Alles andere als ein Selbstläufer

Die Präsidenten der Fussballclubs GC und FCZ betonen, wie wichtig das neue Stadion für die Vereine wäre. Doch um sportlich und wirtschaftlich zu gesunden, braucht es mehr.

Sehen im neuen Fussballstadion einen Garanten für den Erfolg: Ancillo Canepa (l.), Präsident des FCZ, und Stephan Anliker, Präsident der Grasshoppers. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Sehen im neuen Fussballstadion einen Garanten für den Erfolg: Ancillo Canepa (l.), Präsident des FCZ, und Stephan Anliker, Präsident der Grasshoppers. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Stadtbewohner werden zurzeit mit Flyern und Briefen eingedeckt. So viel Werbung hat es noch nie gegeben, wenn es in Zürich um den Bau eines neuen Fussballstadions gegangen ist. Nicht 2003, nicht 2013.

Auch die Präsidenten der beiden Clubs gehen verbal in den Angriff. Ancillo Canepa vom FC Zürich sagt, sie wollten kein SP-Stadion, das vom Steuerzahler finanziert werde. Stephan Anliker von GC hält die Argumente der Gegner in der NZZ für «Bullshit». In Interviews streichen sie die existenzielle Bedeutung des neuen Stadions heraus. So sagte Anliker im Teleclub: «Ohne neues Stadion müssen wir womöglich den Profifussball einstellen.»

Der Neubau eines Stadions kann die Fantasie gefährlich beflügeln.

5 oder 6 Millionen Franken fehlen FCZ und GC jedes Jahr dafür, ihre Budgets von 20 Millionen und mehr auszugleichen. Sie sagen, mit einem reinen Fussballstadion wäre alles anders. Gerade Anliker träumt von der gesteigerten Attraktivität von GC für potenzielle Investoren.

Doch schon viele Vereine und Vorstände haben in einem neuen Stadion den Segen für eine bessere Zukunft gesehen. In Basel, Bern, Thun, Luzern, St. Gallen, Schaffhausen, Neuenburg und Genf ist das so gewesen.

Verklärter Blick zurück

Schon vor Jahren spielten die Grasshoppers intern verschiedene Projekte für Stadien durch. Die Pläne waren Ausdruck der verzweifelten Suche nach einem verlorenen Stück Heimat. 76 Jahre lang hatte GC auf dem Hardturm gespielt. Seit dem Umzug in den Letzigrund 2007 lebt die verklärte Erinnerung an einen Ort, bei dem die Haupttribüne marode war und der sanitäre Bereich eine Zumutung. Selbst zu den Zeiten mit dem grossen Ottmar Hitzfeld als Trainer kamen im Schnitt nur 7000 Zuschauerinnen und Zuschauer.

Und jetzt soll alles auf einmal viel besser werden? Sollen viel mehr Fans kommen, nur weil das Stadion modern ist und es ein Dach gibt? Soll GC auf einmal wieder eine Mannschaft haben, die, so anders als jetzt, Gefühle und Reize auslöst?

Wunsch und Wirklichkeit

Der FCZ nimmt für sich in Anspruch, eine grössere Anziehungskraft zu haben als GC. Um die 10'000 Zuschauer und Zuschauerinnen beträgt der Durchschnitt seit dem Gewinn der Meisterschaft 2009. Präsident Canepa erwartet im neuen Stadion «Ensemble» rund die Hälfte mehr und als weitere Steigerung «10 bis 15 Punkte mehr» pro Saison. Ein Neubau kann die Fantasie gefährlich beflügeln. Beispiele zeigen, dass es grosse Unterschiede gibt zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

In Luzern steht seit sieben Jahren ein komfortables Stadion. Anfänglich stieg der Zuschauerschnitt von 8000 auf 14'000. Das Interesse hat sich deutlich abgekühlt. Keine 10'000 wollen jetzt eine Mannschaft sehen, die wegen fehlender Mittel nicht verstärkt wird: Der Club schreibt pro Jahr rund 2 Millionen Defizit.

In St. Gallen gibt es den Kybunpark, der von Grösse, Stimmung und Ausstattung her perfekt ist. Der Club ging trotzdem fast in Konkurs, weil mit dem neuen Stadion die Kosten explodierten. 15 Millionen mussten beschafft werden, um den Ruin zu verhindern. Der Zuschauerschnitt beträgt seit Jahren gut 12'000. Das ist sehr solide, mehr aber nicht. Im Gegenteil: Die Führung ist heute weiterhin damit beschäftigt, Altlasten abzutragen.

