Zürich zahlt Millionen an unverschämte Vermieter

An der Bucheggstrasse wohnen Flüchtlinge in überteuerten und übervollen Wohnungen. Über Preise, Schimmelwände und schlaflose Nächte.

In den zusammengebauten, teils renovationsbedürftigen Häusern an der Bucheggstrasse leben 60 Mieter aus Afrika. Foto: Urs Jaudas

In den zusammengebauten, teils renovationsbedürftigen Häusern an der Bucheggstrasse leben 60 Mieter aus Afrika. Foto: Urs Jaudas

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Ein 14-jähriges Mädchen klagt in der Schule über Kopfschmerzen. Es kann nicht schlafen, obwohl es früh zu Bett geht. Nachts wacht es oft auf: Die Männer, die in derselben Wohnung leben, lärmen und machen dem Mädchen Angst. Sie sind arbeitslos und haben nichts zu tun. Viele trinken Alkohol, Küche und Toilette sind häufig voll von Erbrochenem.

Die Schülerin wohnt in einem alten Haus an der stark befahrenen Buch­egg­strasse. Gleich daneben befindet sich ein Neubau, an den links um die Ecke wieder ein baufälliges Gebäude anschliesst. Zählt man die Namen auf den Briefkästen der drei Häuser zusammen, kommt man auf rund 60 Mieter. Weit mehr, als es in den drei- und vierstöckigen Häusern Wohnungen gibt. Bis auf zwei tamilische Familien deuten alle Namen auf eine afrikanische Herkunft.

Urs Berger, der Schulpräsident der Kreisschulpflege Waidberg, weiss, dass die geschilderte Wohnsituation des Mädchens kein Einzelfall ist. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet gibt er wieder, was ihm Schüler berichten, die dort leben: In den 5-Zimmer-Wohnungen leben bis zu fünf Parteien zusammen. Ein Zimmer, das sich mehrere Personen teilen, kostet monatlich 1400 Franken. Eine 2-Zimmer-Wohnung ist 40 Quadratmeter gross und kostet 1800 Franken pro Monat. Vier Personen teilen sich den knappen Raum.

Die Mietzinsen finanziert die Asylorganisation Zürich (AOZ): Sie ist für die Sozialhilfe und Unterbringung von Asylsuchenden, vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlingen in der Stadt Zürich zuständig. In den drei Häusern wohnen grösstenteils anerkannte Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea. Die meisten sind Sozialhilfebezüger. Die Gebäude gehören Urs Tschenett. Dessen Firma Cit AG betreibt unter anderem ein Trainings­center in Glattbrugg und ist laut Handelsregister auch im Bereich Überwachungen tätig. Neben den Liegenschaften in der Stadt Zürich besitzt Tschenett Ferienwohnungen in Graubünden.

Gemäss Berechnungen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet belaufen sich die jährlichen Mietkosten an der Bucheggstrasse/Scheffelstrasse auf rund eine Million Franken. Geld, das die AOZ auf das Konto von Tschenett überweist.

An die Limiten gegangen

Für die Mietkosten definiert die Sozialhilfe Maximalbeträge: für einen 2-Personen-Haushalt monatlich 1400 Franken, für eine Einzelperson 1100 Franken. AOZ-Direktor Thomas Kunz geht davon aus, dass der Vermieter um die Maximalbeträge weiss und die Mieten gezielt an dieser Grenze ansetzt. Die Stadt Zürich hat 2013 den Maximalbetrag für eine Einzelperson von 1100 auf 900 Franken herabgesetzt für den Fall, dass die Person ihre Küche und Toilette mit anderen Bewohnern teilen muss. Die Diskussion um Maximalmieten werde immer wieder geführt, sagt Kunz. «Das ist der einzige Spielraum, den die Stadt hat.»

Anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene haben innerhalb des Kantons freie Wohnsitzwahl und schliessen selbstständig Mietverträge ab. Weil günstiger Wohnraum in der Stadt knapp ist, ist für sie die Suche nach einer nicht temporären Wohnung schwierig. In erster Linie sei man froh über jeden Klienten, der selbst eine Wohnmöglichkeit finde, sagt Kunz.

Die Mieter an der Bucheggstrasse sind oft solche, die von ausserhalb in die Stadt Zürich gezogen sind. Durch andere Flüchtlinge wurden sie auf diese Wohnungen aufmerksam. Weil die AOZ erst ab Wohnsitz in Zürich für sie zuständig wird, könne sie bei neu Zuziehenden keinen Einfluss auf die Wohnungssuche nehmen, sagt Kunz. Hilfe leisten müsste in diesen Fällen die jeweilige Gemeinde, aus der die Personen zuziehen. Aber: «Das ist in der Sozialhilfe verpönt. Würde eine Gemeinde aktiv bei der Suche helfen, wäre das eigentlich ein Abschieben der Person.»

Schimmel in der Küche

Dass die Menschen auf engem Raum zusammenleben und die Mieten überrissen sind, ist das eine. Das andere ist der schlechte Zustand der Häuser. Ein Augenschein zeigt, dass im Treppenhaus die Fenster nicht richtig schliessen. In einer Küche wächst Schimmel an den Wänden und in den Schränken. Der Vermieter unternimmt nichts – so malen die Mieter immer wieder mit Farbe darüber. Die Augen der Kinder seien deswegen entzündet, sagt Schulpräsident Berger. «Dass sie für Hausaufgaben keinen Platz haben, ist im Vergleich dazu ein Luxusproblem.»

