Zweite Chance für Lehrabbrecher

Der Verein Urupu vermittelt jungen Erwachsenen einen Einstieg in die Arbeitswelt. Die treibende Kraft hinter dem Projekt ist Ruedi Winkler.

Ein Mann der Praxis: Ruedi Winkler. Foto: Tom Kawara

Ein Mann der Praxis: Ruedi Winkler. Foto: Tom Kawara

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Die Anforderungen für Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen, ­werden immer höher angesetzt. Dabei bräuchte es eigentlich mehr Aus­bildungs­plätze für Schulabgänger, die in der Schule nicht mit so guten Noten glänzen. «Bei ihnen hapert es manchmal schon beim Vorstellungsgespräch. Häufig bleibt der Kaugummi im Mund oder das Handy klingelt», sagt Ruedi Winkler. Er ist Präsident des Vereins Urupu, den er mit den heutigen Vorstandsmitgliedern gegründet hat. Mit der eigentlichen Vermittlungsarbeit ist Ludi Fuchs, ebenfalls Gründungsmitglied, beauftragt.

Die Zielgruppe sind junge Erwachsene im Alter von 16 bis 25 Jahren, welche die ­obligatorische Schule beendet haben, ­eines oder diverse Brückenangebote hinter sich oder eine oder mehrere Lehren abgebrochen haben und die kaum mehr ein Angebot haben. Winkler ist überzeugt: «Man muss diesen jungen Menschen eine Chance geben, ihr Potenzial zu nutzen.» Urupu ist übrigens ein Fantasiename, der aus der Sprache der Maori abgeleitet ist.

Der Verein Urupu setzt bei der praktischen Arbeit an. Die Jugendlichen bewerben sich mithilfe des Vereins für einen geeigneten Job, in der Regel bei ­einer Firma. So lernen sie, sich in der Arbeits­welt zurechtzufinden und erste Verantwortung zu übernehmen. Winkler: «Es geht darum, die ersten Schritte zu tun. Das heisst, Stellenantritt und Gelingen der ersten Monate.» Die schulische Ausbildung und alles Weitere folge zu einem späteren Zeitpunkt.

SP-Präsident mit Schnauz

Zwei Beispiele aus dem Alltag von Urupu. S. hat bei einer Versicherung in St. Gallen das KV gemacht, aber die Abschlussprüfung nicht bestanden. In der Prüfungszeit starb seine krebskranke Mutter. Am liebsten möchte er nicht in einem Büro arbeiten, sondern in einem Heim, wo Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung leben. Urupu vermittelt ihm ein Praktikum bei der Stiftung Wagerenhof.

Ein weiterer Fall ist A., der seine alleinerziehende Mutter und die jüngeren Geschwister derart terrorisiert, dass ab und zu die Polizei erscheinen muss. Er würde gern als Koch arbeiten. Dank der Unterstützung von Urupu wohnt und arbeitet A. heute im Gfellergut, einem sozialpädagogischen Zentrum in Zürich.

Wer ist dieser Ruedi Winkler, die treibende Kraft hinter Urupu? Er ist in ­Zürich politisch kein unbeschriebenes Blatt. Winkler war von 1988 bis 1994 Präsident der SP des Kantons Zürich und vertrat die Partei von 1987 bis 1999 im Kantonsrat. Der Mann mit dem markant-buschigen Schnauz ist aber vielen vor allem als Mister Arbeitslosigkeit bekannt.

Der diplomierte Landwirt und studierte Ökonom wechselte 1984 von der ZKB als Abteilungsleiter zum städtischen Arbeitsamt, das er ab 1993 als ­Direktor leitete. Er konnte damals nicht ahnen, dass er als dessen letzter Direktor in die Geschichte eingehen sollte. Winkler erinnert sich: «Es waren die turbu­lenten Zeiten der ersten grossen Arbeits­losen­schübe.» Zürich habe Mitte der 90er-Jahre mit aller Wucht zuerst die Arbeitsmarktlage in der Deutschschweiz gespürt, die drei Buchstaben RAV für die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren waren damals noch ein Fremdwort. Pro Monat strömten 500 bis 700 Arbeitslose auf das Arbeitsamt. Winkler baute während der Rezessionsjahre das Amt von 100 auf 350 Mitarbeiter aus und hat den Personalbestand dann wieder auf 200 reduziert, als der Konjunkturaufschwung es nötig machte.

Als die Wirtschaftslage sich wieder stabilisiert hatte, übernahm 2001 das RAV die Aufgaben auf Stadtgebiet, womit das städtische Arbeitsamt sein Kerngeschäft verlor und aufgelöst wurde. Stadträtin ­Monika Stocker (Grüne) sagte damals, es sei ein wesentlicher Verdienst Ruedi Winklers gewesen, dass man in Zürich die Krise der 90er-Jahre gut über­standen habe.

Hilfe vom Spendenparlament

Verschiedene Projekte, ehrenamtliche Präsidien, die Suche nach Lösungen und Ideen, es sind viele Themen, die Ruedi Winkler auf Trab halten. Seit 2001 führt er in Zürich-Albisrieden ein Büro für Personal- und Organisationsentwicklung. Der 74-Jährige arbeitet immer noch von Montag bis Freitag. Vielleicht sei er ein Spätberufener, allerdings sei das Alter für ihn noch nie ein Grund gewesen, untätig zu sein, sagt er.

Wie geht es mit Urupu weiter? Vorerst ist das Projekt auf einen Pilotbetrieb von drei Jahren angelegt. Das Budget des Vereins ist nicht gross, deshalb sei man um den Beitrag vom Zürcher Spendenparlament (ZSP) froh. Solch sinnvolle Projekte zu unterstützen, sei dringend notwendig, findet ZSP-Präsidentin ­Susann Egli. «Keine Lehrstelle zu finden, ist für die Jugendlichen oft eine Negativ­spirale, geprägt von Existenzängsten und Verunsicherung. Je früher die Unter­stützung erfolgt, desto besser ist die Chance, dass die Teenager Perspektiven haben», sagt sie.

Das Spendenparlament tagt diesen Donnerstag, 17.45 Uhr, im Rathaus. Gast ist die Schauspielerin und Autorin Laura de Weck. Die Sitzung ist öffentlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2015, 22:13 Uhr

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500 Franken für Integration

Das Zürcher Spendenparlament (ZSP) unterstützt soziale und kulturelle Projekte, die der Integration dienen. Die Mitgliedschaft beim ZSP beträgt für Privatpersonen ­jährlich 500 und für juristische Personen 2500 Franken. Der «Tages-Anzeiger» ­unterstützt das ZSP im Rahmen ­einer ­Medienpartnerschaft. (TA)

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