Altersheim ade, Wohngemeinschaft ahoi!

Im neuen Theaterstück von Katja Früh und Patrick Frey gründen vier Menschen eine Alters-WG – ein populäres Phänomen, weiss ein Experte.

Musikzimmer in einer Alters-WG in Romanshorn, wo sich vier Senioren zu einer Wohngemeinschaft zusammengefunden haben.

Musikzimmer in einer Alters-WG in Romanshorn, wo sich vier Senioren zu einer Wohngemeinschaft zusammengefunden haben. Bild: Zsigmond Toth

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Vier Menschen um die 60 Jahre haben einen Plan. Sie wollen eine Alters-WG gründen. Das ist die Ausgangslage von «Grundriss Hoffnung», einem neuen Theaterstück von Katja Früh und Patrick Frey. Der Plot ist keinesfalls realitätsfremd. Ältere ziehen vermehrt in Wohngemeinschaften. Weshalb das so ist, weiss Ulrich Otto, vom Forschungsinstitut der Kalaidos FH Gesundheit in Zürich. Seine aktuelle Studie beschäftigt sich mit gemeinschaftlichen Wohnformen von Menschen in der zweiten Lebenshälfte.

Vier Personen um die 60 Jahre wollen im Theaterstück zusammen in eine WG ziehen. Was würden Sie ihnen raten?
Unbedingt sich kennen lernen, und zwar nicht oberflächlich. Meine Erfahrung zeigt: Die stabilsten gemeinschaftlichen Wohnprojekte sind dort entstanden, wo bereits vor dem eigentlichen Einzug schon viele Barrieren überwunden werden mussten. Der Vorteil dabei: Die Partien haben sich mit allen Facetten kennen gelernt, was nachher fürs Zusammenleben umso wertvoller war.

Die zwei wichtigsten Voraussetzungen, damit eine Alters-WG funktioniert?
Offenheit und Ehrlichkeit, dann gibt es weniger Probleme. Unsere Forschungen haben gezeigt: Überall dort, wo zu Beginn die gegenseitigen Vorstellungen und Erwartungen transparent und nicht unrealistisch hoch waren, sind die Bewohner zufrieden.

Einsamkeit, Alterszentrum oder Seniorenresidenz: Sind Alters-WGs ein neuer Trend?
Wir müssen genau hinschauen: Für eine klassische WG, also das Wohnen hinter der gemeinsamen Wohnungstür, entscheiden sich gar nicht so viele Ältere.

Sondern?
Sie entscheiden sich für die vielen anderen Formen gemeinschaftlichen Wohnens, vor allem Hausgemeinschaften. Die sind im Trend. Man wohnt unter einem gemeinsamen Dach, aber doch hinter getrennten Türen.

Und was ist daran noch gemeinschaftlich?
Meistens gibt es dort zusammen genutzte Gemeinschaftsbereiche. Und dann existieren gerade in Zürich spannende Zwischenformen, Clusterwohnen und so weiter. Auf jeden Fall scheint gemeinschaftliches Wohnen für viel mehr ältere Menschen attraktiv zu sein als bisher angenommen.

Wo entstehen solche Alterswohngemeinschaften?
WG-Formen bilden sich häufiger in der Stadt als auf dem Land, denn hier gibt es mehr Alleinlebende, die Neues ausprobieren wollen. Gefördert werden solche Gemeinschaftsprojekte allerdings auch durch hohe Miet- und Kaufpreise.

Und auf dem Land?
Neues Wohnen im Alter – das beschäftigt die Leute derzeit überall. Inzwischen finden sie sich durchaus auch in kleineren Gemeinden des Kantons Zürich. Wenn die richtigen Leute aufeinandertreffen, entsteht gemeinschaftliches Wohnen im Alter auch hier. Oft braucht es eine Schlüsselperson, die andere motiviert und mitreisst.

Früher war das Alterszentrum die Wohnform für viele Personen im Alter. Weshalb der Wandel?
Die derzeitigen Generationen sind gut gebildet, oft vermögend und bis ins höhere Alter aktiv. Von diesen «neuen Alten» haben viele beispielsweise als Studierende Gemeinschaftswohnen kennen gelernt, und immer mehr haben Bekannte in alternativen Wohnformen. Das regt die Fantasie an und lässt gemeinschaftliches Wohnen im Alter ganz konkret und vorstellbar werden.

Wenn Junge in einer WG wohnen, hört man oft: Wer räumt auf, wer wäscht ab usw. Ist dies bei älteren Menschen auch der Fall, wenn sie in einer WG wohnen?
Klar, weshalb soll dies anders sein. Auch bei Älteren gibt es Auseinandersetzungen um alltägliche Themen wie: Wer profitiert nur oder mehr als andere? Wer geht wem auf den Wecker? Wer bringt sich in der Gemeinschaft wie viel ein?

Gibt es auch Unterschiede?
Im besten Fall haben ältere Menschen gegenüber den Jüngeren mehr Erfahrungen, sind gelassener und können souverän und grosszügig mit dem Wechselspiel zwischen Rückzug und Gemeinschaftsleben umgehen. Hausgemeinschaften geben hier natürlich deutlich weniger Konfliktanlässe als klassische WGs.

Und in Alters-WGs gibt es andere Themen …
… natürlich, zum Beispiel der Umgang mit Einsamkeit, mit Krankheit, Leid, Tod und Verlust. Und die grosse Frage: Wie kann die Pflege aussehen, wenn sie nötig wird?

Würden Sie in eine Alters-WG einziehen?
Gemeinschaftliches Wohnen – unbedingt! Nur mit Alten und in eine klassische WG – eher nicht. Seit vielen Jahren wohne ich in einem gemeinschaftlichen Hausgemeinschaftsprojekt im süddeutschen Tübingen. Da ich Fernpendler bin, hab ich in Zürich ein Mitwohnmodell bei einer Wissenschaftlerin als Gast.

Wie funktioniert das?
Wir teilen uns die Miete. Sie ist die Hälfte der Woche beruflich auswärts, ich die andere Hälfte der Woche an meinem Familienwohnort in Tübingen. Wir leben also eher Wohnungs-Sharing als gemeinschaftliches Wohnen – wir schätzen uns, begegnen uns aber nur selten. Ausserdem bin ich aktiv in mehreren Initiativen, die versuchen, mit bürgerschaftlichen Direktkrediten bezahlbares und gemeinschaftliches Wohnen zu ermöglichen.

Zum Beispiel?
Derzeit bauen wir eine Unterkunft für Geflüchtete zusammen mit Nicht-Geflüchteten. Es ist der Versuch, langfristig bezahlbares Wohnen zu sichern und kurzfristig ein integratives durchmischtes Wohnen mit Geflüchteten zu ermöglichen.

Grundriss der Hoffnung. Von Katja Früh und Patrick Frey. Miller’s, Seefeldstrasse 225. Bis 6. Oktober.

Wettbewerb
Wir verlosen zweimal 2 Tickets für die Vorstellung vom Freitag. Sie müssen uns dazu nur eine Frage beantworten. Patrick Frey würde gerne eine Promi-WG gründen. Welche beiden stadtbekannten Persönlichkeiten sollen mit ihm ins Udo-Jürgens-Penthouse am Bellevue ziehen? Wettbewerbsbeitrag mit einer kurzen Begründung bis Mittwoch, 15 Uhr, an bellevue@tages-anzeiger.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.09.2016, 12:34 Uhr

Professor Ulrich Otto, Leiter der Careum-Forschung, Forschungsinstitut der Kalaidos-Fachhochschule Gesundheit. (Bild: PD)

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