schule und verschiedenen Schulen im Kreis 6 und 11. In Pristina eine ähnlich durchmischte Gruppe zusammenzubringen, erwies sich als schwierig.

Schliesslich spannten Sievi und Torregroza mit der Privatschule «American School of Kosova» zusammen. 14 Schülerinnen und Schüler einer «Film und Theater»-Klasse bilden das kosovarische Gegenstück zur Schweizer Gruppe. Die 15-jährige Dea Balaj ist eine von ihnen. Das blonde Mädchen sitzt auf einer Bank im Garten eines Quartierhauses in Zürich-Unterstrass, drinnen probt die Gruppe das Theaterstück. Die Kosovarin spricht perfekt Englisch und erzählt ­lachend vom ersten Kontakt mit den Schweizern, die sich in kurzen Filmen vorstellten und Vorurteile thematisierten: «Sie dachten, wir seien sehr professionell darin, Autos schnell zu fahren.» Der persönliche Austausch sei wichtig, um zu merken, dass alles ganz anders sei als erwartet.

Emanzipierte Kosovarinnen

Der 19-jährige Eliah Maag pflichtet ihr bei. Der Schweizer Maturand mit Nasenring und hellblauen Socken erzählt von Unterschieden zwischen balkanstämmigen Ausländern in der Schweiz und den Albanern, die er in Pristina kennen gelernt hat. Diese zeigten sich beispielsweise an der sozialen Stellung der Frau. «Wenn ich hier Autos sehe, in denen die Mutter hinten sitzt und auf dem Beifahrersitz vorne ein kleiner Junge thront, stört mich das.» Bei seinem Besuch in Pristina hat Maag emanzipierte Kosovarinnen kennen gelernt. Er hat einen Fernsehsender besichtigt, der nur von Frauen geführt wird und in dem über Themen wie die Rekonstruktion des Jungfernhäutchens oder das Schicksal von Kriegswitwen berichtet wird. Maags ­Eindruck: «Die Gesellschaft in Kosovo entwickelt sich weiter, während viele der Schweizer Kosovo-Albaner im Vorkriegszustand verharren.»

Das Theaterprojekt sollte Freundschaften auf- und Vorurteile abbauen. (Bild: Doris Fanconi)

Am Samstag zeigten die Jugendlichen im Maxim-Theater im Kreis 5 einen Zusammenschnitt der Kurzfilme, die während des Projektes entstanden sind, und ihr selbst entwickeltes Improvisationstheater. Projektleiterin Sievi freut sich, dass die Gruppe für die Aufführung komplett war. An der einwöchigen Reise nach Kosovo im Oktober hatten nur sechs der zwölf Jugendlichen aus Zürich teilnehmen können. «Viele der Eltern hatten Bedenken, ihre Kinder mitreisen zu lassen.» Die Eltern hätten Gefahren, zum Beispiel durch die Flüchtlingskrise, befürchtet. Den Projektleiterinnen gelang es trotz grosser Bemühungen nicht, diese Bedenken zu zerstreuen. «Es war sehr schade, dass die Jugendlichen nicht dabei waren», sagt Sievi. Die Ängste aufseiten der Eltern zeigten aber auch, dass Projekte zum Abbauen von Vorurteilen gegenüber den Balkanländern dringend nötig seien. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.11.2015, 08:57 Uhr

Bröckelnde Idylle

Komödie im Maxim-Theater

Das Maxim-Theater ist seit 2006 die Bühne für interkulturelles Theater in Zürich. Rund 400 Menschen aus über 50 Nationen entwickeln gemeinsam Stücke, in denen es um das Zusammenleben verschiedener Ethnien, Kulturen und Religionen geht. Am Dienstag feiert die neue Komödie von Jasmine Hoch Premiere. Schauplatz von «Garten Eden» ist eine multikulturelle Schrebergartenkolonie, in der die zum Islam konvertierte Schweizerin friedlich neben dem Chilenen gärtnert, der in Zürich nach seinen jüdischen Wurzeln sucht. Doch dann beginnt die Idylle zu bröckeln. (mir)
Dienstag, 10. November, 20 Uhr, «Garten Eden» im Maxim-Theater, Hardturmstrasse 122A, Eintritt 25 Franken. Maximtheater.ch.

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