Zürich und der Verkehr – eine turbulente Geschichte

1882 fuhr das erste Tram durch die Stadt. Wie sich Strassen, Fahrzeuge und Sicherheit seither verändert haben.

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Die Stadt und der Verkehr: Es ist ein leidiges Thema, das die Zürcherinnen und Zürcher beschäftigt wie kein anderes. Stau, Lärm, Geschwindigkeitslimiten oder die Parkplatzsituation führen laufend zu Diskussionen und politischen Debatten. Die Initiative «Züri autofrei» fordert gar eine Stadt ganz ohne Autos. Bei den Bevölkerungsbefragungen wird der Verkehr denn auch regelmässig als eines der grössten Probleme genannt.

Ein Hauptgrund für das hohe Verkehrsaufkommen ist das Pendeln. Die Bevölkerung im Kanton wächst, mit ihr die Anzahl der Beschäftigten. Als wirtschaftliches Zentrum mit vielen Arbeitsplätzen zieht Zürich Menschen immer mehr aus der Agglomeration, dem weiteren Umland und gar aus anderen Kantonen an. 1950 belasteten noch gut 32’000 Zu- und Wegpendelnde den Verkehr, heute sind es über 304’000 oder zehnmal mehr.

Die Zahl derjenigen, die ihren Wohnort in Zürich verlassen und anderswo arbeiten, blieb in den letzten Jahren fast konstant. Dafür vervielfachte sich die Anzahl Zupendler, die immer längere Wege in Kauf nehmen. 1950 kamen 27’000 Menschen von ausserhalb zum Arbeiten in die Stadt, 2016 fast 240’000.

Oft fahren die Pendelnden mit dem Zug nach Zürich. Das war auch früher schon so, zumal viele Leute damals gar kein Auto besassen. Im 19. Jahrhundert wurden deshalb Bahnhöfe an der Peripherie der Stadt gebaut, wo es noch Platz gab. Mit dem Wachstum Zürichs und des Eisenbahnverkehrs entwickelten sie sich in der Folge häufig zu den eigentlichen Stadtzentren.

Zum unbestrittenen Knotenpunkt für den öffentlichen Verkehr entwickelte sich der Hauptbahnhof. Von hier aus fuhren Pendelnde und Stadtbewohner ab 1882 mit dem Tram zur Schule, zur Arbeit oder zum Wochenendausflug.

Eine Fahrt durch Zürichs Tramgeschichte: Historische Filmaufnahmen aus dem Stadtarchiv. (Video: Stadt Zürich)

Die Strassenbahnen wurden anfangs nicht von den VBZ betrieben, sondern von privaten Aktiengesellschaften. 1894, im Jahr nach der ersten Stadtvereinigung, beschloss Zürich, dass der Tramverkehr eine öffentliche Aufgabe sei und von der Stadt betrieben werden soll.

Der Verkehr und die Verkehrsinfrastruktur entwickelten sich laufend weiter. Für den Antrieb sorgten früher – vor Kutschen oder Trams gespannt – auch «Pferdestärken». 1927 verkehrte die erste städtische Autobuslinie, seit 1939 gibt es in Zürich auch Trolleybusse.

Heute macht der ÖV mit rund 40 Prozent den grössten Teil des Verkehrsaufkommens in der Stadt aus, gefolgt vom motorisierten Individualverkehr, dem Fuss- und dem Veloverkehr. Die blauen Züritrams und Trolleybusse der VBZ transportieren über 325 Millionen Fahrgäste pro Jahr beziehungsweise fast eine Million Personen pro Tag.

Mit der Zunahme der Passagiere mussten die VBZ auch ihre Fahrleistung ausbauen. 2016 legten ihre Trams und Busse über 32 Millionen Kilometer zurück, umrundeten also fast 800’000-mal die Erde entlang des Äquators. 1897 kamen die Wagen der VBZ noch auf lediglich 1,7 Millionen Kilometer.

Neben dem öffentlichen Verkehr erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg auch das Auto einen Aufschwung. 1945 gab es in Zürich nur etwas mehr als 6 Motorfahrzeuge pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner, lediglich fünf Jahre später waren es schon siebenmal so viele. Das Auto wurde zu einem Verkehrsmittel, das nicht nur für die Oberschicht erschwinglich war.

