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Abruptes Ende für Ausbildung im Theater Hora

Die Stiftung Züriwerk sistierte ihre Schauspielausbildung für Lernende mit Beeinträchtigung. Anwärter und ein Ausbildner verlieren eine Perspektive.

Das Ensemble Hora schaffte es auch auf die grosse Bühne. Hier im Stück «Die 120 Tage von Sodom» von Milo Rau.
Das Ensemble Hora schaffte es auch auf die grosse Bühne. Hier im Stück «Die 120 Tage von Sodom» von Milo Rau.
T+T Fotografie

Noch rühmt sich das Theater Hora auf seiner Website mit dem Satz: «Diese Ausbildung ist einzigartig in ihrer Art.» Das Theater bietet seit bald zehn Jahren eine anerkannte zweijährige professionelle Schauspielausbildung und ein anschliessendes Praxisjahr für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen an. Nirgendwo sonst in Europa gibt es ein vergleichbares Angebot.

Doch das ist nun Vergangenheit. Die Stiftung Züriwerk, der das Theater Hora angegliedert ist, gibt seinen dreijährigen Ausbildungslehrgang ab Herbst 2018 auf. Der Lehrgang könne leider nicht angeboten werden, steht auf der Website. Das bestehende Ensemble sei bereits zu gross und könne die Lernenden nach der Ausbildung nicht mehr aufnehmen, wie es stets die Absicht gewesen sei.

Sieben jungen Menschen mit Beeinträchtigung, die im Herbst die Lehre im Theater Hora hätten beginnen sollen, fehlt nun ein Ausbildungsplatz. Der Ausbilder verliert seine Stelle.

Fehlende Sensibilität

Für die Familie des Aargauer GLP-Nationalrats Beat Flach kam das Schreiben, unterzeichnet vom Theaterleiter und vom Direktor Züriwerk, Mitte April aus heiterem Himmel. Flachs Sohn hatte im Januar erfolgreich das Schnuppertraining beim Theater absolviert, das Theater stellte ihm einen Ausbildungsplatz in Aussicht. Ein Traum schien für den musisch begabten jungen Mann in Erfüllung zu gehen.

Nun ist er geplatzt. Der Sohn ist orientierungs-, die Eltern sind verständnislos. Angélique Flach sagt: «Menschen mit Beeinträchtigung reagieren auf jede Veränderung stärker als jene ohne. Ich hätte von Menschen, die sich beruflich für sie engagieren, mehr Sensibilität erwartet.»

Sie stören sich in zweierlei Hinsicht an der kurzfristigen Absage. Beat Flach sagt: «Wir verstehen nicht, weshalb erst jetzt informiert wird über Tatsachen, die bereits seit Monaten bekannt sind.» Bereits vor Ende des letzten Jahres gab es Klagen aus dem Ensemble, es sei mit 15 Mitgliedern zu gross, noch mehr Mitglieder vertrage es nicht. Das wussten auch Flachs. Sie rechneten nicht damit, dass sich im Anschluss an die Ausbildung zwingend eine Schauspielanstellung ergibt. «Die IV-unterstützte Ausbildung soll auch ein Arbeitsplatz ausserhalb einer sozialen Einrichtung ermöglichen», sagt Beat Flach.

Weiter ist für Flach unerklärlich, wie die Verantwortlichen davon ausgehen, dass sie für ihren Sohn bis zum Sommer noch einen anderen Ausbildungsplatz finden. Die Stiftung bietet den angehenden Lernenden zwar die Möglichkeit, innerhalb des Züriwerks eine andere «Beschäftigung» zu finden. Aber genau das findet Beat Flach ethisch bedenklich. «Das klingt doch hilflos. Unser Sohn hat sich für die Schauspielerei entschieden und möchte nicht in einer Werkstatt arbeiten.»

Externe im Ensemble

Für das Theater Hora sind die Kapazitätsgrenzen erreicht. Curdin Casutt, interimistischer Theaterleiter, lässt schriftlich verlauten – auch im Namen von Züriwerk-Direktor Reto Fausch: «Das Ensemble ist voll besetzt.» Um alle Mitglieder gleichmässig zu fördern, würden bereits jetzt zwei Produktionen eingeübt. Der Platz im Proberaum in der Roten Fabrik sei knapp.

Das Ausbildungssystem hat so lange funktioniert, wie sich Zu- und Abgänge die Waage hielten. Doch in den vergangenen Jahren gab es kaum mehr Austritte. Das dürfte aber auch stark mit dem Erfolg des Ensembles zusammenhängen. 2017 brachte das Theater zusammen mit dem Schauspielhaus Zürich Milo Raus Stück «Die 120 Tage von Sodom» zur Aufführung. 2013 wurde die Produktion «Disabled Theater», die zusammen mit dem Starchoreografen Jérôme Bel entstanden ist, ans Berliner Theatertreffen eingeladen. Dazu kamen zahlreiche Gastspiele rund um den Globus.

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Video: Die 120 Tage von Sodom

Regisseur Milo Rau bringt das Stück zusammen mit dem Theater Hora auf die Bühne.

