Die Religion aus dem Hinterhof

Die muslimische Gemeinde in Zürich wächst wie keine andere Glaubensgemeinschaft. Doch ihre Stimme gegen aussen ist schwach, und die finanziellen Mittel sind beschränkt.

Imam Mohammed Hakimi mit Gläubigen beim Freitagsgebet in der Zürcher Al-Hidaya-Moschee. Foto: Dominique Meienberg

Imam Mohammed Hakimi mit Gläubigen beim Freitagsgebet in der Zürcher Al-Hidaya-Moschee. Foto: Dominique Meienberg

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An der Hafnerstrasse 41 im Kreis 5 ist nichts so, wie es von aussen scheint. Ein schmuckloses braunes Backsteingebäude, gezogene Vorhänge und keinerlei Hinweise, was sich im Innern dieses Industrierelikts verbergen könnte. Wer im dunklen Gang die Eingangstüre findet, der trifft nicht auf verschwitzte Metallarbeiter, sondern auf einen freundlich lachenden Imam: Mohammed Hakimi, 53 Jahre alt und vor 13 Jahren aus Libyen in die Schweiz eingewandert. «As-salam alaikum – Friede sei mit dir.»

Das Gebäudeinnere steht im Kontrast zur schmucklosen Fassade. Ein prächtiger Minbar – das muslimische Pendant zur Kanzel – dominiert den Gebetssaal. Der weitläufige Raum ist in leuchtende Farben getaucht: Roter Samt, Teppiche und Ornamente verleihen dem Gotteshaus einen orientalischen Touch. Hakimi lässt Tee und Makroud – ein süsses tunesisches Gebäck – servieren. «Auch Nicht-Muslime sind bei uns willkommen», sagt der Imam. Ihm sei wichtig, dass sich jeder ein eigenes Bild vom Islam verschaffe. Regelmässig würden die Zürcher Moscheen Tage der offenen Tür organisieren. Letztmals am 7. November, kurz vor den Attentaten in Paris. «Leider ist fast niemand gekommen», sagt Hakimi. Selbst in der Nachbarschaft halte sich das Interesse in Grenzen: «Wir leben aneinander vorbei.»

Ohnehin fristen gläubige Muslime in Zürich ein unscheinbares Dasein. Dies, obwohl die Glaubensgemeinschaft jüngst stärker gewachsen ist als alle anderen. Gemäss der letzten Volkszählung im Jahr 2013 lebten knapp 20 000 Muslime in Zürich. Zurzeit geht der Stadtrat von 25 000 bis 30 000 Muslimen aus, wenn noch die unter 15-Jährigen mit dazu gerechnet werden, die in der offiziellen Statistik nicht erfasst sind. Das sind so viele wie in keiner anderen Schweizer Stadt. Damit bilden die Muslime die drittgrösste Glaubensgemeinschaft, nach den Katholiken und den Reformierten – rund fünfmal so gross wie die jüdische Gemeinde.

Rund 2000 Personen besuchen wöchentlich das Freitagsgebet, gut 20 Moscheen gibt es. Die wenigsten sind von aussen erkennbar: Lediglich eine dezente Beschilderung oder eine Klingel weisen auf die Existenz der Gotteshäuser hin. Sie befinden sich oft in Industriezonen, irgendwo in den Hinterhöfen der Agglomeration. «Wir ziehen dorthin, wo die Mieten tief sind», sagt Hakimi. Er wisse deshalb nicht, wie lange sich die Al-Hidaya-Moschee ihren zentralen Standort zwischen Hauptbahnhof und Limmatplatz noch leisten könne.

Hochkonjunktur der Angst

In den Medien ist der Islam dafür umso präsenter. Fast täglich gibt es Schlagzeilen über zweifelhafte Imame oder mutmassliche IS-Zellen. Oder er begegnet einem beim Einkauf in der Buchhandlung: «Der Islam, der uns Angst macht» oder «Die neuen Jihadisten» heissen aktuelle Titel im Bestsellerregal. Die Angst vor dem Islam hat Hochkonjunktur. Auch Hakimi wird mit «diffusen Ängsten» konfrontiert. Kürzlich habe ihn eine unbekannte Person gefragt, ob er eine Bombe unter dem Mantel trage. Dies, weil er zuvor Arabisch gesprochen hatte.

