Zürich war mal deutscher

Zu viele Deutsche in der Stadt? Es sind 8 Prozent. 1912 waren es 21 Prozent. Deutsche prägten einst über Jahrzehnte Zürich – als Professoren, Kunstförderer oder linke Politiker.

September 1912, Zürich: Kaiser Wilhelm II. (rechts) salutiert der Truppe der Gastgeber. Hinter ihm in Zivil Bundespräsident Ludwig Forrer. Foto: Fotostiftung Schweiz

September 1912, Zürich: Kaiser Wilhelm II. (rechts) salutiert der Truppe der Gastgeber. Hinter ihm in Zivil Bundespräsident Ludwig Forrer. Foto: Fotostiftung Schweiz

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Der höchste Deutsche kommt. Und Zürich steht Spalier, ihn an diesem 3. September 1912 zu begrüssen. Als der Sonderzug einfährt, entblössen sich die Häupter. Wilhelm II. steigt aus. Er trägt die Uniform des Gardeschützenbataillons, wie Kenner vermerken.

In Kutschen und Autos fährt der Besuch samt Entourage durch die Bahnhofstrasse. Die Stadt ist ein Meer deutscher und schweizerischer Fahnen. Karl Liebknecht, der deutsche Arbeiterführer, ist irritiert. Die Eidgenossen hätten den Kaiser «wie einen Messias» begrüsst, kritisiert er. 1912 ist auch das Jahr, in dem der Anteil der Deutschen an Zürichs Bevölkerung kulminiert: Mehr als 42 000 Reichsdeutsche leben hier, das sind 21,2 Prozent der Zürcher Gesamtbevölkerung. Zum Vergleich: Heute beträgt der Anteil Deutscher in Zürich 8 Prozent. Zürich in der Belle Epoque: eine deutsche Stadt? Das ist nun unzulässig zugespitzt, auch wenn reichsdeutsche Propagandisten es gern hätten. Tatsache ist hingegen, dass die gescheiterten Aufstände im Nachbarland der Schweiz seit 1830 in Wellen Einwanderer heranspülen – mit grossen Folgen für Zürich.

Starakademiker Kinkel

Die Schweiz ist damals d a s freiheitliche Land Europas. Es zieht die besten deutschen Köpfe an, die Kleinstaaterei, Unterdrückung, Polizeizensur entfliehen. Den Linksrepublikaner Gottfried Kinkel etwa. 1866 wird er Professor für Archäologie und Kunstgeschichte am eidgenössischen Polytechnikum. Bald ist er, der schöne Starakademiker, weitum begehrt als geistvoller Referent. 1869 hält Kinkel zum 50. Geburtstag des Zürcher Schriftstellers Gottfried Keller eine Festrede.

In den ersten Jahren der Uni Zürich ab 1833 sind, so Historiker Klaus Urner, alle ordentlichen Professuren mit Deutschen besetzt. Über Jahrzehnte prägen die zugezogenen Akademiker Zürich. Hermann Lebert tritt 1853 eine Medizin-Dozentur samt Klinikstelle an und schreibt: «Das Zürcher Hospital und die grosse unter meiner Leitung stehende Abteilung übertrafen alle meine Erwartungen.» Später erhebt sich gegen ihn Kritik, er hat als Klinikverwalter wohl keine Begabung. 1859 zieht er weiter nach Breslau und lobt dort die «freundliche Liebenswürdigkeit der Bewohner».Darin mag sich eine leise Spitze gegen die Zürcher verbergen; das vermutet Martin Müller, der ein Buch über die Zürichdeutschen von damals verfasst hat.

«Tendenz zur Absonderung»

Zürich und die Deutschen damals: Das Konzert heimischer Stimmen klingt ähnlich wie heute. Man sieht ihre Leistung, anerkennt ihre Arbeit – und fühlt sich bisweilen ein wenig überrumpelt von ihrer Kompetenz und Forschheit. Just die sehr deutsche Besetzung der Universität bewirkt in den 1830er-Jahren Missstimmung, so Historiker Urner; er spricht auch von einer «Tendenz zur Absonderung» der deutschen Akademiker.

