Zürichs verschupfte Wetterhäuschen

Sie sind ein Relikt aus einer Zeit lange vor den Handy-Meteo-Apps: Wettersäulen. In Zürich fristen die letzten verbliebenen Exemplare ein Schattendasein.

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Es ist eine unscheinbare Kleinbaute am Helvetiaplatz: ein Glaskasten, der auf einem Steinpodest mitten auf dem Trottoir vor der früheren Credit-Suisse-Filiale steht. Im Innern findet sich eine weisse Box mit Thermometer, Barometer und Hygrometer. Allerdings: Das Thermometer zeigt an diesem winterlich kühlen Morgen wenig glaubhafte 16 Grad an. Die anderen Messgeräte in der Box scheinen noch einigermassen zu funktionieren. «Der Stadt Zürich gewidmet vom Verschönerungsverein Zürich III, 1907», steht auf der verwitterten Metalltafel am Steinpodest.

Bei der Kleinbaute handelt es sich um eine der in Zürich inzwischen raren Wettersäulen. Was sich heute per Meteo-App bequem auf dem Smartphone abrufen lässt, steckte früher in solchen Säulen am Strassenrand: der Wetterdienst. «Die Instrumente gaben Passanten die Möglichkeit, Wetterdaten selber zu verfolgen und sich über die Wetteraussichten ins Bild zu setzen», sagt Paul Bächtiger. Der Sekundarlehrer aus Horgen gehört zu den besten Kennern von Wettersäulen in der Schweiz, er hat im Internet ein Inventar all dieser Objekte erstellt.

Die Wettersäule am Helvetiaplatz ist laut Bächtiger eine von nur noch drei Stück in der Stadt Zürich. Neben jener am Helvetiaplatz existieren noch Exemplare vor der Stadtpolizeiwache in Oerlikon sowie am Limmatquai bei der Wasserkirche. Ursprünglich gab es auch am Platzspitz, am Limmatquai vor dem heutigen Café Terrasse und am Bürkliplatz solche Wetterstationen. Sie sind inzwischen verschwunden.

Treffpunkt und Bildungsmittel

Wettersäulen wurden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in zahlreichen Orten der Schweiz aufgestellt. Die Stationen mit Barometer, Thermometer und Hygrometer stillten die Wetterneugier der Leute und wurden zu «einer Art Bildungs- und Erziehungsmittel», wie Bächtiger sagt.

Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Wettersäulen spielten die naturwissenschaftlichen Gesellschaften sowie Kur- und Verkehrsvereine, welche die touristische Bedeutung der Geräte erkannten. Sie setzten sich dafür ein, dass in Parkanlagen, an Seepromenaden, vor Hotels oder auf wichtigen Plätzen solche Säulen aufgestellt wurden. Die naturwissenschaftlichen Gesellschaften hielten zudem Vorträge zur Wetterkunde und sorgten für den Unterhalt der Instrumente.

Bächtiger bezeichnet die Wettersäulen als «kulturgeschichtlich interessante Kleindenkmäler», weil sie für die Popularisierung der Wetterkunde am Ende des 19. Jahrhunderts stehen. Doch in Zürich fristen sie eine Randexistenz. «Sie werden vernachlässigt», sagt Bächtiger. Er bedauert, dass die «wertvollen Kleinobjekte» nicht unter Schutz gestellt sind.

Die Helvetiaplatz-Säule ist laut Bächtiger «amputiert» – der Glaskasten wurde erst später angebracht. In einem schlechten Zustand präsentiert sich das Exemplar am Limmatquai bei der Wasserkirche – obwohl es an einem prominenten und touristisch interessanten Ort mitten in der City steht. «Die früheren Messinstrumente wurden vermutlich gestohlen», sagt Bächtiger. Zudem hätten Vandalen diese Wettersäule immer wieder beschädigt. Derzeit finden sich anstelle von Baro- und Thermometern Plakate.

Am besten erhalten ist die grüne Metall-Wettersäule vor dem Polizeiposten in Oerlikon. Witziges Detail: In einer der Glasvitrinen dieser Säule haben Polizisten einen Spielzeug-Streifenwagen untergebracht.

Unklare Zuständigkeit

Bei der Stadt scheinen die Wettersäulen zwischen Stuhl und Bank zu fallen. Wer für den Unterhalt zuständig ist, ist unklar, wie es beim Tiefbauamt heisst. Und im Hochbaudepartement räumt eine Sprecherin ein, dass es sich bei den Wettersäulen zwar um kulturgeschichtlich wichtige Bauten handle. Aber es gebe derzeit keine Bestrebungen, sie unter Denkmalschutz zu stellen.

«Es gehen laufend Wettersäulen verloren, nur wenige werden restauriert», bilanziert Bächtiger. Dass sich eine Renovation lohnen kann, zeige eine Wettersäule in Männedorf. Diese konnte jüngst renoviert werden – dank eines privaten Sponsors. Jetzt zählt sie zu den Prunkstücken ihrer Art. Restaurierte Wettersäulen finden sich auch anderswo, etwa in Pfäffikon und Rapperswil. «Das sind schöne Zeitzeugen, die das Stadtbild touristisch bereichern», ist Bächtiger überzeugt. Nach seinen Informationen existieren in der Schweiz noch 140 Wettersäulen, die sehr verschieden gestaltet sind, wie das Internetinventar zeigt. Als älteste Wettersäule der Schweiz gilt ein 1838 am Genfer Grand Quai aufgestelltes Modell. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.03.2015, 20:45 Uhr)

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