In den Jahren des sogenannten Wirtschaftswunders kam es zu verschiedenen, teils sehr radikalen Versuchen, die Stadt autogerecht umzubauen beziehungsweise zu erschliessen. So wurde 1954/55 der Generalverkehrsplan ausgearbeitet, der den Ausbau von Durchgangsachsen und Verkehrsknoten durch Spurerweiterungen wie auch Unter- und Überführungen, Hochstrassen und Tunnel vorsah. Der ÖV sollte ausserdem in den Untergrund verschwinden. Ein anderer Vorstoss war das Projekt von Expressstrassen im Verkehrsdreieck Letten zwischen 1960 und 1970, das wegen heftiger politischer Auseinandersetzungen nur teilweise realisiert wurde.

Gleichzeitig explodierte die Zahl der Personenwagen auf Zürichs Strassen regelrecht. Erst der Ölpreisschock stoppte die Zunahme ab 1973 vorübergehend, der Anstieg setzte sich danach weiter fort. Einen Höchststand erreichte der Motorisierungsgrad im Jahr 2001, als fast 385 Motorfahrzeuge pro 1000 Personen im Umlauf waren. Seither sinken die Zahlen tendenziell wieder und liegen heute auf dem Niveau der späten 70er-Jahre.

Dass die Zahl der Autobesitzer in den letzten Jahren wieder zurückging, hat wohl mit der Überlastung des Verkehrs, aber auch mit einem neuen Umweltbewusstsein zu tun. Immer mehr Zürcherinnen und Zürcher wollen nicht für einen teuren Parkplatz in der Innenstadt bezahlen, dauernd im Stau stehen und dabei auch noch die Luft verpesten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das noch anders. Damals stiegen die Arbeiter, die bis dahin klassisch mit dem Velo unterwegs waren, auf das Auto um. Auf einmal konnten sie sich eines leisten. Das Fahrrad wurde vornehmlich zum Sportgerät und zum Fortbewegungsmittel für Kinder und Jugendliche. Erst 1975 wurde der erste Veloweg – am Stadtrand in Zürich-Nord – eröffnet.

Heute geniesst das Velo den Ruf als besonders praktisches und ökologisches Verkehrsmittel, ist beliebter denn je, bleibt aber weiterhin Gegenstand von Diskussionen. Denn in den letzten Jahren nahm die Zahl schwer verletzter Personen auf den Strassen auch wegen der Zunahme von Velounfällen zu.

Insgesamt sind Zürichs Strassen jedoch deutlich sicherer geworden. 1970, auf dem unrühmlichen Höhepunkt, starben bei mehr als 10’000 Verkehrsunfällen über 80 Personen. Bis ins Jahr 2014 konnten die Unfälle um zwei Drittel reduziert werden. Der plötzliche Anstieg der Zahlen ab 2015 hat mit einer Definitionsänderung zu tun: Seit Mitte 2015 werden auch Bagatellunfälle mitgezählt, bei denen niemand verletzt worden ist.

Früher war der Verkehr in der Stadt noch deutlich gefährlicher, wie Tatortfotografien der Stadtpolizei aus den Zwischenkriegsjahren zeigen. Eine Fahrt im Tram, das heute als vergleichsweise sicher gilt, konnte damals noch schlimm ausgehen. Aber auch Velo- und Autofahrer lebten in den 20er- und 30er-Jahren risikoreich.

Heute ist die Sicherheitslage auf den Strassen immer noch ein heisses Thema. Dominiert wird die politische Diskussion aber von der Frage, ob in Zürich dereinst das Verkehrssystem zusammenbrechen könnte, wenn die Bevölkerungs- und Pendlerzahlen im gleichen Tempo weiterwachsen. Um den Kollaps zu verhindern, ist die Stadt dauernd gezwungen, auszubauen. Ein Beispiel ist die 2009 eröffnete Westumfahrung um die Stadt, welche die Achse Bullinger-, Sihlfeld- und Weststrasse vom Durchgangsverkehr befreite.

Aus Sicht der Jungsozialisten ist das nur Pflästerlipolitik. Sie fordern mit «Züri autofrei» die Verbannung aller Motorfahrzeuge aus der Stadt und haben bereits die erste grosse Hürde genommen: Ende März hat der Gemeinderat ihre umstrittene Initiative für gültig erklärt – gegen den Antrag des Stadtrats. Jetzt soll so bald wie möglich die Stadtzürcher Bevölkerung darüber abstimmen.

1997 kam schon einmal eine ähnliche Initiative vors Volk. Sie wurde mit 62 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Die Zustimmung in den Kreisen 1, 4 und 5 sorgte jedoch landesweit für Schlagzeilen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2018, 16:50 Uhr

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