Zürich wird das Stadion wohl allein zahlen

Falls es im neuen Hardturm wie geplant Stehplätze gibt, droht die Fifa mit dem Rückzug aus dem Projekt. Die Stadt wäre bereit, die 20 Millionen Franken der Fifa zu übernehmen. Doch das passt nicht allen.

Projekt mit Komplikationen: Auf der Brache des alten Hardturms (Aufnahme vom Winter 2010/2011) soll bis 2017 ein neues Stadion stehen, wenn alles nach Plan verläuft.

Projekt mit Komplikationen: Auf der Brache des alten Hardturms (Aufnahme vom Winter 2010/2011) soll bis 2017 ein neues Stadion stehen, wenn alles nach Plan verläuft. Bild: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei der Zangengeburt des neuen Hardturmstadions zeichnen sich neue Komplikationen ab: Die Fifa will ihre Beteiligung am Projekt überdenken, wie der «Landbote» berichtet. Derzeit gilt eine Zusage des Weltfussballverbandes, in die Zürcher Stadion AG 20 Millionen Franken Eigenkapital einzuschiessen.

Der Hauptgrund für den möglichen Rückzug der Fifa sind die Stehplätze, welche auf Wunsch der beiden Fussballclubs FCZ und GC in den Fankurven eingeplant wurden. Anfänglich war von einem reinen Sitzplatzstadion die Rede gewesen. Ein Stadion mit Stehplätzen widerspricht den Fifa-Empfehlungen für den Stadionbau und auch den Vorschriften für internationale Spiele. Allerdings gibt es in diversen Schweizer Stadien Stehplätze.

Vier Varianten ohne Fifa

Urs Spinner, Sprecher des Hochbaudepartements, bestätigte den Bericht des «Landboten», wonach Fifa-Präsident Joseph Blatter an einer Sitzung mit der Stadt einen Verzicht auf die Stehplätze gefordert hatte. Obwohl Finanzvorsteher Martin Vollenwyder (FDP) auf den Wunsch nicht eingegangen ist, betonte Spinner gestern, das Verhältnis zur Fifa sei gut, und er äusserte Verständnis für deren möglichen Ausstieg: «Es ist für die Fifa politisch schwierig, sich an einem Stehplatzstadion zu beteiligen.» Laut Spinner will der Stadtrat an den Stehplätzen festhalten, weil dies mit den Clubs so ausgehandelt worden sei. Damit kann die Stadionkapazität von 16'000 auf 19'500 Plätze ausgebaut werden.

Der mögliche Absprung der Fifa würde das 150-Millionen-Projekt kaum beenden. Spinner rechnet nicht einmal mit einer Verzögerung. Geplant ist, dass der Gemeinderat im Sommer den Projektierungskredit von 7,5 auf etwa 15 Millionen Franken erhöht. Und wenn es weiter nach Plan geht, werden 2017 die ersten Spiele im Hardturm ausgetragen.

Sollte die Fifa tatsächlich aussteigen, gibt es vier Varianten, wie es mit dem Stadionprojekt weitergehen könnte.

  • Die Stadt erhöht das Darlehen. Gemäss Businessplan hat die Stadt der Stadion AG ein verzinsliches Darlehen von 70 Millionen Franken zugesagt. Sie könnte es auf 90 Millionen erhöhen. Für den Betrieb des Stadions ergäben sich bei einer Verzinsung von 2 Prozent jährliche Zusatzkosten von 400'000 Franken. Der Businessplan sieht derzeit ein jährliches Betriebsdefizit von 5 bis 7 Millionen Franken vor – bei einer angenommenen Zuschauerzahl von durchschnittlich 10'000 Personen pro Spiel. Diese Variante dürfte dem Vernehmen nach die wahrscheinlichste sein. Damit würde die Stadt Zürich praktisch zur alleinigen Eigentümerin des Hardturms. In der Stadion AG beteiligt sie sich mit 50 Millionen, GC und der FCZ zahlen je 2,5 Millionen und andere Kleininvestoren insgesamt 5 Millionen Franken.

  • Die Stadt erhöht das Eigenkapital. Statt das Darlehen zu erhöhen, könnte die Stadt ihre Einlage in der Stadion AG von 50 auf 70 Millionen Franken aufstocken. Dies hätte den Vorteil, dass das Betriebsdefizit nicht grösser würde. Der Nachteil wäre, dass das Geld keine Rendite abwirft. Denn mit einer Dividende können die Stadionaktionäre nicht rechnen: «Der Hardturm wird kaum zum Spekulationsobjekt», schätzt Spinner.

  • Sparen. Man könnte die fehlenden 20 Millionen beim Projekt einsparen. Für Spinner ist dies unmöglich. Kein Projekt sei genauer durchgerechnet als dieses. Das Stadion ist laut Spinner nicht billiger zu bauen – es sei denn, es werde redimensioniert. Man könnte etwa auf die beiden Stadionbars verzichten oder auf die Passerelle, über die die Gästefans in ihren Sektor geführt werden sollen.

  • Neue Geldgeber suchen. Man könnte andere private Investoren suchen und ihnen allenfalls die Namensrechte für das Stadion verkaufen. Wenn es nicht gerade «Beate Uhse» sei, seien alle Geldgeber willkommen, die sich Zürich verbunden fühlten, sagte Spinner. Die Stadt sei allerdings nicht aktiv auf der Suche, und es seien auch keine neuen Investoren in Sicht. Gerüchte, wonach die Zürich-Versicherung an einem Engagement interessiert sei, wurden gestern von der Unternehmensleitung des Konzerns umgehend dementiert.

