Zürichs ungeklärter Millionenraub

Vor 25 Jahren erbeuteten Unbekannte bei einem Überfall auf die Sihlpost rund 14 Millionen Franken. Die Täter wurden nie gefasst.

Die Räuber wurden nie geschnappt: Die Sihlpost, aufgenommen im April 1993.

Die Räuber wurden nie geschnappt: Die Sihlpost, aufgenommen im April 1993. Bild: Keystone

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«Eingang nur für Befugte», heisst es in schwarzen Grossbuchstaben an der Mauer neben dem Restaurant Hiltl Sihlpost an der Kasernenstrasse. Die nostalgisch anmutende Inschrift erinnert an das frühere Eingangstor zur Sihlpost – und wirkt wie eine Ironie. Denn ausgerechnet an dieser Ecke der Sihlpost, wo heute die Stühle des Boulevardcafés stehen, drangen am Abend des 8. Februar 1994 Unbefugte ins Postgelände ein und verübten einen dreisten Raubüberfall. Auf dem Areal zwischen Post und Bahngleisen stoppten die fünf bewaffneten und maskierten Räuber kurz nach 20.30 Uhr drei Postangestellte, welche gerade mit einem Elektrofahrzeug samt Anhänger Wertsendungen von der Sihlpost zum Hauptbahnhof transportieren wollten. Dort wollten sie die Säcke in den Schnellzug nach Genf umladen.

Unter Waffendrohung mussten sie den Schlüssel zum Anhänger herausrücken. Mit dem gekaperten Fahrzeug fuhren die Täter zum Ausfahrtstor an der Kasernenstrasse beim heutigen Hiltl, wo sie die Beute in einen weissen Peugeot-Combi verluden. Mit diesem Auto und mit einem silbernen Renault ergriffen sie die Flucht. Noch am selben Abend fand die Polizei eines der Fluchtfahrzeuge an der Neugasse 155 im Kreis 5, wo die Täter ihre Beute umgeladen hatten.

«Es wurmt mich schon»

«Trotz intensiver Fahndung fehlt auch zwei Tage später von den Räubern jede Spur», schrieb der TA damals. Und das ist auch 25 Jahre später noch so. Der Sihlpostraub ist bis heute ungeklärt, die Täter wurden nie gefasst, wie die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft bestätigt. Das Verfahren wurde 1998 eingestellt, seit 2009 ist der Fall verjährt.

19 Wertsäcke mit fast 14 Millionen Franken erbeuteten die Räuber – je zur Hälfte Wertschriften und Bargeld, Gold sowie Schmuck. Die Wertschriften wurden kurz nach dem Überfall gesperrt und konnten später zu einem grossen Teil sichergestellt werden. Das Bargeld sowie Schmuck und Gold blieben verschwunden.

«Der Sihlpostraub hat mir sehr viel Arbeit beschert», erinnert sich der pensionierte Staatsanwalt Jaroslav Jokl, der damals die Ermittlungen leitete. «Es wurmt mich schon, dass wir nicht weiterkamen.» Details zum Verfahren und den damaligen Ermittlungen darf er aus Rücksicht auf das Amtsgeheimnis nicht nennen. Auch Marco Cortesi, Informationschef der Stadtpolizei, war im Februar 1994 vor Ort im Einsatz. Auch er bedauert, «dass wir den Fall nicht aufklären konnten». Aus heutiger Sicht scheine es, als hätten die Täter «ziemlich leichtes Spiel» gehabt. Tatsächlich geriet das Sicherheitsdispositiv der Sihlpost danach in die Kritik; Experten stuften es als völlig mangelhaft ein. Die Post reagierte und nahm Verbesserungen vor.

Die damalige Sihlpost: Auf dem Areal der heutigen Europaallee (unten rechts) verkehrten die Elektrofahrzeuge der Post. Foto: ETH-Bibliothek Zürich

Die Spur der Ermittler führte nach Frankreich. Und schon bald tauchte die Vermutung auf, die Täter hätten Tipps von einem internen Informanten oder einem ehemaligen Mitarbeiter der Sihlpost bekommen. Immerhin verfügten sie beim Überfall über genaue Zeit- und Ortskenntnisse. Rund 550 Sihlpost-Beschäftigte wurden überprüft, verwertbare Hinweise ergaben sich keine.

«Molto pericoloso!»