Wiederholt hat sich die Schule an die AOZ gewandt in der Hoffnung, diese könne etwas unternehmen. Doch sie wurde enttäuscht. Die Lage hat sich sogar noch verschärft, weil der Keller neuerdings als Bandkeller vermietet ist und bis weit in die Nacht hinein genutzt wird.

Thomas Kunz sagt, die AOZ-Betreuer kümmerten sich nach Möglichkeit um die Anliegen ihrer Klienten. Vermieter Tschenett sei ihnen bestens bekannt. Mehrmals hätten sie bei ihm interveniert, weil sich die Bewohner über Lärm, Kakerlaken und Ähnliches beklagt hatten. Unternommen habe Tschenett aber kaum etwas. Da die AOZ nicht die Mieterin der Wohnungen sei, könne sie nicht mehr tun, als an ihn zu appellieren. «Wir stossen hier mit unserem System an Grenzen», sagt Kunz.

Schulpräsident Berger findet das unbefriedigend. Die Familien an der Bucheggstrasse, oftmals von der Flucht traumatisiert, leiden unter den Wohnbedingungen. Vor allem Kinder. Für sie wäre eine stabile und sichere Wohnsituation besonders wichtig. Berger sind 20 Schulkinder bekannt, die dort leben. Acht von ihnen sind in psychologischer Behandlung. «Der Vermieter bereichert sich auf Kosten von Armen und Wehrlosen», empört sich Berger. Urs Tschenett wollte zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2015, 23:54 Uhr

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Die Häusergruppe an der Buch­eggstrasse ist bei weitem kein Einzelfall in der Stadt Zürich. Den Sozialen Diensten sind ein paar Dutzend solcher Liegenschaften bekannt. Liegenschaften, «die in einem ungepflegten, teilweise in einem renovationsbedürftigen Zustand sind und in denen zu einem schlechten Preis-Leistungs-Verhältnis meist Einzelzimmer mit gemeinsam genutzter Küche, mit Etagendusche und Etagen-WC vermietet werden», wie das Sozialdepartement auf Anfrage schreibt.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet kennt ein anderes konkretes Beispiel für Mietwucher: Eine junge Somalierin bezog vergangenen Winter ein Zimmer in einem Haus an der Regensbergstrasse. Da war sie eine von rund 30 Mieterinnen und Mietern, die meisten Flüchtlinge und Sozialhilfeempfänger. Die hochschwangere Frau kochte, schlief und wohnte auf zehn Quadratmetern. Ein Drittel des Lavabos war abgeschlagen, das Dachfenster liess sich nicht richtig schliessen. Die Toilette auf dem Stock teilte sie mit zehn anderen Mieterinnen und Mietern. Aus dem Duschkopf kam nur ein Rinnsal. Im Treppenhaus sah sie regelmässig Blutspuren von nächtlichen Schlägereien. 980 Franken bezahlte sie für den Raum.

«Alles war schmutzig und das Geld nicht wert», sagt die Somalierin. Als ihre Tochter auf die Welt kam, griff die Sozialarbeiterin ein. Ständiger Durchzug wegen des kaputten Fensters, keine Waschmöglichkeit für die Wöchnerin und das Neugeborene sowie die ständigen nächtlichen Ruhestörungen waren kein Zustand für die junge Mutter und das Kind. Seither lebt die Frau in der Familienherberge, der betreuten Kollektivunterkunft der Stadt für Obdachlose mit Kindern.

In einer Liegenschaft an der Hofwiesenstrasse sind die Zustände angeblich noch schlimmer. Da sollen sich Ratten und Insekten tummeln. Das Haus, in dem nur männliche Migranten wohnen, sei derart baufällig, dass es überall hereinregne, erzählt eine Besucherin. Die Mieter zahlen dort ebenfalls 900 Franken für ein Zimmer.

Die Stadt sagt, sie könne nichts tun gegen die überteuerten Mieten. «Da die Klientinnen und Klienten der Sozialen Dienste im Vollbesitz ihrer Rechte sind, schliessen sie den Vertrag mit dem Vermieter direkt ab.» Die Sozialarbeiterinnen könnten diese höchstens auf die Möglichkeit hinweisen, die Mieten anzufechten. Das wird aber offenbar kaum gemacht. Das Sozialdepartement schreibt auf die entsprechende Frage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Da es für Sozialhilfeempfangende ohnehin äusserst schwierig ist, in der Stadt Zürich überhaupt eine Wohnung zu finden, werden sie sich diesen Schritt sicherlich gut überlegen.»

Überdies schätzen die Sozialen Dienste die Erfolgschancen von Mietzinsanfechtungen als gering ein. Denn es sei sehr aufwendig, zu beweisen, dass eine Miete nicht im orts- und quartierüblichen Rahmen liege. «Die fraglichen Objekte sind angesichts der generell hohen Mieten in der Stadt Zürich leider durchaus als ortsüblich zu taxieren.»

Dieser Aussage widerspricht Felicitas Huggenberger, die Geschäftsführerin des Zürcher Mieterverbandes. Gemäss ihren Erfahrungen entscheidet die Schlichtungsbehörde in vielen Fällen zugunsten der Mieterinnen. Huggenberger kritisiert die Zurückhaltung der Stadt gegenüber den unverschämten Hausbesitzern: «Sie streckt von vornherein die Waffen.»

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