Stadion als Fass ohne Boden

In Genf steht ein EM-Stadion, aber es ist überdimensioniert und stimmungslos. Servette ging hier bankrott und verschwand zwischendurch in der sportlichen Drittklassigkeit. Nirgends zeigt sich besser, welchen Schaden die Unfähigkeit und die Vollmundigkeit von Clubpräsidenten anrichten können.

In Bern stiegen die Brüder Andy und Hans-Ueli Rihs, reich geworden mit Hörgeraten, wegen des Stadions ein. Sie träumten davon, das Stade de Suisse und die Young Boys für 100 Millionen Franken wieder verkaufen zu können. Ihr Traum zerschlug sich. Mit der Zeit entdeckten sie ihr Herz für YB und investierten Dutzende von Millionen. Die Ausdauer wurde im Frühjahr, kurz nach dem Tod von Andy Rihs, mit dem Gewinn der Meisterschaft belohnt. Der Erfolg hat das Stade de Suisse wieder zu einem Sehnsuchtsort gemacht. Innert zweier Jahre stieg der Schnitt um 7000 auf 24'000 Zuschauerinnen und Zuschauer.

Perfektes Beispiel Basel

In Basel ist alles anders. Basel hat das Erbe aus den 1960er- und 1970er-Jahren gut verwaltet: dank des Umzugs 2001 in den neuen St.-Jakob-Park, der Millionen der Pharma-Erbin Gigi Oeri und der strategischen Weitsicht von Bernhard Heusler als Präsidenten. Natürlich hat der FCB keine lokale sportliche Konkurrenz. Aber er steht dafür, wie sich Geschichte und Gegenwart zum Erfolg verschmelzen lassen. 2016 wies er bei einem Umsatz von 132 Millionen Franken einen Gewinn von 5,7 Millionen aus. Er vereinte in seinen grossen Jahren alles perfekt: Kompetenz, Kontinuität, Kommerz, Kultur.

Luzern, St. Gallen, Genf, Bern, Basel: Diese Orte zeigen, was aus Träumen werden kann – und was nicht. Aus dem Glauben heraus, ein Stadion werde von selbst Heimat und Wohlfühloase, sei Garant für sportliches und wirtschaftliches Gesunden. Damit ein Stadion zum Erfolg wird, braucht ein Club in erster Linie aber eines: Personen, die gute Entscheide treffen. Ein Stadion ohne Leichtathletikbahn kann nur den Spielraum vergrössern.


Clubs zahlen Miete und Ticket-Geld

Die Präsidenten von FCZ und GC zeichnen ein rosiges Bild, falls sie dereinst das neue Fussballstadion auf dem Hardturm-Areal beziehen dürfen. Ancillo Canepa sprach in der NZZ von «mindestens 5 Millionen Franken Mehreinnahmen» pro Club und Jahr durch Catering- und Marketingeinnahmen sowie 4000 zusätzlichen Zuschauern pro Spiel für seinen FCZ. Was aber zahlen die Vereine an dieses für sie offenbar entscheidende Projekt?

Zunächst zum Konstrukt: Das Stadion, so es gebaut wird, gehört der Stadion Züri AG, die zu 100 Prozent der Bauherrin, der Firma HRS, gehört. Bewirtschaftet wird die Arena von der Stadion Zürich Betriebs AG, welche zu je 49 Prozent dem FCZ und GC gehört und zu 2 Prozent Pro-Sport-Zürich-Präsident Daniel Meier, der das Verwaltungsratspräsidium übernimmt.

1 Million Miete und 5-Franken-Regel

Die Betriebs AG mietet die Arena von der Stadion AG und zahlt dafür jährlich fix 1 Million. Je 500'000 Franken kommen vom FCZ und von GC. Das ist derselbe Mietzins, den die beiden Vereine im Letzigrund zahlen. Die leistungsabhängige Komponente des Mietvertrags ist aber viel milder. Im neuen Stadion rechnen die Eigentümer mit durchschnittlich 100'000 Franken pro Jahr zusätzlich. Zum Vergleich: Allein fürs Erreichen des 4. Platzes in der letzten Saison zahlte der FCZ der Letzigrund-Eigentümerin Stadt Zürich einen Aufpreis von 150'000 Franken, für die Teilnahme am Cupfinal 50'000 Franken. Und das laufende Europa-League-Abenteuer kostet den FCZ mindestens 400'000 Franken, da pro Heimspiel 100'000 Franken fällig werden. Für Champions-League-Gruppenspiele würden übrigens 500'000 Franken pro Match fällig.