Die Zeugeneinvernahmen gestalteten sich schwierig, wie der TA damals berichtete. Die Pöstler, die den Überfall beobachtet hatten, stammten aus verschiedenen Nationen, es brauchte Dolmetscher. Wegen widersprüchlicher Aussagen konnte bloss von einem der Täter ein brauchbares Signalement angefertigt werden. Es handelte sich um einen Mann, der im Innenhof der Sihlpost mehrere Spediteure in Schach hielt. Laut den Zeugen sprachen die Täter beim Überfall nur einen einzigen Satz: «Molto pericoloso!» («Sehr gefährlich!»), was offenbar als Warnung an die Pöstler gemeint war.

Auf der Suche nach den Tätern seien alle möglichen Verbindungen abgeklärt worden, auch internationale, sagte Bezirks­anwalt Jokl 1995 zu Radio Z. Die Täter seien «sehr clever» vorgegangen. Bei den Ermittlungen stosse er mit dem Kopf gegen eine Wand. Auch die Fernsehsendung «Aktenzeichen: XY ... ungelöst» griff den Überfall auf, was mehrere Hinweise, aber keinen Durchbruch brachte. Hellseher und Wahrsager boten ihre Hilfe an – offenbar wegen der von den geschädigten Versicherungen ausgesetzten Belohnung.

Während die Suche nach den Räubern stagnierte, ging der Polizei ein Hehler ins Netz. Wenige Monate nach dem Überfall konnte sie bei einem Franzosen Wertpapiere und Schmuck sicherstellen, die aus der Beute des Sihlpost-Überfalls stammten. Eine Beteiligung am Überfall konnte dem Mann nicht nachgewiesen werden. 1998 bestrafte das Bezirksgericht Zürich den damals 42-Jährigen wegen mehrfacher Hehlerei mit zweieinhalb Jahren Zuchthaus. Der Angeklagte bestritt jede Beziehung zu den Sihlpost-Räubern. Er habe die Beutestücke zufällig entdeckt – in einem Abfallsack im Kreis 5.

Spuren verlieren sich im Nichts

1996 prüften die Fahnder auffällige Parallelen zwischen einem damaligen Bahnüberfall in Grandvaux VD und dem Sihlpost-Überfall. Beide Male waren fünf maskierte, bewaffnete Männer am Werk, beide Male standen Fluchtautos bereit, beide Male ging alles blitzschnell. Und in beiden Fällen entkamen die Täter unerkannt. Doch auch diese Spur verlor sich im Nichts.

1997 wurde der Sihlpostraub vom Fraumünsterpostraub in den Schatten gestellt. Bei dem als Jahrhundertraub titulierten Coup erbeuteten die Täter 53 Millionen Franken, wurden später aber gefasst. Laut Ex-Staatsanwalt Jaroslav Jokl galt der Sihlpostraub von da an nur noch als «der kleine Bruder des Fraumünsterpostraubs», der mehr und mehr in Vergessenheit geriet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2019, 15:32 Uhr

Die verschwundene Sihlpost-U-Bahn

Briefe, Pakete und Wertsendungen wurden zwischen der Sihlpost und dem Hauptbahnhof nicht nur oberirdisch hin- und hertransportiert. Bis Ende der 1980er-Jahre existierte auch eine kleine, elektrisch betriebene Untergrundtransportbahn. Diese verkehrte in einem 360 Meter langen Tunnel zwischen der Sihlpost und der Postfiliale im HB. Die U-Bahn war Tag und Nacht in Betrieb. «Frühmorgens, wenn es im und um den Hauptbahnhof noch nicht sehr laut ist, kann man sie sogar auf dem Perron 1 und dem angrenzenden Trottoir ausserhalb des Bahnhofs hören», schrieb die NZZ im Juli 1973, kurz nach dem Nein der Stimmberechtigten zu einer echten U-Bahn, in einem Bericht mit dem Titel «Zürichs existente U-Bahn». Nach Angaben der Post und der SBB, der das Sihlpost-Gebäude gehört, ist heute von der Sihlpost-U-Bahn nichts mehr vorhanden. Die Anlagen verschwanden bei den Grossumbauten im Zusammenhang mit der Europaallee und dem Durchgangsbahnhof. Erhalten geblieben sind aber zwei Transportwagen. Sie befinden sich im Museum für Kommunikation in Bern. (mth)

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