Alkoholverbot für Zürcher ETH-Studenten

Studierende der Architektur haben letzte Woche die Abgabe ihrer Diplomarbeit gefeiert – etwas gar ausgelassen. Nun folgen radikale Sanktionen.

Die Überreste einer durchzechten Nacht am Hönggerberg. Fotos: zvg

Die Überreste einer durchzechten Nacht am Hönggerberg. Fotos: zvg

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Es ist der Moment, auf den Master-Studierende Jahre hinarbeiten: die Abgabe ihrer Diplomarbeit. Letzte Woche war es bei den ETH-Architekten auf dem Hönggerberg wieder so weit. Die Studierenden übergaben ihren Professorinnen und Professoren sämtliche Modelle und Pläne – zum Abstempeln. Wer zu spät kam, konnte nicht mehr nachreichen.

Für alle anderen galt: Erleichterung, Abfall der inneren Spannung, ein Moment zum Feiern und Anstossen. Alkohol, ohnehin ein steter Begleiter studentischer Festivitäten, floss auch auf dem Hönggerberg. Offenbar nicht zu knapp, wie die Bilder des Folgetags dokumentieren: Einige Glasscherben, ein paar Zigarettenstummel, leere Pizzaschachteln – Zeugnisse einer durchzechten Nacht, wie sie sich auf dem ETH-Campus wohl schon zigfach abgespielt hat.

Aussergewöhnlich ist nun aber die Reaktion der Departementsleitung. In einem internen Mail verkündete sie ein sofortiges Alkoholverbot, geltend in allen Räumlichkeiten, Toiletten und auf öffentlichen Plätzen des Architektur-Departements.

«Heute Morgen wurden wir konfrontiert mit den Spuren eines Alkoholexzesses, Littering und vielen zerbrochenen Gläsern», schrieb die Departementsleitung. «Eine Gefahr, nicht nur für das Putzpersonal, sondern für uns alle im Gebäude.» Missachtungen des Verbots würden künftig sanktioniert – gemäss den geltenden «rechtlichen Bestimmungen».

Studierende des Architekturdepartements befremdet die Massnahme. «Ein Verbot ist nicht das Richtige – ein Appell an das Verantwortungsgefühl der Studierenden hätte gereicht», sagt eine Studierende. Ein Kollege spricht von einer lächerlichen Überreaktion: «Es fühlt sich an wie eine Kollektivstrafe.» Ausserdem sei das Ausmass der Zerstörung im überschaubaren Rahmen. Alle Bilder seien im selben Raum aufgenommen worden.

«Alkohol ist ein Katalysator und Exzess keine Entschuldigung.»Deparementsleitung

Gestern Dienstag liess die Departementsleitung ein zweites Schreiben folgen. Eine Gruppe habe in der Nacht auf letzten Freitag studentische Diplomarbeiten zerstört: «Einzelne Teile der Ausstellung wurden entfernt und in andere Gebäude gebracht.» Die Schlussfolgerung: «Alkohol ist ein Katalysator und Exzess keine Entschuldigung.» Die verantwortlichen Personen hätten sich bei der Departementsleitung zu melden. Andernfalls würde sich die ETH rechtliche Schritte vorbehalten und die Polizei informieren.

Die ETH-Medienstelle gibt auf Anfrage bekannt, dass sie nichts von dem Schreiben gewusst habe. «Im Kern teilt die ETH die Botschaft der Departementsleitung, dass in Lehrräumen und am Arbeitsplatz nur in Ausnahmefällen Alkohol konsumiert werden darf», sagt Mediensprecherin Vanessa Bleich. Das E-Mail sei hingegen etwas ungeschickt formuliert.

Sie präzisiert: Das Vorbehalten rechtlicher Schritte würde sich nur auf den vandalistischen Akt, nicht aber auf das blosse Konsumieren von Alkohol beziehen. «Der Departementsleitung und der ETH ist daran gelegen, solche Exzesse zu vermeiden», sagt Bleich. Deshalb das Verbot. Allen Studierenden stehe es weiterhin frei, in den bestehenden Gastrobetrieben auf dem Campus Alkohol zu trinken.

Bierverbot an der Frackwoche

Die ETH ist nicht die erste Zürcher Hochschule, in der ein Alkoholverbot ausgesprochen wird. 2018 wagte die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) den Tabubruch und setzte ein Bierverbot für die Frackwoche durch. Damit stach sie in ein Wespennest. Studierende probten den Aufstand. Die Hochschulleitung hält bis heute an ihrer Bestimmung fest: Bier gibt es während der Frackwoche erst ab 18 Uhr. «Diese Vereinbarung hat sich bewährt. Sie stellt sicher, dass der Unterricht regulär durchgeführt werden kann», sagt Thomas Järmann, Leiter Lehre, School of Engineering, an der ZHAW.

Die Frackwoche findet jeweils im Mai statt. Während jeweils einer Woche verwandeln sich die Räumlichkeiten des Technikums in ein Tollhaus mit Bierständen, DJs und Konzerten. Das lockt jeweils auch viel auswärtiges Publikum an. Die Studenten des Departements Maschinenbau tragen Frack und Bart – so wie es die Tradition verlangt. Studierende, die sich während des Unterrichts ein Bier gönnten, waren vor dem Verbot und während der Frackwoche noch gang und gäbe.

Da bleibt keiner trocken: Studierende an der Winterthurer Frackwoche. (Foto: Heinz Diener)

Das Thema Hochschule und Alkohol wurde auch schon wissenschaftlich abgehandelt. Eine Studie des Dänischen Instituts für Evaluation (EVA) kam 2017 zu einem überraschenden Schluss: Studierende, die Alkohol trinken, bringen ihr Studium häufiger zu Ende.

Klingt nach einer Scheinkorrelation? Ist es auch. Denn entscheidend für den Effekt ist nicht der Alkohol, sondern das gesellige Beisammensein. Gerade wer zu Beginn des Studiums nie auf Studentenpartys auftaucht, verliere den Kontakt zu den Kommilitonen, so die Forscher. Dadurch sinke die Motivation, das Studium durchzuziehen. Das Beste dürfte wohl sein: Mitfeiern und trotzdem nüchtern bleiben.

Erstellt: 11.12.2019, 16:02 Uhr

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