Solch schlechte Witze seien glücklicherweise die Ausnahme, sagt Hakimi. Doch sie würden zeigen, dass das Verhältnis zwischen Muslimen und Andersgläubigen von Misstrauen geprägt sei. Er fürchte sich vor Pauschalverurteilungen und möchte nicht mit Terroristen in Verbindung gebracht werden, für deren Taten er nicht verantwortlich sei. «Paris lässt sich religiös nicht rechtfertigen. Es spaltet unsere Gesellschaft und ist Gift für alle Muslime, die sich integrieren wollen», sagt Hakimi. Innerhalb der islamischen Gemeinde würden die Anschläge verurteilt. Leider nehme das die Gesellschaft kaum wahr: «Wir müssen mehr nach aussen kommunizieren.»

Auch die Medien würden ihre Verantwortung nicht immer wahrnehmen: «Sie zeigen lieber Exoten mit den langen Bärten», sagt Hakimi. Etwa die Mitglieder des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS), meist Konvertiten mit Schweizer Wurzeln. Die Organisation um Präsident Nicolas Blancho zählt 3600 Anhänger, was einem Anteil von 0,8 Prozent der Schweizer Muslime entspricht. Dasselbe gelte für das Forum für einen fortschrittlichen Islam, das häufig in den Medien auftritt. Die Organisation fordert eine Trennung von Staat und Kirche, hat 200 zahlende Mitglieder und steht für Muslime, die sich nicht in erster Linie über Religion definieren. «Wir fühlen uns nicht vertreten», sagt Hakimi.

Schwierige Aufgabe

Dabei gäbe es seit 1995 ein gemeinsames Sprachrohr: die Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). Sie vertritt kantonsweit die Anliegen der 40 Moscheen. Keine einfache Aufgabe. Denn der Islam ist die mit Abstand heterogenste Religion: Eine Zählung vor zwei Jahren ergab, dass die Deutschschweizer Muslime aus über 120 Ländern stammen. «Wir gehören zwar zur selben Religion, haben aber unterschiedliche Interpretationen der religiösen Quellen und Glaubenspraxis», sagt VIOZ-Sprecher Muhammad Hanel.

Hinzu kommen die knappen Finanzen: Das Jahresbudget der VIOZ beträgt rund 10 000 Franken. Es speist sich ausschliesslich aus Mitgliederbeiträgen, öffentliche Gelder gibt es keine. Das reicht für ein Sekretariat mit 30 Stellenprozenten. Zusätzliche Tätigkeiten, wie die Leitung der Frauen- und Jugendkommission oder die Medienarbeit, würden auf Freiwilligenarbeit basieren. Dabei ist die VIOZ bei ihrer Gründung vor 20 Jahren mit grossen Zielen gestartet: die Erbauung eines muslimischen Friedhofs, eine zentrale, sichtbare Moschee sowie die öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islam. Ersteres ist mit einer Grabstätte auf dem Friedhof Witikon geglückt. Die anderen Ziele sind mittlerweile in weite Ferne gerückt.

Eine öffentlich-rechtliche Anerkennung – und damit das Recht auf Steuer­erhebung – wurde 2003 vom Zürcher Volk deutlich verworfen. Heute hätte das Anliegen aufgrund der gesunkenen gesellschaftlichen Akzeptanz noch schlechtere Chancen, glaubt Hanel. Die Perspektiven für eine zentrale Moschee waren einst besser: Der Stadtrat stellte den Muslimen sieben Grundstücke zur Auswahl. Doch die erforderlichen Mittel von 5 Millionen Franken konnten nicht aufgetrieben werden.

«Sprache, Wissen – und Geld»

Doch was braucht es, um die Zürcher Muslime in die gesellschaftliche Mitte zu rücken? Mehr als «interreligiöse Wohlfühlaktionen», sagt Hanel. «Etwa eine Ausbildung für Imame, um die Qualitätsstandards in den Gemeinschaften zu fördern.» Auch ein muslimischer Jugenddienst, um problematische Jugendliche besser zu erreichen, wäre für die VIOZ denkbar. «Die Jugend ist unsere Zukunft, und die Zukunft der Jugend liegt in ihrer guten Ausbildung», sagt Hanel.

Auch Imam Hakimi setzt grosse Hoffnung in den Nachwuchs. Viele der zweiten und dritten Generation hätten eine gute Ausbildung, seien ehrgeizig und sprächen besser Deutsch als ihre Eltern. «Der Schlüssel zur Integration heisst: Sprache, Wissen und Geld», sagt Hakimi. So hätten die Muslime als jüngste Glaubensgemeinschaft in der Schweiz noch einiges aufzuholen. Nur knapp ein Drittel besitze den Schweizer Pass. «Wir leben am Rand der Gesellschaft. Bis sich das ändert, wird es noch Jahre dauern.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2015, 22:46 Uhr

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