Zürich von unten

Neuerdings gibt es in Zürich den «Sozialen Stadtrundgang»: Randständige führen durch ihre Stadt und erzählen ihre Geschichten – etwa, wie einen das Temperament eines Spitzensportlers in die Gosse führen kann.

«Wir zeigen den Hintergrund, der nicht so schön ist»: Ruedi Kälin, Surprise-Stadtführer. Video: Anja Metzger

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«Ich mache alles hier», sagt Ruedi und tippt sich mit dem Finger an den beeindruckenden grauen Haarschopf. «Ich habe alles im Kopf.» Seine Vergangenheit, seine Gegenwart, seine Zukunft. Zumindest die unmittelbare. Nur für die Buchhaltung greift er auf einen Stapel gelber A5-Couverts zurück. Für jeden Budgetposten hat der 56-Jährige eines. «Hier drin ist das Geld, mit dem ich die nächsten Hefte kaufe, hier das für die Zugfahrt nach Chur, hier die Miete für das Zimmer.»

Für den Coiffeur braucht er kein Geld, denn seine wilde Mähne, auf der stets eine Mütze sitzt, und sein grauer Vollbart sind sein Markenzeichen. Pendler kennen den unverwechselbaren «Surprise»-Verkäufer. Man trifft ihn bei der Sihlpost, vor dem Bahnhof-Coop oder der Bahnhofunterführung, wo er mit seinen Strassenmagazinen wedelt, auf den Zehenspitzen wippt und sich ab und zu etwas notiert.

Nicht auffallen, nicht stören

Ruedi führt Statistik: An welchen Standorten er wie viele «Surprise»-Hefte verkauft hat. Wie weit er mit seinem ­Monatsbudget schon ist. Wann er Pause macht. Wie das Wetter war. Ruedi sagt: «Es ist wichtig, ein System zu haben.» Er sagt auch, dass er immer der Beste sein wolle, dass er keine Bettler an seinen Plätzen dulde. Dass er auch einmal laut werden könne. Das sind Eigenschaften, die einen Mann an die Spitze von ­Konzernen und an die fetten Gehälter bringen können. Nicht so Ruedi. Ihn brachten sie in die Gosse.

Die Gosse sieht aus wie ein ganz ­normales Stück Stadt. Der Uraniabogen oberhalb der Stadtpolizei sei ein typischer Schlafplatz für einen Obdachlosen. Das Café Yucca an der Häringstrasse, ein Schlauch von einem Raum im Niederdorf, Wohnzimmer für Menschen auf der Gasse. Ein paar Schritte weiter am Häringplatz führt eine unscheinbare Treppe zur Gassenküche Speak-out hoch. Unauffällige Orte für unauffällige Menschen. Denn das sei das erste Ziel für jeden Obdachlosen: nicht auffallen, nicht stören.

Absturz in Etappen

Aus dieser Unscheinbarkeit sind Ruedi und Peter als Führer des «Sozialen Stadtrundgangs» herausgetreten, der neuerdings in Zürich angeboten wird. Die Idee: Jene, die Zürich von unten kennen, führen durch die Stadt, die sich den Armen, Abhängigen und Ausgesteuerten zeigt. Dazu erzählen sie ihre Geschichten. Keine ist wie die andere, doch alle haben eines gemeinsam: In irgendeiner Kurve sind die Männer aus dem bürgerlichen Leben rausgeflogen.

Meist kommt der Absturz in Etappen. Erst verliert man den Job, dann die Freundin, Besitz, Beziehungsnetz, Wohnung. Schliesslich die Hoffnung und die Energie, etwas zu versuchen. «Man wundert sich, dass es immer noch eine Stufe weiter hinuntergeht», sagt Ruedi. Am Schluss bleiben oft nur Scham und ihr Zwillingsbruder, der Stolz: Lieber unter freiem Himmel als im Männerheim wohnen. Sich lieber irgendwie durchschlagen, als Sozialhilfe zu beziehen. «Ich wollte immer für mich selber sorgen», sagt Ruedi. Als «Surprise»-Verkäufer der ersten Stunde kann er das. Er ist sein eigener Chef.

Und ein strenger dazu. Das sagt Ruedis bester Freund Peter. Die beiden sitzen zusammen auf einer Bank an der Limmat, essen ein Sandwich und vergleichen, wer an diesem Morgen mehr Magazine verkauft hat. «Ruedi will sich immer verbessern. Eigentlich ist er ein ziemlicher Tüpflischiisser.» Eine Frau spaziert über den Mühlesteg, bewundert die dort angebrachten Liebes­schlösser und erkundigt sich bei den beiden, was es damit auf sich hat. «Das sind Enttäuschungen von mir!», ruft Ruedi.

