Zürichs unberührbarer Boden

In einem Hinterhof am Zürcher Rennweg hat der Kanton jeden unbeaufsichtigten Spatenstich verboten, weil im Untergrund Überreste der Kelten und Römer vermutet werden.

Zürich antik: So könnte die Stadt als römische Siedlung im 2./3. Jahrhundert ausgesehen haben. Zeichnung: Jörg Müller

Zürich antik: So könnte die Stadt als römische Siedlung im 2./3. Jahrhundert ausgesehen haben. Zeichnung: Jörg Müller

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«Das aktuelle Rennwegquartier ist die Kernzone der Stadtgeschichte.» Hier, in diesem Boden, sei «die gesamte Entwicklung Zürichs vom Zentralort der Kelten über die römische Kleinstadt und Zollstation zur Stadt des Mittelalters und der Neuzeit archiviert». Das sagt die Archäologiekommission des Kantons Zürich, gestützt auf vier Bohrsondierungen.

Nicht nur die Hügelkuppe des Lindenhofs, sondern auch dessen Westabhang stelle mit seiner ständigen Besiedlung seit über 2000 Jahren ein einzigartiges Bodenarchiv dar. Die Kommission schreibt dem Rennweg gar überregionale Bedeutung zu: ein «Brennpunkt des nationalen und internationalen wissenschaftlichen Diskurses».

Das kriegte die Immofonds Immobilien AG zu spüren, die das Haus Rennweg 15 renovieren und umbauen will. Der Umbau sieht unter anderem vor, die beiden Ladengeschosse, die das Hinterhaus bilden, zu beseitigen und neu auf tieferem Niveau wieder herzurichten. Auf 170 Quadratmeter Fläche würde der Boden um 2,15 Meter abgegraben, für den Lift um 3 Meter.

Diesen heiligen Boden der Stadtgeschichte einfach abgraben? Für die Baudirektion von Regierungsrat Markus Kägi (SVP), zu der die Kantonsarchäologie gehört, kommt das nicht infrage: Sie verfügte im letzten Juli die Unterschutzstellung der archäologischen Schichten in jenem Hofbereich. Das focht die Immobilienfirma an, doch wurde ihr Rekurs kürzlich abgelehnt.

Schutz der Bodenschichten

Für den Immofonds ist die Unterschutzstellung des Bodens unzulässig, weil sie sich auf blosse Vermutungen stützt und keine zu schützenden Gegenstände näher umschreibt. Solange die vorhandene Bodenplatte im Hinterhofbereich bestehen bleibe, sei auch völlig unklar, was für archäologische Überreste sich in diesen Schichten befänden. Die vier Bohrungen auf dem Grundstück und die Ergebnisse anderer Untersuchungen in der Altstadt genügten nicht, um den Untergrund integral unter Schutz zu stellen, bedeute das doch eine unverhältnismässige Eigentumsbeschränkung.

Doch die Baudirektion und das Baurekursgericht sehen das umgekehrt: Es müssten nicht bedeutende Gegenstände im Boden nachgewiesen werden, sondern «archäologisch relevante Schichten». Es sei ein anerkanntes Vorgehen, archäologische Schichten als Bodenarchiv auf absehbare Zeit zu belassen, statt die Gegenstände zu bergen, was stets mit der Zerstörung der Fundschicht verbunden sei. Dass sich am Rennweg 15 im Hinterhof archäologisch relevante Schichten befinden, ist für das Gericht dank der vier Probebohrungen erwiesen. Gefunden wurden unter anderem:

  • Kleine, hellrote Ziegel- oder Amphorenfragmente, vermutlich aus der Römerzeit.
  • Lehmschichten, die römische Keramik und Ziegelfragmente enthalten, sowie eine dünne, phosphatreiche Spur, die auf Tierdung in einem Stall hinweist.
  • Fragmente von Hüttenlehm und Holzkohle, eine frühgeschichtliche Abfallschicht und eine 55 Zentimeter dicke Lehmschicht mit Fragmenten aus schwach gebranntem Ton, die als Metallgussformen und als Teile der Giesserei der Familie Füssli aus dem 15. Jahrhundert interpretiert werden.

Das Baurekursgericht räumt ein, dass in archäologisch heiklen Gebieten auch schon anders vorgegangen worden sei: Beim Bau des Parkhauses Opéra auf dem Sechseläutenplatz und des Hotels Widder am Rennweg wurden die Schichten nicht in Ruhe gelassen, sondern es fanden Notgrabungen statt.

Allerdings bestand beim Parkhaus ein klar überwiegendes öffentliches Interesse, und beim Hotel ging es um den Umbau und die Umnutzung eines ganzen Gebäudekomplexes. Am Rennweg 15 dagegen gibt es laut Gericht bereits zwei Ladengeschosse im Hinterhof, deren Nutzung gewährleistet bleibe.