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Doch: Im Ensemble wirken auch Schauspielerinnen und Schauspieler mit, die nicht aus der Hora-Ausbildung kommen. Casutt rechtfertigt diesen Umstand: «Das Theater soll weiter auf hohem Niveau spielen können. Dazu braucht es ein breites Spektrum an Schauspielenden – verschiedene Charaktere oder aus verschiedenen Altersklassen. Für ausgewählte Stücke benötigt das Theater auch externe Talente, die das Ensemble nicht abdecken kann.»

Es gibt Spekulationen, die SVA habe den Entscheid forciert, weil die Hora-Abgänger wenig Chance auf eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt hätten. «Bei jeder IV-finanzierten Ausbildung stellen wir die Frage: Können die jungen Menschen nachher umsetzen, was sie gelernt haben?», sagt Daniela Aloisi, Leiterin Kommunikation der SVA Zürich. Sie unterstützten die Idee der Theaterausbildung zwar nach wie vor, erwarteten jedoch, dass das Theater Hora diesen jungen Menschen nach der Ausbildung auch eine Anschlusslösung bieten könne. «Im Gespräch mit der Leitung des Züriwerks hat sich gezeigt, dass es leider auch ausserhalb des Theaters Hora keine Anschlusslösung gibt», begründet Aloisi den Entscheid.

Lesen gelernt

Die Tochter der Familie Creuzburg macht bereits die Ausbildung am Theater Hora. Im Sommer schliesst sie ihre zweijährige Ausbildung ab. Mutter Claudia Creuzburg sagt: «Sie hat in dieser Zeit unglaublich viel gelernt. Zum Beispiel Lesen. In der Schule konnte sie es nie, seit sie Rollen üben muss, kann sie es.» In der Ausbildung sei ihre Tochter selbstständiger, selbstbewusster geworden, sie habe sich viel bewegt und deshalb das Gewicht halten können. Gerade Menschen mit Trisomie 21 neigen bei wenig Bewegung zu Übergewicht.

Weil durch den Entscheid auch das Praxisjahr nicht mehr angeboten wird, tritt die Tochter direkt ins Ensemble ein. «Schade. Wir hätten uns tatsächlich einen sanfteren, begleiteten Einstieg gewünscht», sagt Creuzburg. Auch sie findet, dass der Entscheid nicht genügend durchdacht sei.

Personelle Wechsel

Mit dem vorläufigen Ende der Ausbildung verliert auch Urs Beeler seinen Arbeitsplatz. Er hat das Angebot geschaffen und erhielt die Kündigung am 60. Geburtstag. Theaterleiter Casutt sagt: «Mit dem Entscheid entfällt bedauerlicherweise auch die Funktion des Ausbildungsleiters.» Urs Beeler war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Pikant an der Sache: Die Entscheide fallen mit gewichtigen personellen Veränderungen zusammen. Hora-Gesamtleiter Casutt ist seit Februar im Amt. Reto Fausch ist seit Anfang Jahr Direktor der Stiftung Züriwerk. Casutt bestreitet eine Relation. «Die Problematik der Abhängigkeit von den freien Plätzen im Ensemble und der Ausbildung im direkten Umfeld des Theaters Hora ist seit längerem bekannt. Zwischen der Situation und dem neuen Führungsgremium besteht folglich kein Zusammenhang.» Sie versuchten bloss, eine nachhaltige Lösung für den wertvollen Theaterbetrieb Hora zu erarbeiten.

Auch im Ensemble gibt es eine Änderung: Michael Elber gibt die künstlerische Leitung Ende Jahr nach 25 Jahren Tätigkeit ab. Dann könnte einer totalen Neuausrichtung des Theaters auf dem Papier theoretisch nichts mehr im Wege stehen.

Vorerst letzte Hoffnung geplatzt

Bis zum Montagabend hofften beide Familien noch immer darauf, dass an der Ausbildung wie bisher festgehalten und nach neuen Lösungen gesucht wird. Beispielsweise, dass ein zweites Ensemble gegründet wird und ihre Kinder ihre Ausbildung doch noch beginnen oder wie geplant abschliessen können. Für Montagabend haben der Theaterleiter und der Direktor des Züriwerks zu einem Round-Table-Gespräch geladen.

Das Resultat ist ernüchternd. «Der Entscheid ist gefällt, die Ausbildung sistiert», sagt Angélique Flach. Es gebe kein neues Konzept, Alternativen seien wohl nur vage geprüft worden, und es liege keine Idee vor. Ob ein ähnliches Ausbildungsprogramm in naher Zukunft wieder aufgebaut werde, ist auch nach der Veranstaltung weiter unklar. Das Züriwerk habe angeblich in den vergangenen Jahren das Ausbildungsprogramm zu wenig kontrolliert. So sei es zu gross geworden, und deshalb hätten die Verantwortlichen die Notbremse gezogen. Das enttäuscht Flach. Die Leidtragenden seien nun die jungen Menschen. Für Flach ist klar, so leicht geben sie nicht auf: «Wir werden weiter nach Lösungen suchen.»

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