«Ich lasse mich nicht gern in ein Schema drücken»

Fachleute schätzen, dass in der Schweiz rund 2000 Obdachlose leben. Die Mehrzahl von ihnen sind Männer. Auf der Gasse, so stellt man sich vor, landen Junkies, Alkies, Psychos. Das trifft weder auf Ruedi noch auf Peter zu. ­Peter hat ein ehrliches Gesicht, traurige Augen und ein kleines Bäuchlein. Peter arbeitete in Niedriglohnjobs, war Koch, versuchte sich als Unternehmer, verschuldete sich für einen Freund, bekam gesundheitliche Probleme, hatte schliesslich einen Unfall und keine Taggeldversicherung, wurde betrieben, rutschte ab, immer tiefer. Sozialhilfe wollte er nie beziehen. «Ich lasse mich nicht gern in ein Schema drücken. Solange ich selber überleben kann, mache ich das.»

2009 briet Peter beim Calypso-Grill im Niederdorf Würste. Ruedi, ein häufiger Gast, blieb abends jeweils bis Dienstschluss, und Peter spendierte ihm manchmal eine verkohlte Wurst. Daraus entstand eine Freundschaft. Peter wohnte damals im Wohnheim, aber es hatte ihm da zu viele Drögeler. Und so schloss er sich Ruedi an, übernachtete öfters draussen mit ihm an einem seiner Plätze, die beiden zogen von Schlafplatz zu Schlafplatz.

Mit 18 stand Ruedi als Elitejunior im Eishockeygoal und liebäugelte mit einer Profikarriere in Amerika. Dann kam das Unglück, sein Vater schoss sich eine Kugel in den Kopf. Um sich, die Mutter und die jüngere Schwester durchzubringen, arbeitete Ruedi als Fensterputzer, Zeitungsverträger, am Skilift, in der Druckerei. Doch immer gab es «Lämpen». Die Mutter machte Druck, manchmal auch der Chef – bis Ruedi den Bettel hinschmiss. Bald lebte er auf der Strasse, gewärmt nur von einem Schlafsack und seinen Sportlerträumen. Noch immer ist Eishockey seine Lieblingsmetapher in allen Lebenslagen. Zum Beispiel, wenn es um seine Verkaufstechniken geht: «Das ist wie bei einer Mannschaft. Wenn sie nicht gut ist, musst du sie trainieren.» Und was sein Leben betrifft, das so anders herausgekommen ist, als er es sich erträumt hat: «Vom HC Davos erwartet auch niemand, dass er Meister wird. Das kann auch ein Vorteil sein.»

Kein Puff, keine Probleme

Nach Basel ist Zürich die zweite Schweizer Stadt, die solche Rundgänge anbietet. Verantwortlich dafür ist Sybille Roter. Sie kannte die Idee aus der Strassenzeitungsbewegung und brachte sie in die Schweiz. «Obdachlosigkeit heisst totaler Rückzug», erklärt sie. «Man ist draussen in jeder Hinsicht. Schon nur auf die unterste Stufe zurückzufinden, eine Vision für ein neues Leben zu entwickeln, ist für viele ein sehr langer Weg.»

Insofern sind die Stadtführungen ein doppeltes Angebot: an die Geführten, aber auch an die Führer selber, die hier Experten sind. «Chancenarbeitsplätze für eine neue Existenz» nennt das Roter. Man hört ihnen zu, und selbst diese marginale Form von Anerkennung kann sich als sehr wirkungsmächtig erweisen. «Zürich ist eine der reichsten Städte der Welt, und wir stellen fest, dass es ein grosses Interesse gibt, auch die negativen Seiten davon anzusehen», sagt Roter. Gemeint sind «gesellschaftliche Ausgrenzung», wie es auf dem entsprechenden Flyer heisst «die Schattenseiten der Gesellschaft».

Das hört sich griffig an. Doch ganz so eindeutig sind Licht und Schatten nicht verteilt. Die vielen sozialen Institutionen, zu denen Ruedi und Peter auf ihrem Rundgang führen, bilden ein Auffangnetz für jene, die gar nichts mehr haben. Essen und ein Dach über dem Kopf kann in der Schweiz finden, wer will. Ebenso elementar aber ist das Bedürfnis nach Anerkennung und Erfolg, und das lässt sich nicht mit Almosen stillen. Kommt hinzu, dass die Mechanismen von Konkurrenzdenken und Ausgrenzung auch unter den Ärmsten spielen. Auch unter den Bewohnern sozialer Einrichtungen gibt es Neid, Konkurrenz und Ausgrenzung, Armutszuwanderer aus Osteuropa sind ungern gesehen. An den Abenden sprechen die Männer über Frauen, Geld und Fussball.

