Abheben in Zürich, fliegen in den USA

Immer wieder machen Zürcher Start-ups mit spektakulären Deals auf sich aufmerksam. Viele Jungunternehmer zieht es jedoch ins Ausland.

Kreatives Chaos: Die Stiftung Blue Lion Incubator betreut Jungunternehmen aus dem Hightechbereich. Foto: Reto Oeschger

Kreatives Chaos: Die Stiftung Blue Lion Incubator betreut Jungunternehmen aus dem Hightechbereich. Foto: Reto Oeschger

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Es war der grosse Auftritt des Wernetshausner Christian Mischler. Der Zürcher Oberländer erklärte vergangene Woche auf dem US-Wirtschaftssender Bloomberg sein Erfolgskonzept. Und er führte aus, weshalb der Siegeszug seiner App Hotel Quickly nicht mehr zu stoppen sei. Auf die skeptischen Fragen des Moderators reagierte der 34-Jährige souverän: «Bei uns sind die Tarife immer billiger als anderswo.» Ein schlagendes Argument.

Das Konzept von Mischler und seiner Geschäftspartner ist simpel. Wer in Asien auf die Schnelle ein Hotelzimmer braucht – etwa weil er den Flug verpasst hat –, wird mithilfe seiner Applikation fündig. Rund 10'000 Partnerhotels in 15 Ländern beteiligen sich am Angebot – Tendenz steigend. Zimmer, welche die Hotels nicht loswerden, landen zu stark reduzierten Preisen auf Hotel Quickly. «Wir sind quasi des Hotels letzte Hoffnung», sagt Mischler im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger».

Knapp drei Jahre nach Lancierung der App beschäftigt Mischler über 100 Angestellte, die meisten davon am Hauptsitz in Bangkok. Die Wachstumszahlen liegen im zweistelligen Bereich, Geldgeber haben mehr als fünf Millionen Dollar in das Start-up investiert. Mischler hat erreicht, wovon jeder Jungunternehmer träumt: mit einer guten Idee ein Start-up gründen und dieses zu wirtschaftlichem Erfolg entwickeln.

Weltspitze bei Gründungen

Vielleicht sind sie noch nicht ganz so weit wie Mischler – erfolgreich sind sie dennoch: Die 25 Start-ups, die sich im vergangenen Jahr an der ETH Zürich entwickelt haben, sogenannte Spin-offs. Spin-off, das bedeutet Abspaltung einer Geschäftseinheit aus einem bestehenden Unternehmen; in diesem Fall Firmen, die Studierende oder Doktoranden aus der ETH heraus gegründet haben.

Mit der Zahl der Firmengründungen bewegt sich die Hochschule auf hohem Niveau: «Wir dürfen uns als europäischer Innovationshub bezeichnen», sagt Marjan Kraak, die bei ETH Transfer für die Spin-offs zuständig ist. Zum Vergleich: Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, das als weltweit führende technische Hochschule gilt, bewegt sich die Zahl im selben Rahmen. Was die Innovationskraft betrifft, kann Zürich laut Kraak mit anderen europäischen Technologiehubs wie Berlin, London oder Amsterdam «mindestens mithalten».

Einer der Zürcher Innovationstreiber heisst Pioneer Fellowship. Die Grund­idee des Förderprogramms: Jungfirmen sollen das Tal des Todes überwinden. So wird die Zeit unmittelbar nach der Gründung genannt – dann, wenn aus einer Idee ein Produkt oder eine Entwicklung entstehen soll. «Projekte, die das Potenzial für eine Firmengründung haben, werden bei der Weiterentwicklung ­unterstützt», sagt Kraak. Seit 2010 haben 52 potenzielle Jungunternehmer für 18 Monate 150'000 Franken erhalten. Das ermöglicht ihnen, die Finanzierung für die Zeit nach der Gründung zu or­ganisieren: durch Banken, Investoren oder Kunden.

Spin-offs der ETH haben eine sehr hohe Überlebensrate: Nach fünf Jahren existieren 92 Prozent der Firmen noch. Von den 315 Spin-offs, die seit 1973 ­gegründet wurden, wurden bis 2013 lediglich 41 liquidiert. Im Vergleich zeigt sich, wie wichtig gezielte Fördermassnahmen sind: In der Schweiz beträgt die Überlebensrate nach fünf Jahren im Schnitt 50 Prozent.

Bedingungen fördern Wegzug

Einige Unternehmen verlagern einen Teil der Geschäfte trotz der Förderung ins Ausland. «Nach einer gewissen Wachstumsphase zieht es viele in die USA, um den Markt zu erweitern», sagt Kraak. Dabei ist das Silicon Valley an der Westküste ein beliebter Magnet für ­Firmen im IT- oder Cleantech-Bereich; die Ostküste gilt als Magnet für Life-Science-Unternehmen.

Der Umzug ins Ausland habe nicht nur damit zu tun, dass Unternehmer ihren Absatzmarkt erweitern wollten, sagt ein Zürcher Jungunternehmer, der an einem erfolgreichen Start-up beteiligt ist und nicht mit Namen genannt werden will: «In der Schweiz herrscht ein ziemlich unternehmerfeindliches Klima. Die Toleranzgrenze für experimentierfreudige Jungunternehmer ist generell tief.» Die USA oder nur schon Berlin würden da viel bessere Bedingungen bieten.