Berühmt der Tonhalle-Krawall. Nach dem triumphalen Sieg über Frankreich wird in Deutschland 1871 das Kaiserreich gegründet, dies feiern Zürichs Deutsche in der Tonhalle. Draussen sammeln sich französische Kriegsverlierer. Und Schweizer, denen das Riesengebilde im Norden Angst macht, weil es die heikle europäische Machtbalance gefährdet. Steine fliegen, es kommt zur Saalschlacht, die Polizei bietet kantonale Truppen auf, später rückt die Schweizer Armee an. Fünf Personen kommen um.

So bringen die Deutschen der Schweiz sowohl ihre geistige Kraft als auch eine gewisse Unruhe. Das beginnt schon vor der Gründung des schweizerischen Bundesstaates 1848. David Friedrich Strauss, der als Tübinger Theologe die Figur Jesus zerzaust hat, wird 1839 nach Zürich an die Universität berufen – und zieht den Volkszorn auf sich. Die Landbevölkerung ist vom liberalen Regime enttäuscht, die Wirtschaft läuft nicht, dazu gab es Fehl­ernten. Strauss gerät zum Feindbild, in den Dörfern sammeln sie Unterschriften gegen den deutschen Antichristen. Es gibt Zusammenrottungen, es wird geschossen, Tote liegen am Boden, Zürichs Regierung muss zurücktreten. Bis die Schweiz so stabil ist, wie sie uns Heutigen erscheint, dauert es. Strauss wird nach zwei Monaten pensioniert. Mit 31 Jahren.

Im 19. Jahrhundert wächst Zürich rasant: Bahnhof, Banken, Baur am Paradeplatz und Baur au Lac für Vornehme, die inkognito bleiben wollen. 1850 leben im Bezirk Zürich 41 500 Menschen, 1900 sind es 168 000. Zweimal wütet in den Arbeiterquartieren die Cholera. Auch bei der Formulierung sozialer Anliegen sind Deutsche führend.

Greulich und die Feuerwehr

Hermann Greulich kommt 1865 als Buchbindergeselle in die Schweiz. Er tritt dem Arbeiterbildungsverein Eintracht bei, studiert Engels und Marx, bildet sich eine politische Anschauung, die bei aller Klassenkritik stets demokratisch bleibt. Der Weg zum Vater der Schweizer Sozialdemokratie, als der er heute gilt, ist arbeitsreich: Er redigiert die «Tagwacht», gründet Gewerkschaften, setzt sich für die Frauenemanzipation ein, sitzt nach der Einbürgerung temporär gleichzeitig im kommunalen, im kantonalen, im nationalen Parlament. Und immer Anfeindungen und Armut: Als sein Haus brennt, macht die Feuerwehr noch das ganze Hausgerät kaputt und lacht; oft nimmt der Betreibungsbeamte den Wein aus Greulichs kleinem Rebberg in Hirslanden mit.

Manche deutsche Handwerker und Gesellen in Zürich sind bedürftig. Die Eintracht, der wichtigste deutsche Arbeiterverein, führt eine Hilfskasse für Notfälle, bringt die Exilierten zusammen, fördert die politische Bildung, Vollblut-Politiker wie August Bebel, Mitgründer der SPD, schwingen feurige Reden. 1888 hat man das Zunfthaus zur Schuhmachern am Neumarkt gekauft. Man unterhält eine Bibliothek, veranstaltet Sauserabende, lädt zu Ausflügen, etwa nach Luzern und Flüelen.

