Zürichs Traum von der Trabantenstadt

Der 100-Millionen-Kredit für eine städtische Wohnsiedlung im Seefeld ist umstritten. Einst hatte Zürichs Wohnbaupolitik weit ehrgeizigere Pläne.

Ringförmige Ansammlung 100 Meter hoher Wohntürme: Modell der «Waldstadt» auf dem Adlisberg (1971). Foto: Keystone

Ringförmige Ansammlung 100 Meter hoher Wohntürme: Modell der «Waldstadt» auf dem Adlisberg (1971). Foto: Keystone

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Zürich – Es sollte Wohnbauförderung im ganz grossen Stil werden: Ein gigantischer Hochhausriegel, der sich in einer 4,5 Kilometer langen Waldschneise ringförmig vom Dolder bis zum Zoo erstreckt. In den 60 bis 100 Meter hohen Türmen sollten 80'000 bis 100'000 Menschen wohnen – so viele wie in Winterthur. Eine solche Satellitenstadt auf dem Adlisberg sah das vom Zürcher Stadtrat 1971 allen Ernstes geplante Projekt «Waldstadt» vor. Das milliardenteure Bauvorhaben «zur schockartigen Linderung der Wohnungsnot», wie es damals hiess, lässt die heutige Stadtzürcher Wohnbauförderung geradezu minimalistisch erscheinen. So auch das aktuelle 100-Millionen-Projekt für eine kommunale Siedlung mit 122 Wohnungen im Seefeld, das am 14. Juni vors Volk kommt und von Bürgerlichen bekämpft wird.

«Sigi-Ville» mit U-Bahnanschluss

Mit der «Waldstadt» wollte der Stadtrat, ganz im Sinn der damaligen Wachstums- euphorie und Hochkonjunktur, zum grossen Sprung ansetzen. Hinter dem Projekt stand der umtriebige Stadtpräsident und Visionär Sigmund Widmer (1919–2003) zusammen mit dem Architekten Werner Stücheli (1916–1983). Widmer hatte bereits früher die Idee einer «Voralpenstadt» auf dem Zugerberg lanciert – erfolglos. Zudem wollte er die Olympischen Winterspiele 1976 nach Zürich holen und eine U-Bahn bauen, womit er ebenfalls nicht reüssierte.

«Sigi-Ville», wie die «Waldstadt» im Volksmund genannt wurde, sollte einen entscheidenden Beitrag zur Lösung der bevölkerungspolitischen Probleme Zürichs leisten, wie der Stadtrat damals schrieb. In der Retortensiedlung sollte es an nichts fehlen. Neben 30'000 verhältnismässig günstigen Wohnungen waren 13'000 Arbeitsplätze, 230 Schulzimmer, 10 Doppelturnhallen, Hallenbäder, Läden, Kinos, Kirchen, ein Spital, Hotel, Kongresshaus, Theater sowie U‑Bahn- und Autobahnanschlüsse in der Tiefe geplant. Damit wäre eine an der Oberfläche völlig autofreie Siedlung entstanden.

Erstmals publik wurden die Pläne am 2. September 1971 – gegen den Willen des Stadtrats, der den Zeitpunkt für verfrüht hielt. Doch die Presse hatte davon erfahren und Druck gemacht, wie der TA schrieb. Und so musste Sigi Widmer an einem späten Donnerstagnachmittag vor die Presse treten. Er hob die Vorzüge der «Waldstadt» hervor: «Konsequente Respektierung des Umweltschutzes, Abkehr von der Streubauweise, Integrierung der öffentlichen Dienste in der Wohnstruktur, Primat des öffentlichen Verkehrs, Durchmischung von Arbeiten und Wohnen, Einbettung der Siedlung in eine weite Park- und Waldlandschaft, sorgfältige Erarbeitung einer harmonischen Sozialstruktur.» Von einem gar in internationalem Rahmen beispielhaften städtebaulichen Unternehmen war die Rede.

Die damalige Stadträtin Emilie Lieberherr (SP) knüpfte sozialpolitische Erwartungen an die Waldstadt, wie die NZZ rapportierte. «Man hofft, dort eine in Bezug auf Alters-, Einkommens- und Bildungsschichten sowie hinsichtlich der physischen Leistungsfähigkeit, des Zivilstands und des Berufs vielfältig gemischte, offene und integrationsfreudige Gesellschaft in teilweise neuen, eventuell noch zu erprobenden Formen bilden und mit einem Netz von zum Teil neuartigen Dienstleistungen durchsetzen zu können.»

