Zürichs vergessener Stadtfotograf

Über 7000 Häuser, Plätze und Strassenzüge hat Friedrich Ruef-Hirt Anfang 1900 akribisch erfasst. Jetzt sind die Bilder erstmals zu sehen.

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Gespenstisch war es, das Zürich Anfang des letzten Jahrhunderts. Zumindest beschleicht einen das Gefühl, auf eine völlig leblose Geisterstadt zu blicken, wenn man die Fotos der Ausstellung «Über Eck. Zürich um 1910» im Baugeschichtlichen Archiv betrachtet.

Die Strassen sind leer, es gibt fast keine Bäume und kaum Menschen. Sind doch mal Personen auszumachen, stehen sie da wie Schaufensterpuppen. Schliesslich galt es damals noch, mucksmäuschenstill zu stehen, damit man auf den Fotografien mit langer Belichtungszeit nicht verschwommen abgebildet wurde.

Wichtige Zeitdokumente

Insgesamt sind es 250 Bilder jener Zeit, die in kurzer Abfolge an eine Wand projiziert werden – allesamt Postkarten des Fotografen Friedrich Ruef-Hirt. Irgendwann beginnen sich die Abbildungen fast zu gleichen. Die Blockrandbauten, die filigranen Erker, die Villen, die Mehrfamilienhäuser. Das Grau in Grau. Es hat beinahe etwas Meditatives.

Die Aufnahmen mögen mit ihrer Statik befremden, aus historischer Sicht sind sie aber von grossem Wert. Denn Ruef-Hirt hat innert dreier Jahre alle Quartiere der 1893 erweiterten Grossstadt mit seiner Kamera erfasst. Ganze Strassenzüge. Haus für Haus. Vor allem die Eckhäuser standen im Fokus dieser Arbeit. Diese waren meist die ersten Bauten eines Grundstücks – und weitaus die prunkvollsten.

Der Bestand von Ruef-Hirts Werk im Baugeschichtlichen Archiv umfasst mehr als tausend Fotografien. Darunter Bilder von Häusern, die ohne seine Fleissarbeit nie dokumentiert worden wären.

Der Bestand von Ruef-Hirts Werk im Baugeschichtlichen Archiv umfasst mehr als tausend Fotografien. Darunter Bilder von Häusern, die ohne seine Fleissarbeit nie dokumentiert worden wären. Jedes Negativ erhielt eine Nummer, und diese gehen weit über 7000 hinaus. Es ist also nur ein Bruchteil seiner Arbeit im Archiv gelagert.

Erste Verdichtung in Bildern

Die Zeit, in der die Fotos entstanden sind, war eine Ära grosser Veränderungen für Zürich. Die Stadt erlebte einen wahren Bauboom. Neben Wohnungen entstanden auch unzählige Infrastrukturen wie Schulhäuser, Brücken, Amtshäuser, Kulturbauten. Zürich erlebte eine erste grosse Verdichtung: Innert 17 Jahren verdoppelte sich die Zahl der Bevölkerung, und die Häuser, in denen die 215’000 Einwohnerinnen und Einwohner von damals lebten, wurden von Ruef-Hirt akribisch festgehalten.

Über den Fotografen selbst ist allerdings nur wenig bekannt. Friedrich Ruef, geboren am 2. Oktober 1873 im aargauischen Riken, liess sich im Herbst 1898 in Zürich nieder. Er heiratet Anna Hirt, das Paar bekommt drei Kinder. 1904 wird die Familie Ruef-Hirt erstmals im städtischen Adressbuch geführt, Friedrich als Fotograf mit Spezialität Landschaftsaufnahmen.

Damals und jetzt: 50 Prozent der Häuser von 1910 stehen noch heute. (Bilder: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)

Ob er die Bilder von Zürich im Auftrag der Stadt gemacht hat, ist nicht belegt. Es ist auch unklar, wie seine Aufnahmen ins Baugeschichtliche Archiv gelangt sind. Sicher ist einzig, dass die Fotos als Ansichtskarten zum Verkauf standen – und einige von ihnen sogar heute noch als Raritäten auf Ricardo verkauft werden.

Das grosse Geschäft mit Postkarten

Der Postkartenverkauf war zu jener Zeit ein Renner. Das Geschäft lief so gut, dass es zu Streitereien kam, weil einige Verkäufer die Karten trotz Verbots auch an Sonntagen feilgeboten haben – insbesondere am Bahnhof und am Kiosk auf dem Uetliberg. Der Zürcher Stadtrat musste sich mit dem Thema beschäftigen. Er kam zum Schluss, dass Bahnhöfe vom Ruhetagsgesetz ausgeschlossen seien und somit der Ansichtskartenverkauf erlaubt werden müsse. Und der Kiosk auf dem Uetliberg? Der befinde sich auf der Stalliker Seite.

Für Ruef-Hirt dürfte das Geschäft mit den Postkarten nicht lukrativ genug gewesen sein. Er zog im April 1904 mit seiner Familie nach Affoltern bei Zürich und 1907 weiter nach Wettingen, wo er ab 1908 eine ähnlich umfassende Fotodokumentation der dortigen Bauten begann. Auszüge davon befindet sich noch heute im Archiv der Gemeinde. Am 14. August 1927 starb Friedrich Ruef-Hirt im Alter von 53 Jahren in Herisau.

Die Ausstellung «Über Eck. Zürich um 1910» ist noch bis zum 7. März 2020 im Haus zum Rech am Neumarkt 4 in Zürich zu sehen (Montag bis Freitag zwischen 8 und 18 Uhr und am Samstag von 10 bis 16 Uhr). Der Eintritt ist frei – auch Reprints der Postkarten des Fotografen können gratis mitgenommen werden.

Erstellt: 27.01.2020, 12:40 Uhr

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