«Als Obdachlose war ich ständig gestresst»

Sandra Brühlmann lebte auf der Strasse, trank Wodka, litt unter Gewalt und Wahnvorstellungen. Heute hat sie einen «Traumjob».

«Zum Glück konnte ich aus meiner schlimmen Vergangenheit nun etwas Gutes machen»: Sandra Brühlmann, Stadtführerin. Video: Lea Blum

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Es ist ein unscheinbarer Ort mitten in der Stadt Zürich. Hier, in einer Seitengasse beim hektischen Stauffacher im Kreis 4, hat Sandra Brühlmann ihre Nächte verbracht, zusammengekauert auf einem Gitterrost. Über Monate hinweg kam sie abends her, um hier zu übernachten, meist begleitet von zwei obdachlosen Männern.

Den Platz an der Seitenwand des Starbucks habe sie selbst entdeckt, sagt sie. In ihrer Stimme schwingt etwas Stolz mit. Hier fror sie weniger als anderswo, weil durch das Gitter stossweise warme Luft aus dem Untergrund strömte. Am Morgen stieg sie jeweils in ein Tram und drehte wahllos Runden durch Zürich, um sich aufzuwärmen.

Im Wahn sah sie Wölfe

Bald wird Sandra Brühlmann zum ersten Mal eine Gruppe von Interessierten zu diesem Gitterrost am Rand des Stauffachers führen. Sie wird erzählen, dass sie hier ihre Nächte verbrachte, aber selten habe schlafen können. Sie litt an einer schweren Psychose, sah in ihrem Wahn Wölfe, hörte Stimmen, und vor allem hatte sie grosse Angst, bedrängt oder angegriffen zu werden. Deshalb streifte sie auch tage- und nächtelang durch die Stadt, kam kaum zur Ruhe. «Ich war eigentlich immer gestresst, und mir fehlte die Privatsphäre», sagt sie und streicht sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht.

Ihr Platz zum Schlafen: Gitterroste am Rand des Stauffachers. Fotos: Reto Oeschger

Sie ist die erste Frau, die für den Verein Surprise in Zürich einen Stadtrundgang macht und darin auch über die dunklen Seiten ihrer eigenen Geschichte spricht. «Schattenwelten» heisst die neue Tour. Sie führt an verborgene Orte, die zentral liegen und für Brühlmann wichtig waren, als sie obdachlos war, Wodkaflaschen leerte, Ritalin-Tabletten schluckte – und später wieder ins Leben zurückfand. Ähnliche Führungen von Frauen gab es bisher erst in Basel und Bern.

Als Stadtführerin wird sie Hunderte auf die Probleme einer verborgenen Welt aufmerksam machen können.

Sandra Brühlmann ist sympathisch und gepflegt. Ihr Lachen fällt auf, und ihre Stimme klingt rau. Während des Probelaufs erzählt sie ohne Pause von ihrer Vergangenheit, schnell, fast hastig. Den Text, sagt sie, wolle sie mit der Zeit auswendig können. Noch gelinge ihr das nicht ganz, müsse sie ein bisschen ablesen. Sie sei auch etwas nervös. Das Manuskript ist ziemlich dick.

Wohnung zugemüllt

«Hier», sagt sie nach einigen Schritten und zeigt auf ein Plätzchen am Schanzengraben, «hier bin ich tagelang gesessen, habe in meiner Psychose getanzt, gelacht oder laut mit mir selbst geredet.» Manchmal schmückte sie die drei mächtigen Kastanien neben der Mauer. In ihrem Wahn schienen sie ihr schön wie leuchtende Christbäume.

Auf dem kleinen Plätzchen unter den Kastanien verbrachte Sandra Brühlman viele Tage, schlafen durfte sie hier nicht.

Im Grunde, sagt sie, sei sie sehr einsam gewesen. Sie hatte kaum mehr Freunde, die Familie war weit weg, ihr Bruder suchtkrank. «Ich hätte mir gewünscht, jemand spräche mich an oder hörte mir zu.» Aber sie hat auch Verständnis für die Leute, die den Kopf drehten und an ihr vorübereilten, so auffällig, wie sie sich benommen habe.

Ihre Wohnung in Zürich hatte Sandra Brühlmann verloren, als sie psychisch bereits sehr krank war. Sie hatte das Haus seit Wochen kaum verlassen, trank viel, ass wenig und sass bevorzugt in einer Ecke im Wohnzimmer. Eines Tages klingelten Polizisten an der Tür. Sie wies die Beamten erst schroff zurück. Doch dann entdeckten diese, wie sie in ihrer Wohnung lebte. Die Böden in den Zimmern waren übersät mit Abfall, Papierfetzen, Plastik, Zigarettenpackungen, alles wild durcheinander. Auf den Tischen standen leere Bierdosen, Müll überall. Die Fensterscheiben hatte sie eingeschlagen, die Vorhänge gezogen. In ihrem Wahn glaubte sie, beobachtet zu werden.