Zurück zum neuen Projekt: Neben der Miet-Million vonseiten der beiden Clubs fliessen pro verkauftem Ticket 5 Franken und dazu 5 Prozent der Erlöse aus den zehn Logen in die Betriebs AG. Das ist sicher eine siebenstellige Zahl. Nimmt man die Zuschauerzahlen der vergangenen Saison (FCZ: 193'000, GC: 126'000) wären es 1,6 Millionen. Und rechnet man mit ausgelasteten Logen und ähnlichen Preisen wie in Bern, Luzern und St. Gallen (zwischen 100'000 und 160'000 Franken) kommt nochmals ein sechsstelliger Frankenbetrag dazu. Das alles geht an die clubeigene Betriebs AG.

Kulante HRS

Die Betriebskosten waren vor der letzten Abstimmung 2013 ein grosses Thema, hätte sich die Stadt doch verpflichtet, ein jährliches Betriebsdefizit von maximal 8,3 Millionen auszugleichen. Diesmal fliessen keine Steuergelder.

Was passiert aber, wenn ein Club nicht mehr in der Lage ist, die Miete zu zahlen, oder die Betriebskosten aus dem Ruder laufen? Die Stadion AG sei «über eine bestimmte Zeit selbsttragend», antworten die Stadionpromoter. Da vertrage es auch die eine oder andere Saison eines Clubs in der Challenge League. Spielraum gibt der Stadion AG eine Einmalabschreibung von 85 Millionen. Damit sinkt der Buchwert der 105-Millionen-Arena kurz nach dem Bau auf 20 Millionen. Dadurch sinken die jährlichen Abschreibungen, was die künftigen Rechnungen entlastet. Die restlichen 20 Millionen sind ein HRS-Darlehen, das unverzinslich, aber «grundsätzlich rückzahlbar» sei. Der Zeitraum sei aber langfristig und könne bei finanziellen Schwierigkeiten angepasst werden. Konkret: Bei Liquiditätsengpässen der Betriebs AG wird die Rückzahlung ausgesetzt, im Notfall wird sogar darauf verzichtet. Zusätzlichen Spielraum schaffen langfristige Sponsoring- und Werbeveträge der Betriebs AG, etwa aus der Vergabe des Stadionnamensrechts. Das alles dient dazu, dass die Stadion AG «nachhaltig profitabel wirtschaften kann», so die Medienstelle des Stadionprojekts Ensemble.

Zusammenfassend kann also gesagt werden: HRS rollt den Stadtclubs den roten Teppich aus. Und zwar zusammen mit der Credit Suisse, welche die 570 Wohnungen und Gewerberäume in den beiden Hochhäusern baut. Ein Teil der Mietrendite sichert HRS den Stadionbau ab.

Das Worst-Case-Szenario

Falls aber das ganze Stadionfinanzierungskonstrukt aus irgendeinem Grund zusammenbricht und die Stadion AG der Stadt den jährlichen Baurechtszins von 30'000 Franken nicht mehr bezahlt, fällt das Stadion entschädigungslos an die Stadt. Diese könnte den Betrieb weiterführen oder etwa die Arena abreissen und zum Beispiel gemeinnützige Wohnungen bauen. Das Land jedenfalls könnte sie behalten, da die im Kaufvertrag mit der vormaligen Landeigentümerin CS formulierte Bedingung, ein Stadion zu bauen, erfüllt worden war. Gemäss Baurechtsvertrag könnte die Stadt das Vorkaufsrecht auf die Stadionaktien auch ausüben, wenn die Stadion AG mehr als ein Drittel der Aktien an einen Einzelaktionär verkaufen wollte. Diese Klausel soll einen «unkontrollierten und ungewollten Verkauf» an dubiose Investoren verhindern. Grundsätzlich möglich wäre handkehrum ein Verkauf des Stadions an eine breite Öffentlichkeit – mit einer Art Volksaktie.

Pascal Unternährer

Erstellt: 18.11.2018, 20:48 Uhr

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