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Als der Weg nach Westen frei wurde

Rekordbauwerk, Hipster-Treffpunkt, Ziel eines irrtümlichen Bombenangriffs: Seit dem Bau der Viaduktbögen vor 130 Jahren ist kein Stein auf dem anderen geblieben.

Der Wipkinger Viadukt um 1860: Zu jener Zeit gelangte die Bahn noch über einen geschlossenen Damm in die Stadt. Wie ein Riegel schottete der Erdwall die Stadt ab und machte eine Erweiterung in Richtung Westen unmöglich.
Der Wipkinger Viadukt um 1860: Zu jener Zeit gelangte die Bahn noch über einen geschlossenen Damm in die Stadt. Wie ein Riegel schottete der Erdwall die Stadt ab und machte eine Erweiterung in Richtung Westen unmöglich.
Baugeschichtliches Archiv Zürich
Vorne: Baudampflok mit Arbeitern in Fotopose, im Hintergrund: Uetliberg.1891–1894
Vorne: Baudampflok mit Arbeitern in Fotopose, im Hintergrund: Uetliberg.1891–1894
ETH-Bibliothek Zürich / Fotograf unbekannt
Als die Bomben auf Zürich trafen: In der Nacht auf den 23. Dezember 1940 bombardierten britische Flieger irrtümlicherweise die Stadt. Der Viadukt wurde auf Höhe der Josefstrasse zerstört. Eine Person starb, mehrere wurden verletzt.
Als die Bomben auf Zürich trafen: In der Nacht auf den 23. Dezember 1940 bombardierten britische Flieger irrtümlicherweise die Stadt. Der Viadukt wurde auf Höhe der Josefstrasse zerstört. Eine Person starb, mehrere wurden verletzt.
Archiv Milou Steiner/Fred Eberhard/Eugen Suter, Keystone
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Sie ist heute die längste Einkaufs- und Gewerbemeile von Zürich-West, die Viaduktstrasse im Kreis 5. Doch wo heute Hipster Wohnaccessoires kaufen und Latte macchiato trinken, begann früher die Pampa. Ein, zwei Häuser gab es Ende des 19. Jahrhunderts an dieser Stelle, Weiden und Bäume. Sonst nichts.

Dann kamen um 1891 die Bauarbeiter der Schweizerischen Nordostbahn (NOB) und pflanzten im Niemandsland Stein um Stein aufeinander, bis sich eine gewaltige Bogengirlande quer durchs offene Feld spannte: der Aussersihler Viadukt. Dreieinhalb Jahre bauten die Arbeiter daran. 1894 war er fertig.

Verkehr unter und auf der Brücke

Als der Zug noch zum Letten fuhr: Der Lettenviadukt um 1910 und heute.

Mit dem Viadukt konnte sich die Stadt endlich weiter in Richtung Limmattal ausbreiten. Denn mit ihm verschwand der 600 Meter lange Bahndamm, der bis dahin anstelle der heutigen Röntgenstrasse das Quartier wie ein gewaltiger Riegel umschlang. Der Viadukt hingegen verfügt über 63 Öffnungen, mehrheitlich gemauerte Torbogen aus behauenen Natursteinen. Durch sie konnte der Verkehr nun endlich in das aufstrebende Industriequartier fliessen.

Seit 1875 plante die NOB den Bau des Aussersihler Viadukts, der nach seiner Fertigstellung die Strecke Zürich–Oerlikon–Winterthur verlängerte. Das Bauwerk besteht aus dem höheren Wipkinger Viadukt, den die SBB noch heute als Bahnverbindung zwischen Hauptbahnhof und Oerlikon nutzen, und dem niedrigeren Lettenviadukt, der seit 2009 der Bevölkerung als Fuss- und Veloweg zur Verfügung steht. Der Wipkinger Viadukt war damals mit seinen 834 Metern das längste Brückenbauwerk der Schweiz. Der Lettenviadukt ist nur 11 Meter kürzer.

Der neue Viadukt 1898 aus der Luftperspektive: Damals war noch nicht zu ahnen, wie rasant sich das Quartier ausweiten würde. (Bild: Flugaufnahme Spelterini)
Der neue Viadukt 1898 aus der Luftperspektive: Damals war noch nicht zu ahnen, wie rasant sich das Quartier ausweiten würde. (Bild: Flugaufnahme Spelterini)

Während über die Brücke wacker die Züge fuhren, nistete sich in den Torbogen darunter innert Kürze das Gewerbe ein – zunächst im Freien, dann in Einbauten zwischen den Pfeilern. Zeitweise arbeiteten dort bis zu 200 Steinhauer. Die Bananen + Frucht AG, im Volksmund «Bananenzentrale» genannt, handelte in einem der Bögen mit Südfrüchten. Später kamen Automechaniker und andere Gewerbetreibende hinzu.

