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Als es noch etwas zu lachen gab

Cryptoleaks, Credit Suisse, Julian Assange. In der Schweiz fehlen die Satiriker, die das alles lustig einordnen.

Was würden Giacobbo/Müller dazu sagen? Die Firma Crypto aus Zug ist so eine Geschichte, ein Festessen für die beiden Komiker. Da ist alles drin, die mächtige CIA, die saubere Schweiz, die schmutzige Weltpolitik. Wer erklärt uns das alles? Wer ordnet das ein? Ohne Giacobbo/Müller ist unser Land verwaist, denke ich manchmal.

Ich habe einen Freund mit einem phänomenalen Gedächtnis für alles, was lustig ist. An Winterabenden, wenn wir genug getrunken haben, holt er den Laptop, und wir schauen alte Nummern der Monty Python, von Helge Schneider, Gerhard Polt und Giacobbo/Müller, etwa die Rückkehr von Roger Schawinski in die Fernsehkantine (2011) oder den Sketch mit Ueli Maurer und Jean Ziegler, die im selben Hotelzimmer übernachten müssen. Walter Andreas Müller spielt den Professor Ziegler und Giacobbo ist Ueli Maurer, das ist nach 20 Jahren noch lustig.

Aber nicht nur die Firma Crypto, auch die Credit Suisse – im Moment gibt es genug zu lachen. Manchmal allerdings muss ich das Lachen noch lernen. Vielleicht liegt es daran, dass ich eher ernsthaft bin. Eher auf der pessimistisch-paranoiden Seite. Man lernt, die Welt zu sehen, wie sie ist.

Manche Nummern von Viktor Giacobbo sind auch 20 Jahre später immer noch sehr lustig.

Kürzlich sagte mir ein Freund während eines Biers: «Wir organisieren eine Mahnwache für Julian Assange.» Für einen Moment hatte ich keine Ahnung, worüber er sprach. Dann dämmerte es mir, Julian Assange hat Wikileaks gegründet. Die Organisation veröffentlicht geheime Dokumente von Regierungen und Banken, sie hat Kriegsverbrechen aufgedeckt und Steuerhinterzieher belastet. Weltweit, in grossem Stil. Doch dann wurde Assange von schwedischen Frauen sexueller Übergriffe beschuldigt. Jetzt wollen ihn die USA wegen Hochverrats verurteilen, Assange droht Gefängnis für den Rest seines Lebens.

Kürzlich wurden die schwedischen Vorwürfe gegen Assange überraschenderweise fallengelassen. In der «Republik» sagte Nils Meltzer, ein Schweizer Anwalt, Universitätsprofessor, Berichterstatter der UNO für Menschenrechte, dass die Anschuldigungen gegen Assange von der schwedischen Polizei erfunden worden sind, ja, dass die USA, Schweden und England zusammenarbeiteten, um den Mann kaputt zu machen und mit ihm die Meinungsfreiheit, die Medien, alle, die den Mächtigen auf die Finger schauen. Heute Abend stellt sich mein Freund mit ein paar Kollegen vor die britische Botschaft in Bern, um an Assange zu erinnern. Manchmal denke ich zurück an die lustigen Zeiten von Giacobbo/Müller und werde nostalgisch.

Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.
Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.

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