Viele Vorschriften, wenig Raum

Nicht ganz so dramatisch schätzt der Zürcher FDP-Nationalrat Beat Walti die Situation ein. Der Wirtschaftsanwalt ­befasst sich auch mit Start-ups. «Seit ein paar Jahren wird in Zürich deutlich mehr unternommen, um junge Leute für die Innovation zu begeistern», sagt er. Die Nähe zum Forschungsplatz und der Wirtschaft sei dabei ein grosser ­Vorteil. Es gebe allerdings ein Problem, das zuletzt eher noch grösser geworden sei: bürokratische Hürden. Die Anstellung ausländischer Fachkräfte etwa könne sehr kompliziert sein. «Gerade Jung­unternehmer werden dadurch oftmals behindert», sagt Walti. Hinzu kämen un­nötig viele Auflagen statt möglichst grosse Freiräume.

Ein weiteres Problem seien die Lebenskosten: hohe Wohn- und Büromieten, teures Essen. «Diese Belastung ist gerade für Start-up-Unternehmer ein ­abschreckendes Element.» Wandern die Talente ins Ausland ab, schade dies der Schweiz, ist Walti überzeugt: Junge, ­unternehmerisch denkende und handelnde Leute brächten eine «gewaltige Dynamik» in die Volkswirtschaft. «Gerade weil sie ausserhalb der etablieren Strukturen denken und handeln.»

GoPro kauft Technologie ein

Manchen Start-ups und auch ETH-Spin-offs kommt deshalb fremde Hilfe gelegen: In letzter Zeit lassen sich auffällig viele Jungunternehmer von internationalen Grossfirmen aufkaufen. Sie tauschen Geld und Sicherheit gegen Know-how. Das spürt man auch an der ETH Zürich. Alleine letztes Jahr wurden fünf ETH-Spin-offs übernommen, zumeist durch ausländischen Grossfirmen wie Johnson & Johnson, Pfizer oder Roche. Darunter finden sich spektakuläre Deals wie das Biotech-Spin-off Glycovaxyn, das für 212 Millionen Dollar an den britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK). Oder das IT-Unternehmen Face­shift, das nun zu Apple gehört.

«Viele Grossfirmen kaufen Innovation lieber über Spin-offs, statt sie selber zu entwickeln», sagt Kraak. Ein weiteres aktuelles Beispiel ist die auf Drohnentechnik spezialisierte Zürcher Skybotix. Das Unternehmen ging 2009 aus der ETH hervor und wurde im Herbst 2015 von GoPro übernommen. Dies wird zwar nicht offiziell bestätigt, geht jedoch aus dem Handelsregister hervor. Dort wurde Skybotix im September in GoPro Switzerland unbenannt. Der US-Kamera­hersteller sicherte sich neben der Start-up-Technologie auch noch einen Ab­leger in Zürich.

Auf das Ergebnis dieser Übernahme darf man gespannt sein: Das US-Magazin «Techcrunch» spekuliert, dass der US-Konzern seine Kameras künftig mit Schweizer Drohnentechnik aufrüstet.

Und wie profitiert die ETH von den Verkäufen der Spin-offs? Immerhin steckt sie Geld in die Unternehmen. Das Finanzielle stehe nicht im Vordergrund, heisst es bei der Hochschule: Vom 212-Millionen-Dollar-Verkauf von Glycovaxyn an GSK ging eine halbe Million an die Hochschule – aufgrund einer Be­teiligung. Das wichtigste sei, dass ETH-Technologien schnell auf den Markt kommen. «Diesen Auftrag haben wir vom Bund erhalten», sagt Kraak.

«Noch in den Kinderschuhen»

Der Bund wiederum lässt sich offenbar von der ETH inspirieren. Er plant, das Pioneer Fellowship in ein neues Förderprogramm zu integrieren und dieses auf die gesamte Schweiz auszudehnen.

Einen Beitrag für bessere Bedingungen für Start-ups leistet derweil auch Jungunternehmer Christian Mischler. Vor gut zwei Jahren äufnete er zusammen mit einem Geschäftspartner den Swiss Founders Fund mit Sitz in St. Gallen. Vom Kapital des Fonds, an dem Mischler zur Hälfte beteiligt ist, profitieren derzeit zehn Jungunternehmen – darunter auch seine eigene Firma Hotel Quickly.

«Ein Unternehmerleben reicht höchstens für fünf bis sechs Firmengründungen», sagt Mischler. Mit der Gründung seines Fonds habe er einen Weg ge­funden, um diese Zahl zu erhöhen. Die Schweiz sei für Jungunternehmer – verglichen etwa mit Singapur oder den USA – ein hartes Pflaster, sagt Mischler. Städte wie Zürich würden mit ihrer zentralen europäischen Lage und den guten Hochschulen eigentlich beste Voraus­setzungen bieten – aus seiner Sicht steckt die Förderung jedoch «noch in den Kinderschuhen».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2016, 23:42 Uhr

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