Nicht nur unter den Viaduktbögen, sondern auch westlich davon kehrte immer mehr Leben ein. Mit der Eingemeindung von 1893 rollte ein regelrechter Bauboom durchs Quartier. Die ersten grossen Unternehmen wie Steinfels und Escher-Wyss erstellten grossräumige Fabrikanlagen, und während im Westen Arbeitsplätze entstanden, zogen in den Wohnquartieren östlich des Bahnviadukts die Arbeiter ein.

1940 fielen die Bomben

Im Zuge der beiden Weltkriege richtete die Regierung ein besonderes Augenmerk auf die Bahnverbindung über die Viadukte. Im Zweiten Weltkrieg erklärte General Guisan Zürich zum wichtigsten Bollwerk auf der Schweizer Verteidigungslinie. Zwischen September 1939 und Juni 1940 liess er quer durch die Stadt 95 Kampfstände errichten. An einem Stützpfeiler des Lettenviadukts befinden sich noch heute zwei Infanteriebunker, sogenannte Maschinengewehrstellungen, in denen damals etwa vier Mann Stellung bezogen. Von dort aus hätte die Brücke über die Limmat im Notfall gesprengt werden können.

Der zerstörte Viadukt: Britische Flieger bombardierten 1940 irrtümlicherweise Zürich. (Bild: Keystone)
Der zerstörte Viadukt: Britische Flieger bombardierten 1940 irrtümlicherweise Zürich. (Bild: Keystone)

In der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1940 detonierten tatsächlich Bomben auf der Bahnlinie. Damals waren 29 britische Wellington-Flugzeuge ausgeschickt worden, um die Motorenwerke in Mannheim zu bombardieren. Schlechte Witterung zwang einen Teil der Flieger, in der Nacht nach Ausweichzielen zu suchen. Einer der Bomber kam südlich vom Kurs ab und sah irrtümlicherweise in Zürich ein solches Ziel.

Seine Bomben trafen den Eisenbahnviadukt auf Höhe der Josefstrasse und beschädigten dabei eine Fahrleitung. Während der Reparaturarbeiten in derselben Nacht detonierte eine zweite Bombe mit Zeitzünder. Die Explosion zerstörte einen Teil des Viadukts. Eine Person kam ums Leben, mehrere wurden verletzt. Noch heute zeugen die etwas helleren Natursteine, die bei den Ausbesserungsarbeiten eingesetzt wurden, von dem tragischen Unglück.

Von der Büezerbrücke zur Schickimicki-Meile

Eine letzte grosse Veränderung erfuhr das Bauwerk 2003, als die SBB die Viadukte sanieren mussten. Das bedeutete das Ende der bisherigen Einbauten unter den Torbögen. «Die über die Lagerfunktion entstandenen Nutzungen sind nicht zonenkonform, die Bögen sind für den ständigen Aufenthalt von Menschen ungeeignet», teilten die SBB damals mit. Im Quartier regte sich Widerstand, denn in den Bögen hatten inzwischen unterschiedlichste Mieter buchstäblich eine günstige Nische im teuren Zürich gefunden.

Vom Rekordbau zur Schickimicki-Meile: Der Aussersihler Viadukt während der Bauzeit und heute.

Um der Angst vor einer Schickimicki-Meile entgegenzuwirken, zogen die Stadt Zürich und die SBB die Anwohner in die weitere Planung mit ein. Im Sommer 2004 wurde das Siegerprojekt von EM2N Architekten für die Neunutzung der Viaduktbögen und die Gestaltung des Lettenviaduktwegs präsentiert. Vier Jahre später begannen die Bauarbeiten. Am 1. April 2010 wurden die ersten Läden in den neuen Viaduktbögen eröffnet. Die neuen Bauten wurden mehrfach ausgezeichnet – das Image einer Schickimicki-Meile wurde die Viaduktstrasse allerdings nie mehr los.

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Video: «Wo bleiben die Velowege?»

Politwirren, Hooligans und Verbrechen. Reporterin Rafaela Roth zeigt das Zürcher Jahr 2017. (Video: Nicolas Fäs)

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