Zürichs verschollenes UFO

Ein futuristischer Turm thronte bis Ende der 70er-Jahre an der Sihlporte. Dann verschwand er spurlos.

«UFO» im Stadtverkehr: Die futuristische Kanzel an der Sihlporte nutzte die Stadtpolizei Zürich, um den Verkehr zu regeln.

«UFO» im Stadtverkehr: Die futuristische Kanzel an der Sihlporte nutzte die Stadtpolizei Zürich, um den Verkehr zu regeln. Bild: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

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Stylish, spacig, extravagant: So ungefähr würde man sie heute wohl umschreiben: die silberne Kanzel an der Kreuzung von Urania-, Sihl- und Talstrasse in der Zürcher City. Ihre Form erinnerte wahlweise an ein UFO, einen DDR-Grenzwachtturm oder an das Drehrestaurant Piz Gloria bei Mürren, das dank eines James-Bond-Filmes Berühmtheit erlangte.

Bei der ungewöhnlichen Baute handelte es sich um eine Verkehrskanzel der Zürcher Stadtpolizei, die von 1959 bis Ende der 70er-Jahre an der Sihlporte stand. Im Innern des verglasten Turms sassen während der Hauptverkehrszeiten Angestellte der Stadtpolizei vor einem Schaltpult und regelten von dort aus von Hand die Signalanlagen für den Verkehr auf umliegenden Strassen.

Heute: Digital statt von Hand

Heute sind vor Ort keine Spuren der Kanzel mehr vorhanden. Längst erfolgt die Verkehrssteuerung in der City automatisiert und elektronisch. Doch Fotos dieser Trouvaille aus der Zürcher Verkehrsgeschichte sind in der online frei zugänglichen Sammlung des Baugeschichtlichen Archivs bis heute erhalten geblieben.

Die Fotos dokumentieren die Verkehrskanzel in den Jahren 1960 und 1977, einmal sogar zusammen mit einem gleich daneben platzierten «Lärm-Barometer» mit Dezibelanzeige.

In Betrieb genommen wurde der Kontrollturm im Oktober 1959. «Der Polizeivorstand Stadtrat Albert Sieber setzte am Montag mit einem einzigen Handgriff die 180 neuen Lampen der Verkehrsregelungsanlage auf dem Sihlporteplatz in Funktion», hiess es in einem Bericht der NZZ. Davor war der Verkehr an dem Knotenpunkt von einem Polizisten geregelt worden.

«Geografisches Schaltpult»

Doch die stetige Verkehrszunahme verlangte eine Signalanlage. «Auf der Verkehrsteilungsinsel bei der Einmündung der Talstrasse steht die Kanzel, von der aus der Polizist, der bei Spitzenzeiten die Anlage von Hand steuert, alle Anfahrtstrassen über den Sihlporteplatz mit den neuen Verkehrsanordnungen überblicken kann.

Klimatisiert und belüftet: Das «geografische Schaltpult» der Polizei (Bild: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)

Mithilfe eines geografischen Schaltpultes ist er in der Lage, jede einzelne Fahrtrichtung, jeden Fussgängerstreifen und die Tramphase einzeln freizugeben. Auch die Handsteuerung gewährleistet vollständige Betriebssicherheit, indem die sich kreuzenden Fahr- und Gehrichtungen gegeneinander verriegelt sind.»

Cortesis Besuch in der Kanzel

Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, erinnert sich noch gut an die Kanzel. Das hat einen besonderen Grund. Zwar arbeitete er damals noch nicht bei der Stadtpolizei, sondern bei der Post. Doch Cortesi hatte eine Polizeihostesse kennen gelernt, die ihn eines Tages spontan zu einem Besuch an ihrem Arbeitsplatz in der Kanzel einlud.

«Die Kanzel bot Rundumsicht. Man regelte den Strassenverkehr auf Sicht, jede Lichtsignalanlage konnte man von Hand steuern.»Marco Cortesi, Sprecher der Zürcher Stadtpolizei, erinnert sich.

«Es ging eine Leiter hoch, die Türe musste mit einem Dreikantschlüssel geöffnet werden», erinnert sich Cortesi. Im Innern hatte es einen Stuhl vor dem Schaltpult mit roten und grünen Knöpfen und einem Strassenplan. «Die Kanzel bot Rundumsicht, man regelte den Strassenverkehr auf Sicht, jede Lichtsignalanlage konnte man von Hand steuern.»

Im Innern klimatisiert

Und: Der Turm war mit einer Klimaanlage und einer Heizung ausgerüstet. «Die Verkehrskanzel Walche und diejenige an der Sihlporte stellen die ersten klimatisierten Kontrolltürme dar», hiess es 1960 in Zeitungsinseraten einer Zürcher Lüftungsfirma. Ohne künstliche Kühlung im Sommer wäre diese Neulösung gar nicht möglich. Die künstliche Lüftung des abgeschlossenen Kontrollraumes schütze zudem den Verkehrsbeamten vor Staub und Auspuffgasen. «Kühlung und Lüftung tragen so zur Erhöhung der Verkehrssicherheit bei», war im Inserat weiter zu lesen.

Wann genau der Turm an der Sihlporte abmontiert wurde und was mit ihm geschah, kann die Stadtpolizei nicht mehr sagen. Einen Platz im Polizeimuseum hat er jedenfalls nicht erhalten. Womöglich wurde er verschrottet. Auch das «Lärmbarometer» ist für immer spurlos verschwunden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2018, 11:30 Uhr

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