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Affoltern will keine Banlieue werden

Der oft übersehene Zürcher Stadtteil soll zu einem Hotspot der Verdichtung werden. Dort schaut man der Entwicklung zwiespältig entgegen.

Entlang der Wehntalerstrasse sollen dereinst sechsstöckige Häuserfronten mit Läden in den Erdgeschossen entstehen. Foto: Urs Jaudas
Entlang der Wehntalerstrasse sollen dereinst sechsstöckige Häuserfronten mit Läden in den Erdgeschossen entstehen. Foto: Urs Jaudas

Eigentlich wollten wir ja die Stimme der Strasse hören. Was die Leute zwischen Milchbuck und Zentrum Affoltern zur geplanten Verdichtung ihres Quartiers sagen. Aber statt auf der Strasse stehen wir unvermittelt in der gemütlichen Stube von Rosemarie Binggeli. Die 64-Jährige hat uns lieber zum Kaffee eingeladen, als vor dem Supermarkt in der Kälte zu bibbern. Die Stimme der Stube – auch gut. Denn diese für Zürich überraschende Gastfreundlichkeit veranschaulicht treffend, was für manche auf dem Spiel steht, wenn hier das Wachstum einsetzt.

Vorne an der Wehntalerstrasse möge das Quartier wie Niemandsland wirken, sagt Binggeli. Aber hier, zwischen diesen Häuschen mit Walmdach, Gärten und Mauern rundum, sei das ein wunderbar funktionierendes Gefüge. Noch. Rundum wird in die Höhe gebaut. «Ab einer gewissen Grösse funktioniert das soziale Leben nicht mehr so gut», hat Binggeli beobachtet. «Es gibt Veränderungen, die man bedauert, auch wenn man versteht, dass sie nötig sind.»

Ähnlich ambivalente Aussagen hört man entlang der Wehntalerstrasse immer wieder. Diese ist mit 5660 Metern die längste Strasse Zürichs. Sie verbindet mehrere Gebiete, in denen ein grosser Teil jener 100000 zusätzlichen Bewohner ein Zuhause finden soll, mit denen die Stadt bis im Jahr 2040 rechnet. Als zentrale Achse soll sie sich zu einem urbanen Zentrumsgebiet entwickeln, mit sechsstöckigen Häuserfronten und Läden in den Erdgeschossen. So sieht es der kommunale Richtplan vor, zu dem sich noch bis heute jede und jeder äussern kann.

Die Veränderungen machen Angst und tun weh

Die Dimensionen der Transformation überraschen selbst jene, die davon gehört haben. «Ich dachte, dass bei uns langsam fertig gebaut sei», sagt Sonja Schneider, die am einen Ende der Strasse lebt und am anderen arbeitet. «Haben wir denn als Einzige in der Stadt noch Flächen? Oder ist das Land hier nur günstiger als am Zürichberg?» Tatsächlich sind in Affoltern zuletzt viele neue Siedlungen entstanden – was man im Rest der Stadt kaum wahrnimmt, weil noch bis 2025 kein Tram da hinausfährt.

Die Wehntalerstrasse im Zeitraffer:

Zürichs längste Strasse in 45 Sekunden: 5660 Meter von der Stadtgrenze in Affoltern bis zum Milchbuck. Video: Nicola Brusa und Raisa Durandi

Marco Brunner, wie Schneider um die vierzig, türmt vor seiner Autowerkstatt gerade Reifen auf. Mehr Leute bedeuten für ihn mehr Kundschaft. Er will nicht zu einem jener Nörgler werden, die früher alles besser fanden. ­Irgendwo müsse man die Stadt ja ausbauen. Dennoch: Grosse Freude bereiten ihm die Aussichten nicht. «Ich bin halt hier aufgewachsen», sagt er fast entschuldigend. «Mein Vater hatte in der Nähe eine Spenglerei, daneben war alles grün. Heute sieht man da nur noch diese neuen Siedlungen, das tut schon weh.»

Schwieriger Kontakt

Verdichten sei eine gute Sache, findet dagegen Ursula Gegenschatz, «man muss es einfach richtig machen». Sie ist kürzlich aus Neu-Oerlikon zugezogen und weiss daher, wovon sie spricht. «Die Leute schimpfen gerne über diese Ställe, aber innen drin sind die besser als die meisten Altbauten.» Allerdings werde man ihr das jetzt sicher unter die Nase reiben, dass sie selbst inzwischen mit ihrem Mann und den kleinen Kindern in einem Einfamilienhaus lebe.

Richtig verdichten: Was heisst das? Monica Schneider würde sagen: Anders als bisher. Nicht nur aus optischen Gründen. «Wir haben in Affoltern jetzt diese Riesensiedlungen, aber es fehlt dort an Freiräumen und Gemeinschaftsleben.» Rosemarie Binggeli sieht es ähnlich, sie hat dort gearbeitet. In die günstigen Wohnungen seien Familien eingezogen, in denen beide Elternteile voll arbeiten müssten und kaum Zeit für die Kinder hätten. Und das Grossmami spreche kein Deutsch. «Das macht es extrem schwierig, die Leute in Kontakt miteinander zu bringen.»

Der Grossumbau wird auch als Chance gesehen

Die durch Neubauten ausgelöste soziale Dynamik wird hier anders als in den meisten Stadtteilen nicht reflexartig durch die Gentrifizierungsbrille gesehen. Im Gegenteil. Der erste Gedanke ist, dass es zur Ghettoisierung kommen könnte. Auch bei Peter Widmer, der am Zehntenhausplatz auf den Bus zur Arbeit wartet. Er sieht allerdings auch eine Chance im geplanten Grossumbau: Affoltern könnte endlich ein ansehnliches Zentrum erhalten. So wie Wipkingen, wo er aufgewachsen ist. «Ganz ehrlich», sagt er und deutet rundum. «Das hier ist doch nichts.»

Die Vorstellung, dass entlang der Wehntalerstrasse mehr Läden und Kaffees in den Erdgeschossen aufgehen könnten, finden alle Befragten reizvoll. Sie sind aber auch skeptisch. Einerseits sei der Sog der Innenstadt gross. Sonja Schneider etwa findet es schwer vorstellbar, dass die Leute plötzlich sagen: «Komm, wir gehen zum Lädelen nach Affoltern.» Und Binggeli erinnert an das Beispiel Neu-Oerlikon: «Wenn man einerseits sieht, wie kreativ die Leute auf der Guggachbrache sind und wie tot andererseits ein neu hingestelltes Quartier wirken kann, muss einem das zu denken geben.»

Fast durchs Band positiv beurteilt wird die Absicht, im Ausgleich zur Verdichtung neue Parks und Plätze zu schaffen. Etwa den immensen Deckel über dem Eisenbahngraben nach Oerlikon, doppelt so gross wie der Sechseläutenplatz. Auch weiter draussen in Affoltern wünscht man sich solche Freiräume. Das Naherholungsgebiet um den Katzensee herum sei jetzt schon heillos überfüllt. Es brauche etwas wie die Josefwiese in der Innenstadt. Wenig Beton, viel Grün, mit Gastbetrieb. Einen Ort, wo man sich begegnen kann. Damit Urbanität nicht zwangsläufig auch mehr Anonymität bedeutet.

Dies ist Teil 2 einer Serie von Gesprächen an den Zürcher Hotspots der Verdichtung anlässlich der Richtplan-Auflage. Teil 1 (Schwamendingen) erschien am 13. November, Teil 3 (Altstetten) erscheint in den kommenden Tagen.

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