Fortsetzung ungewiss

Das Gericht hält die Unterschutzstellung des Hofbereichs auch deshalb für zumutbar, weil das Entfernen der Bodenplatte des Hinterhauses nicht von vornherein untersagt sei, sondern lediglich in Absprache mit der Kantonsarchäologie geplant und von dieser begleitet werden müsse. «Diese Begleitung dürfte es der Bauherrschaft erleichtern, gegebenenfalls den geforderten Nachweis zu erbringen, dass das Schutzobjekt mit solchen Massnahmen nicht beeinträchtigt wird.» Ob sie diesen Entscheid ans Verwaltungsgericht weiterzieht und wie die Umbaupläne aussehen, dazu gibt die Immofonds Immobilien AG keine Auskunft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2016, 23:40 Uhr

Toplage Lindenhof

Die Stadt Zürich ist um den Moränenhügel Lindenhof herum gewachsen.

Die ersten Menschen, die sich im heutigen Zürich niederliessen, waren die Pfahlbauer vor rund 5000 Jahren. Sie wohnten am Seeufer und mussten immer wieder umziehen, wenn sich der Seespiegel hob. Auf Stadtgebiet gibt es Funde von etwa 30 Siedlungen, die meisten und grössten davon im Seefeld, insbesondere unter dem Sechseläutenplatz, wo 2010 wegen des Parkhauses Opéra eine neun Monate dauernde Rettungsgrabung stattfand.

Die nächste nachgewiesene Siedlung kam durch die Kelten im 1. Jahrhundert vor Christus: Die Helvetier, ein Stamm der Kelten. Sie bewohnten den Lindenhof­hügel, eine Endmoräne des Linthgletschers, die ihnen mit ihrer steilen Flanke über der Limmat eine natürliche Schutzanlage bot. Die Häuser befanden sich auf der flachen Westflanke. Im Gebiet Rennweg/Oetenbachgasse wurden bei Ausgrabungen unter anderem gefunden: Spuren von Pfostenhäusern und Steinpflästerungen, ebenerdige Feuerstellen, Münzen, Scherben von Weinamphoren oder Hinweise auf einen 3,5 Meter tiefen Graben, von dem bisher eine Länge von 42 Metern bekannt ist. Solche Gräben trennten die keltischen Siedlungen in verschiedene Bereiche: Handwerker, Oberschicht, Kult, öffentliche Plätze.

Römisches Kastell

Nach der Schlacht von Bibracte 58 vor Christus, in der die Römer unter Julius Cäsar den Zug der Helvetier Richtung Frankreich stoppten, wurde aus der keltischen Siedlung die römische Zoll- und Militärstation Turicum mit ihrer Bootsanlagestelle am heutigen Weinplatz und einer Holzbrücke. In der Thermengasse hinter dem Weinplatz sind heute die Fundamente einer Badeanlage zu sehen. Von weiteren Gebäuden gibt es Überreste. Die Archäologen nehmen an, dass es den Römern gelungen ist, zwecks Landgewinn den Seespiegel um über zwei Meter zu senken, indem sie die Mündung der Sihl in die Limmat von Geröll räumten. Im 4. Jahrhundert bauten die Römer den Lindenhof zum Kastell aus mit zwei Meter dicken Mauern und zehn Türmen. Einen Tempel, wie ihn das Bild (oben) zeigt, hat es aber wahrscheinlich nie gegeben. Dafür war Turicum zu klein.

500 Jahre später bauten die Karolinger das verfallene Kastell zur Pfalz um, einen der vielen Wohnsitze der deutschen Könige im Mittelalter, die ständig reisen mussten, um ihr Reich zu regieren. Die römische Burgmauer wurde zum Teil benützt als Stützmauer für die unbefestigte Pfalz. Das zweite Pfalzgebäude mass gar 75 Meter in der Länge und 13 in der Breite. Es hatte zwei Geschosse und einen Thronsaal. Dort wurde an Weihnachten 1055 auch die Verlobung des fünfjährigen Heinrich IV. mit der vierjährigen Bertha von Turin gefeiert. Die Ehe wurde nicht glücklich.

Als die Stadt im 13. Jahrhundert reichsfrei wurde, brachen die selbstbewussten Zürcher diese Stätte des Königstums ab. Sie machten aus dem Lindenhof einen baumbestandenen Fest- und Wettkampfplatz, wie es ihn heute noch ohne Wettkämpfe gibt. Auch die Mauer gibt es teilweise noch. Sie ist Zürichs älteste Mauer. (jr)

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