Weniger Frauen als Männer

Und was ist mit den Frauen? «Frauen landen weniger schnell auf der Strasse, sie haben andere Strategien, um sich zu schützen», sagt Roter. «Und wenn, dann tun sie alles, damit es nicht entdeckt wird. Frauen strengen sich viel mehr an, die Fassade aufrechtzuerhalten.» Weder in Basel noch in Zürich führen Frauen durch den Stadtrundgang, bei den «Surprise»-Verkäuferinnen macht ihr Anteil etwa 40 Prozent aus.

Sieben Jahre lang lebte Ruedi auf der Strasse. Im Sommer übernachtete er an seinem Sonnenplatz am See, bei schlechtem Wetter hatte er seinen Regenplatz, im Winter schlief er in einer Gärtnerei am Stadtrand mit einem kaputten Schloss. Jeden Tag packte er um 5 Uhr seine Sachen und kehrte abends zurück, wenn niemand mehr da war. Geld und Wertsachen bewahrte er in einem Schliessfach am Bahnhof auf, auch wenn ihn das fast so viel kostete wie ein Zimmer. 750 Franken im Monat gab er allein für das Schliessfach aus – Geld, das er mit dem «Surprise»-Verkauf verdiente. «Mir gefiel dieses Leben, ich war zufrieden», sagt er. «Es kommt immer darauf an, wie du dich selber gibst. Solange du kein Puff machst und keine Gelage veranstaltest, lässt man dich in Ruhe.»

Inmitten der Bürolistenherde

Im Vergleich zu damals führen die beiden heute ein beinahe bürgerliches Leben. Ruedi hat ein Zimmer in Chur mit einem Fernseher und einer Katze, die ihn besucht. «Am Anfang hatte ich Probleme, in einer Wohnung zu schlafen, aber jetzt gefällt es mir, auch mal entspannen zu können.»

Peter arbeitet neben den Stadtrundgängen als Lagerist bei der Migros im Shop-Ville. Auch wenn ihm im Untergrund das Tageslicht fehlt, ist der Job ein Lichtblick. Denn auch der Verkauf von Strassenmagazinen ist härter geworden. Es gibt mehr Arbeitslose, die Konkurrenz ist grösser, das Heft teurer geworden. Und eigentlich möchte man doch einfach ganz normal leben.

Am Morgen nach seinem Stadtrundgang steht Ruedi wieder bei der Sihlpost mit seinen Strassenmagazinen, und die Pendler ziehen vorbei wie eine grosse Herde auf dem Weg in ihre warmen Büroverschläge. Was er beim Anblick dieser Leute denkt? Er lacht. «Nichts. Ich will einfach meine Hefte verkaufen», sagt er, denn diesen Winter will er seinen Traum verwirklicht sehen. Die ersten Ferien seit zehn Jahren – in Davos, denn falls es sich ergeben sollte, dass der HC Davos Meister wird, will er dabei sein. Dazu muss er noch einige Hefte verkaufen, jeden Tag. Bis das entsprechende Couvert voll ist.

Erstellt: 18.11.2014, 18:46 Uhr

Experten der Strasse

Der Verein Surprise

Seit April 2013 bietet der Verein Surprise soziale Stadtrundgänge in Basel an, um «einen konkreten Beitrag gegen Armut und Ausgrenzung in der Schweiz» zu leisten. Seit Oktober 2014 werden auch in Zürich entsprechende Rundgänge angeboten, in Zusammenarbeit mit zwanzig Zürcher Institutionen. Dabei erzählen Obdachlose und Rand­ständige von ihrem Alltag und führen die Besucher an Orte, an denen man sonst einfach vorbeigeht, und stellen die Arbeit der sozialen Einrichtungen vor. In Zürich stehen fünf Touren mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf dem Programm, geführt von drei verschiedene Expertenteams.

Seit 1997 hilft der Verein Surprise mit seinem Strassenmagazin «Surprise» ­Menschen in sozialen Schwierigkeiten, sich aus eigener Kraft aus Abhängigkeiten zu befreien. Surprise finanziert sich mit dem Verkauf des Strassenmagazins ­ sowie mit Spenden von Privatpersonen und Firmen und Förderbeiträgen. (mcb)

www.vereinsurprise.ch/stadtrundgang

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