François Wille in Feldmeilen

Die Deutschen in Zürich: auf ewig namenlos die einen, berühmt für immer andere. Ein Name, der in den Biografien grosser Künstler auftaucht: Eliza Wille-Sloman. Selbstbewusst ist die Hamburger Reederstochter; sie sei keine Frau, sagt sie, «die ein Mann nach Laune oder Willkür behandeln kann». Ihr Gatte François Wille, Hamburger mit Schweizer Wurzeln, ist Journalist, ein Kämpfer für bürgerliche Rechte. Als seine Hoffnungen sich zerschlagen, zieht das Paar an den Zürichsee. 1851 kaufen sie das Gut Mariafeld in Feldmeilen.

Eliza Wille-Sloman wird zur inspirierenden Gastgeberin und zur Figur der Kulturgeschichte; sie bewirtet den Dichter Georg Herwegh, den Historiker Theodor Mommsen, aber auch die Komponisten Franz Liszt und Richard Wagner. C. F. Meyer widmet ihr 1891 zum Geburtstag ein Gedicht: «Seltsam vermischen Zeiten sich und Stunden . . ./ In der Natur und auch in dir, Eleise!»

Das Bild von Zürichs Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg wäre nicht vollständig, wenn man von den Ausländern nur die Deutschen erwähnte. 1912 machen diese, wie erwähnt, 21,2 Prozent der städtischen Bevölkerung aus. Dazu kommen 13 Prozent Fremde aus anderen Ländern. Darunter sind etwa Italiener, geschätzte Arbeiter im Bahnbau. Viel fremdes Volk studiert aber auch an der Uni, vor allem Frauen; die Uni Zürich hat sich den Frauen bereits 1864 geöffnet. Gebildete Russinnen studieren in Zürich, aber auch deutsche Frauen; in Deutschland kommt das Frauenstudium für alle Hochschulen erst 1908.1914 bricht der Krieg aus. «Patriotische Euphorie» (Klaus Urner) packt die Deutschen und die Österreicher in der Schweiz, zum Leidwesen radikallinker Agitatoren infiziert sie auch die Arbeiter. Am Tag nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien ziehen junge Männer durch Zürich, bejubeln den Krieg und schlagen, so ein Zeitzeuge, beim Bahnhof einen Schweizer in die Flucht, der sich über die «Schwaben» aufregt. Dann beginnt der Exodus per Zug. Alle möchten in den grossen Krieg ziehen. In den vier Kriegsjahren wird es in Zürich nicht mehr so viele Ausländer geben wie zuvor. Freilich bleibt es ein Sammelbecken – nun für Kriegsgegner und -flüchtige, Anarchisten, revolutionäre Menschewiki und Bolschewiki, darunter Lenin. Und jedenfalls haben Deutsche das moderne Zürich entscheidend geprägt. Ein letzter Name: Ludwig Snell. Er verfasst 1830 das Küsnachter Memorial mit, das ein Jahr später in die fortschrittliche Kantonsverfassung mündet.

Ein Küsnachter hat ihn mit folgenden Worten zum Eingreifen in den Kampf um mehr Rechte ermutigt: «Diese Forderungen musst Du uns formulieren, das verstehen wir Seebuben nicht.»

Hauptquellen: Martin Müller, «Adler bis Wesendonck. Deutsche und andere Ausländer in Zürich 1830 bis 1914», Chronos, 2012. Klaus Urner, «Die Deutschen in der Schweiz», Huber, 1976. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2015, 23:27 Uhr

Hermann Greulich


Mit 23 Jahren kam der Schlesier (1842–1925) in die Schweiz. In Zürich avancierte er, 1877 eingebürgert, zum Vordenker der Gewerkschaften, des Frauenstimmrechts, der Sozialdemokratie.

Eliza Wille-Sloman


Die Hamburgerin (1809–1893) zog mit ihrem Mann an den Zürichsee. In ihrer Villa bewirtete sie Grössen wie C. F. Meyer und Richard Wagner. Selber schrieb sie Romane.

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