45 Hektaren Wald roden?

Das Utopia am Adlisberg hatte allerdings seinen Preis: Auf 3,78 Milliarden Franken wurden die Kosten veranschlagt. Ein weiterer Haken: Auf dem Adlisberg hätten 45 Hektaren Wald gerodet werden müssen. Kein Wunder, gingen die Emotionen hoch. Heimat- und Umweltschützer protestierten, in den Leserbriefspalten tobte der Meinungskampf. Auch im Stadtrat selber taten sich Risse auf: Die beiden SP-Stadträte Rudolf Welter und Adolf Maurer (der Vater der späteren Polizeivorsteherin Esther Maurer) sowie Jakob Baur vom BGB scherten aus und stellten sich gegen das Megaprojekt. So war der «Waldstadt»-Vision nur ein kurzes Leben beschieden.

Einen Monat nach der Pressekonferenz sprach der Regierungsrat ein Machtwort. Er lehnte die Waldrodung klipp und klar ab: «Aus landschaftsschützerischen, stadt- und regionalplanerischen Gründen im Verein mit forstlichen Gesichtspunkten». Die Ablehnung verband er mit süffisanter Kritik am Stadtrat. Ihm spricht er den Sinn für die massstäbliche Harmonie des Stadtbildes und das Verständnis für «die allgemein als richtig anerkannten Grundsätze des Landschaftsschutzes und der Walderhaltung» ab.

Vor allem die extreme Wohndichte von 2000 Einwohnern pro Hektare, «die in der westlichen Welt nirgends festzustellen ist», stiess bei der Regierung auf Unverständnis. Die Qualifikation als «beispielhafte Siedlungsform», die der Stadtrat seinem Projekt selber erteilt habe, dürfte zumindest für die vorgesehene Unterbringung von Tausenden von Familien in Hochhäusern nicht zutreffen. «Es bleibt ernsthaft zu bezweifeln, ob ein solcher der Massierung und dem Gigantismus huldigender Städtebau der seelischen Entfaltung des einzelnen Menschen und der gesunden Entwicklung der Gesellschaft förderlich sei.» Im heutigen Stadtrat blickt man mit einer Mischung aus Faszination und Unverständnis auf die «Waldstadt»-Pläne zurück. «Es war eine Zeit des Aufbruchs, und Zürich wollte Grossstadt werden», sagt Hochbauvorsteher André Odermatt (SP). «Da wurde gross gedacht und geträumt, was sicher auch etwas Berauschendes an sich hatte. Nur erscheinen uns gewisse dieser Träume heute wie Albträume.» Dass das Projekt damals so prominent diskutiert wurde, erstaune ihn. Das Waldgebiet sei schon damals klar durch das eidgenössische Waldgesetz geschützt gewesen. Der Regierungsrat hätte das Rodungsgesuch schon deshalb gar nicht genehmigen können. Ausserdem sei die Bevölkerungsentwicklung Zürichs nach dem Höhepunkt in den 1960er-Jahren bereits wieder rückläufig gewesen, weshalb derart wuchtige Projekte umso mehr überraschten.

Die Lehren wurden gezogen

Für Odermatt markiert das Scheitern der Waldstadt auch eine Trendwende im Städtebau. «Die Ideen haben zur Kritik am Massenwohnungsbau und letztlich zur Überzeugung beigetragen, dass wir Naturgebiete belassen sollten und der Zersiedelung Einhalt gebieten müssen.» Heute sei dieser Wille da, Stadt und Raumplanung hätten ihre Lehren daraus gezogen. Er erinnert ans Raumplanungsgesetz und die Kulturlandinitiative. «Wenn wir der Zersiedelung Einhalt gebieten wollen, müssen wir unsere Städte gegen innen verdichten.» Mammutüberbauungen wie die «Waldstadt» entsprächen nicht mehr dem, was man sich heute für eine gut durchmischte Stadt für alle als Ziel vorgenommen habe.

Der für die Wohnbaupolitik zuständige Finanzvorstand Daniel Leupi (Grüne) sieht die «Waldstadt»-Pläne als «Ausdruck unreflektierter Wachstumsgläubigkeit». Glücklicherweise sei dieser Eingriff in Silhouette und Naturraum der Stadt nie realisiert worden. Die aktuelle Wohnbaupolitik und die damalige Stadtentwicklungsstrategie haben laut Leupi nur noch wenig miteinander gemeinsam. Die Stadt stehe heute an einem ganz anderen Ort als Anfang der 1970er-Jahre. «Wir verfolgen heute ein schrittweises und differenziertes Vorgehen, nicht zuletzt auch unter dem Aspekt der sozialen Durchmischung in den Quartieren.»

Der Architekturkritiker Benedikt Loderer weist zudem auf die Gefahr einer Ghettobildung und Verslumung in Satellitenstädten hin. «Noch imponieren uns der Mut und die Zuversicht Sigi Widmers & Co., doch wenn wir an die realisierten Riesenüberbauungen aus dieser Zeit denken, sind wir froh, um die «Waldstadt» herumgekommen zu sein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2015, 20:42 Uhr

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