Zürichs vergessene Gleise

Zwischen den Bahnhöfen Giesshübel und Wiedikon fristet eine alte Bahnstrecke ein Schattendasein. Nur noch vier Güterzüge pro Tag befahren sie, Personenzüge gibt es keine.

Rätsel-Schienen: Vom Bahnhof Giesshübel zweigt die 1 Kilometer lange Verbindung Richtung Sihlhölzli ab und verschwindet dort im Tunnel.

Reto Oeschger

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Wer auf dem Perron des Bahnhofs Giesshübel der Sihltal-Zürich-Uetliberg Bahn (SZU) steht, erblickt in Fahrtrichtung Selnau neben dem regulären Bahngleis noch ein zweites Gleis, das linkerhand zwischen Manesse- und Sihlhochstrasse in Richtung Sihlhölzli abzweigt.

Das Gleis bringt nicht nur ortsunkundige Bahnpassagiere ins Grübeln: Wohin führt es? Handelt es sich um ein Industriegleis, ein Abstell- oder ein Rangiergleis? Die geheimnisvolle Linie ist weder im ZVV-Netzplan noch im Lageplan auf der SZU-Website aufgeführt.

Kaum bekannt, aber speziell

Bei der Rätsel-Strecke handelt es sich um den 1892 eröffneten, rund einen Kilometer langen einspurigen Verbindungsabschnitt zwischen den Bahnhöfen Giesshübel und Wiedikon, wie SZU-Marketingleiter Armin Hehli erklärt. Die Strecke verläuft seit 1927 durch den Manessetunnel, der im Bahnhof Wiedikon unter dem Bahnhofsgebäude ins Gleis 3 mündet. Betrieben wird die Strecke von der SZU.

«Die Linie ist vielerorts in Vergessenheit geraten», sagt Hehli. Ausserhalb von Bahnfreak-Kreisen und Quartierbewohnern sei sie nur mehr wenigen bekannt. Viele Passagiere, die am Bahnhof Giesshübel einsteigen, wüssten nicht, wohin das Gleis führt. Auch Wiedikons Quartiervereinspräsident Ernst Hänzi stellt fest, dass die Strecke zwar älteren Wiedikern noch ein Begriff sei, viele jüngere Personen sie aber nicht mehr kennen.

Dabei handelt es sich um eine sehr spezielle Bahnstrecke: Sie ist - abgesehen von reinen Industriegleisen - die einzige Bahnlinie in Zürich, die nur für den Güterverkehr und nicht für den Personenverkehr gebraucht wird. Ausser den sporadischen Dampfbahnfahrten der Zürcher Museumsbahn (Schnaaggi-Schaaggi) verkehren keine Personenzüge. Personenverkehr gab es auf der Strecke nie, er wurde von Beginn an auf der bereits 1875 eröffneten Strecke Giesshübel-Selnau abgewickelt.

Dabei wäre der Manessetunnel gar mit S-Bahn-Doppelstockzügen befahrbar. Doch für die SZU macht es laut Hehli keinen Sinn, dort Personenverkehr zu betreiben, weil die Fahrt zum HB länger dauert als direkt via den Bahnhof Selnau. Allerdings gab es vor einigen Jahren Pläne für eine direkte Personenzugsverbindung durch den Manessetunnel, eine Art Durchmesserlinie vom Sihltal nach Oerlikon. «Zusammen mit dem Zürcher Verkehrsverbund machten wir uns Überlegungen zu einer solchen direkten Anbindung», sagt Hehli. Doch die Marktchancen wurden als zu gering eingestuft.

Dominik Brühwiler, Leiter Verkehrsplanung beim Zürcher Verkehrsverbund (ZVV): «Wir suchten damals intensiv nach Lösungen für eine solche Anbindung der SZU an das übrige ZVV-Netz.» Aber man habe die Idee wieder fallen gelassen, weil die Nachteile überwiegen. Dazu zählen das ungewisse Schicksal des Bahnhofs Selnau im Fall einer Realisierung der neuen Verbindung, zudem fehlen im Manessetunnel die Fluchtwege.

Güterverkehr stark rückläufig

Heute dämmert die Strecke praktisch unbenutzt vor sich hin. Hehli: «Grösstenteils liegt die Strecke still.» Der ehemals intensive Güterverkehr hat stark abgenommen und spielt nur noch eine marginale Rolle. Derzeit fahren pro Tag noch ganze vier Güterzüge dort durch, in der Woche rund zwanzig Züge, wie Hehli sagt. Unter anderem beliefert SBB Cargo die Sihlbeton AG in Adliswil, und sie bringt das Papier für das Druckzentrum der Tamedia AG, die auch den TA herausgibt.

Bis in die 90er-Jahre hatte das Gütergleis eine weit grössere Bedeutung. Als die Brauerei Hürlimann noch produzierte und der Zimmerbergtunnel zwischen Zürich und Thalwil gebaut wurde, verkehrten auf der Strecke 30 bis 40 Güterzüge täglich. Inzwischen hat sich das Gebiet rund um den Bahnhof Giesshübel stark gewandelt. Statt Fabriken prägen heute Lofts und Dienstleistungsbetriebe das Bild, es gibt grosse Bauvorhaben (TA vom 17.2.). Der Rückgang der Industrie liess auch den Güterverkehr sinken.

Doch stilllegen will die SZU die Strecke auf keinen Fall. «Es ist zwar ein Appendix, aber er gehört zum Streckennetz», sagt Hehli. Die Unterhaltskosten für Weichen und Signale spielten eine untergeordnete Rolle. Denn die Strecke sei strategisch sehr wichtig für die SZU, weil sie ihr einen direkten Anschluss ans SBB-Schienennetz garantiert. Darüber verkehren Dienstzüge mit Material für Gleisumbauten oder Schienenfahrzeuge für den Streckenunterhalt. Hehli: «Das ist unser Tor zur Welt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2010, 15:30 Uhr

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