Überall Müll: So lebte Sandra Brühlmann in ihrer Wohnung.

Die Polizisten fotografierten die Räume, informierten die Erwachsenenschutzbehörde, und dann ging es schnell: Sandra Brühlmann erhielt eine Beiständin und die Kündigung für die Wohnung. Ihrer Erzählung nach wurde das so rasch abgewickelt, dass sie keine Chance hatte, für ihre Bleibe zu kämpfen. «Mir fehlte auch die Kraft, mich zu wehren», sagt sie. Damals war sie 30, heute ist sie 36 Jahre alt.

Sparen für eine Afrikareise

Auf der Tour zeigt Sandra Brühlmann Bilder ihrer verwüsteten Wohnung. Fragen beantwortet sie offen. Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin von Surprise hat sie intensiv daran gearbeitet, ihre Vergangenheit erzählen und akzeptieren zu können.

Bereits als Jugendliche war sie depressiv und trank, erlebte Gewalt. Später litt sie jahrelang an der Psychose, die vermutlich eine zu hohe Dosis Ritalin ausgelöst hatte. Sie wurde missbraucht und obdachlos.

Nach Monaten auf der Strasse fand Sandra Brühlmann schliesslich Unterschlupf im Suneboge, einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft im Stadtzürcher Kreis 1. Erst fürchtete sie sich auch hier, weil vorwiegend Männer dort wohnten. Doch wegen des nahenden Winters war sie froh um ein Zimmer.

«Cool, dass ich so etwas Gutes aus meiner Scheiss-Vergangenheit machen kann.»Sandra Brühlmann

Der Suneboge ist auch ein wichtiger Ort auf ihrer Tour, einer, an dem sie endlich etwas zur Ruhe gekommen ist. Dort merkte Sandra Brühlmann, dass sie anders weiterleben will. Sie hörte schrittweise auf zu trinken und wohnt inzwischen wieder in einer eigenen kleinen Wohnung. Nun ist auch die Dosis ihrer Medikamente gut eingestellt. Jeden Monat legt sie ein wenig Geld zurück und spart für eine Reise nach Afrika, wo sie sich in einem Projekt um Tiere kümmern will.

«Wenn ich zurückschaue, schäme ich mich zum Teil für das, was ich getan habe, zum Beispiel für die zerstörte Wohnung», sagt sie. Aber sie sei auch glücklich über die Chance von Surprise. Als Stadtführerin und Armutsexpertin wird sie Hunderten ihre Geschichte erzählen und sie auf die Probleme einer verborgenen Welt aufmerksam machen können. «Ein Traumjob», sagt sie, und «ein Glück»: «Cool, dass ich so etwas Gutes aus meiner Scheiss-Vergangenheit machen kann.»

«Schattenwelten»: Nächste Tour mit Sandra Brühlmann am Montagnachmittag, 30.9. Weitere Führungen unter: www.surprise.ngo/stadtrundgangzh/

Erstellt: 22.09.2019, 21:27 Uhr

Grossteil der Obdachlosen ist psychisch krank

Wie viele Obdachlose in Zürich leben, weiss man nicht. Zahlen fehlen. Die Stadt hat Kenntnis von rund einem Dutzend Menschen, die das ganze Jahr über im Freien übernachten. Besser erforscht ist in Zürich die Gesundheit von Obdachlosen.

Eine Studie kam 2014 zum Schluss, dass ein Grossteil der Obdachlosen an einer psychischen Krankheit leidet. Für die Studie sind knapp 340 Personen befragt worden. Eine Untersuchung aus Basel kam in diesem Frühling zu einem ähnlichen Schluss. Den zuständigen Professor Matthias Drilling von der Fachhochschule Nordwestschweiz erstaunen die Erfahrungen von Sandra Brühlmann deshalb wenig. Er startet Anfang 2020 die erste umfassende Studie zum Thema Obdachlosigkeit in der Schweiz. Darin untersucht er unter anderem die Situation in Zürich, Basel und Genf.

Als Frau mit einer psychischen Krankheit verkörpert Sandra Brühlmann gleich zwei wichtige Aspekte des Themas. Obdachlose Frauen sind in der Minderheit und sehen sich häufig Gewalt ausgesetzt. In Zürich schätzt man den Anteil der Frauen, die in der Notschlafstelle übernachten,auf rund ein Drittel. Die Institution hat 50 Plätze. (meg)

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