Spinner kündigte an, dass die Stadt mit den Verantwortlichen von GC und dem FCZ nochmals über die Stehplätze reden werde. Immerhin würden sie auf ihren Wunsch eingebaut. Wenn die Fifa aussteige, müssten sich die Clubs Gedanken über neue Geldgeber machen. «Mir ist kein Fussballstadion bekannt, das praktisch im Alleingang von der öffentlichen Hand gebaut wird», sagte Spinner. GC-Mediensprecher Eugen Desiderato teilte gestern mit, über einen Verzicht auf die Stehplätze sei bei GC nicht diskutiert worden, da man bisher nicht mit der Frage konfrontiert worden sei. Beim FCZ war niemand zu erreichen.

Vor dem Volk gefährdet

Aus dem Zürcher Stadtparlament forderte gestern niemand explizit, auf die Stehplätze zu verzichten, um die 20 Fifa-Millionen zu retten. Am deutlichsten wurde Mauro Tuena (SVP): «Die Stadt muss alles daran setzen, damit die Fifa dabeibleibt.» Er forderte Gespräche zwischen der Fifa, den Clubs und der Stadt, auch im Interesse des Projekts. Tuena ist überzeugt, dass dieses derzeit in einer Volksabstimmung einen schweren Stand hätte, vor allem nach den Krawallen letztes Jahr. Zur Frage, ob die SVP bereit wäre, 20 Millionen zusätzlich für das Stadion zu bewilligen, sagte Tuena: «Grundsätzlich sind wir für das Stadion.»

Auch Gemeinderat Urs Egger (FDP) befürchtet, dass es ohne Fifa schwierig wird, den Stadionkredit durch eine Volksabstimmung zu bringen. Egger sieht aber Chancen, dass das Stadion billiger werden könnte. Im Mai wird voraussichtlich das Siegerprojekt aus dem Architekturwettbewerb gekürt. Da der Preis ein wichtiges Kriterium war, hofft Egger nicht nur auf ein gutes, sondern auch auf ein günstiges Stadion.

Fifa-Beitrag für die Privilegien

Markus Knauss, Fraktionschef der Grünen, würde die 20 Millionen ebenfalls sparen – mit einem Verzicht auf die 370-plätzige Tiefgarage. Es habe um das Hardturmstadion genügend Parkplätze. Ob seine Fraktion einer Aufstockung des Fremdkapitals durch die Stadt zustimmen würde, lässt er offen. Doch mit einer Verzögerung des Projektes rechnet er wegen dieser Finanzfrage nicht.

Kritik an der Fifa äussert SP-Fraktionschefin Min Li Marti. Es sei seltsam, dass sich die Fifa erst jetzt an den Stehplätzen störe. Für Marti sind die 20 Millionen auch ein «angemessener Standortbeitrag für die Privilegien, die die Fifa in Zürich geniesst». Sie erachtet darum «Nachverhandlungen» mit der Fifa für nötig, aber auch mit den beiden Fussballclubs. Für den Fall, dass keine Einigung möglich sei, meint Marti: «Dann muss die Stadt bezahlen.» Den Vorschlag der Grünen, die Tiefgarage zu streichen, lehnt die SP zwar nicht grundsätzlich ab. Aber er sei nicht zielführend. Erstens seien damit nicht 20 Millionen Franken einzusparen, und zweitens wolle die SP das Projekt nicht mit einer Parkplatzdebatte noch mehr gefährden.

Erstellt: 13.01.2012, 07:12 Uhr

Stehplätze sind die Regel

St.-Jakob-Arena, Basel: 33 700 Sitzplätze und 3800 Stehplätze (nationale Spiele), 36 000 Sitzplätze (internationale Spiele)

Letzigrund Stadion, Zürich: 24 775 Sitzplätze. Ab Februar stehen für die FCZ-Fans auch Stehplätze zur Verfügung

AFG Arena, St. Gallen: 19 500 Sitz- und Stehplätze (national), 17 317 Sitzplätze (international)

Stade Olympique, Lausanne: 15 770 Sitzplätze (national) 10 000 Sitzplätze (international)

Swissporarena, Luzern: 14 000 Sitzplätze und 3000 Stehplätze

Stade de Genève, Genf: 30 000 Sitzplätze

Stade de la Maladière, Neuenburg: 11 990 Sitzplätze

Stade de Tourbillon, Sion: 14 300 Sitzplätze und 1700 Stehplätze

Stade de Suisse, Bern: 31 789 Sitzplätze

Brügglifeld, Aarau: 8050 Stehplätze und 1200 Sitzplätze

Arena Thun, Thun: 8426 Sitzplätze und 1972 Stehplätze

Artikel zum Thema

Fifa will keinen Hardturm mit Stehplätzen

Der Weltfussballverband wollte sich mit 20 Millionen Franken am neuen Stadion auf dem Hardturm beteiligen. Werden jedoch die geplanten Stehplätze gebaut, droht die Fifa, den Geldhahn zuzudrehen. Mehr...

Hardturm-Stadion: Abstimmung für 2013 geplant

Die Stadt Zürich plant für das neue Hardturm Stadion weniger Zuschauer- und Parkplätze. Mehr...

Zürichs hohe Ansprüche an den neuen Hardturm

Der Stadtrat startet den Wettbewerb für das neue Stadion. «Der Match dauert länger, als Sie glauben», warnt er die Architekten. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Blogs

Geldblog So riskant ist die Osram-Übernahme für AMS
Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...