Am HB buhlen 840 Beacons um die Smartphones der Passanten

Wer mit den schwarzen Kästen Informationen auf Smartphones sendet und wie man sich davor schützt.

Die rätselhaften, schwarzen Boxen auf Plakaten sorgten für Schlagzeilen. Foto: Urs Jaudas

Die rätselhaften, schwarzen Boxen auf Plakaten sorgten für Schlagzeilen. Foto: Urs Jaudas

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Man könnte es Smartphone-Stalking nennen. Von rundherum wird Zugriff aufs Handy verlangt. Das führt eine App vor, die «Beacons» ortet. So nennt man Geräte, die mit Smartphones kommunizieren können.

An der Pestalozziwiese bei der Bahnhofstrasse zeigt die App kryptische Meldungen: Zahlen, Buchstaben, URLs, Distanzen. Die Geräte bleiben unsichtbar. In der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs wird die Liste dann deutlich länger. Ein Beacon muss sich ganz in der Nähe befinden. Man entdeckt den Sender, wenn man den Blick nach oben richtet. Er klebt unterhalb der Anzeigetafel beim Gleis 14. Ein kleines, weiss-graues Kästchen.

Gerade sorgen Beacons für Schlagzeilen. Auslöser waren rätselhafte, schwarze Boxen, die kürzlich auf Plakaten im Hauptbahnhof auftauchten. Dahinter verbirgt sich Beem, eine neue Werbeplattform der Swisscom. Die Boxen senden einen hohen, für Menschen angeblich unhörbaren Ton. Dieser tritt mit allen Smartphones in Kontakt, auf denen sich eine Beem-fähige App befindet. Sie zeigt dann weitere Informationen zum Plakat an.

Die Beem-Anwendung ist derzeit in den Apps von Bluewin, Watson und «20 Minuten» (das wie der TA zu Tamedia gehört) eingebaut. Damit sie startet, müssten die Nutzerinnen und Nutzer auf einen Hinweis klicken, heisst es bei der Swisscom. Die Kampagne startet am 3. Juni.

«Relevante Botschaften»

Bei manchen Nutzern schüren die schwarzen Boxen Ängste, die Technologie wirkt wie ein Griff in die Hosentasche. Dabei gibtes sie schon länger. Und der Hauptbahnhof ist voll damit. 840 Beacons sind dort insgesamt installiert, das Gerät beim Gleis 14 ist einer davon. Die SBB nutzen sie für ihre App «Mein Bahnhof». «Sie bietet Orientierung und Navigation im HB, was für nicht ortskundige Kundinnen und Kunden hilfreich ist», sagt ein SBB-Sprecher.

Ursprünglich waren die SBB-Beacons gedacht, um Werbung zu machen. 2018 schrieben die SBB auf ihrer Website: «Sie laufen frühmorgens durch den Bahnhof. Plötzlich meldet die ‹Mein Bahnhof›-App» eine Kafi-Gipfeli-Aktion im Geschäft gegenüber. Wenn das nicht Ihren Morgen rettet …» Heute heisst es bei den SBB, dass es nicht vorgesehen sei, die eigenen Beacons für Werbezwecke einzusetzen.

Beacons funktionieren mit unterschiedlichen Technologien. Die SBB-App arbeitet mit GPS, Wi-Fi und Bluetooth. Auf Schallimpulse, wie Beem sie einsetzt, verzichtet sie. Das Ziel bleibt das gleiche: Ein Impuls von aussen stösst eine Reaktion auf dem Smartphone an, von der Unternehmen profitieren sollen.

Die Plakatgesellschaft APG/SGA macht bei Beem als Partner mit. Man versuche, «eine Zielgruppe zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den für sie relevanten Botschaften zu erreichen», sagt Sprecherin Nadja Mühlemann. Ziel sei es, die ganze «Customer Journey» (also die täglichen Wege der Kunden) möglichst lückenlos mit Aussenwerbung abzudecken.

Die APG/SGA hat verschiedene Methoden dafür. Mit «Aymo» zum Beispiel setzt sie auf «standortbasierte Werbung». Dabei legen die Werbeanbieter ein bestimmtes Gebiet fest. Wer sich darin bewegt, erhält – eingebettet in Apps verschiedener Medienhäuser – eine zum Aufenthalt passende Werbung. «Zur Lokalisierung muss der Nutzer den Standort explizit freigegeben haben», sagt Mühlemann.

Eine solche Kampagne hat etwa die ZKB als Sponsorin von Züri-Velo im Mai 2018 durchgeführt. Bei allen Menschen, die sich im Umkreis von 100 Metern von einer Züri-Velo-Station aufhielten, erschien eine Anzeige für den Veloverleih auf dem Handy.

Auch Museen nutzen sie

Die Beacon-Technologie habe viele nützliche Anwendungsgebiete, sagt Hannes Gassert, IT-Unternehmer und Nationalratskandidat der SP. «In Museen stehe ich vor einer Skulptur, und das Handy zeigt mir die passenden Informationen dazu, ohne dass ich etwas tun muss.» Auch Werbung lasse sich mit Beacons so gestalten, «dass sie mir etwas bringt und dem Anbieter». Gassert findet es begrüssenswert, dass sich Schweizer Unternehmen nicht kampflos der Konkurrenz durch Google ergeben.

Gefährlich werde es, sagt Gassert, wenn die Tonsignale mehrere Geräte der gleichen Person erreichen, also vom Fernseher oder vom Radio aufs Handy springen. «Falls die Werbeplattformen alle meine Geräte miteinander und mit meiner Identität verknüpfen, gibt es kein Entrinnen mehr.» Heikel findet Gassert auch den Zugriff aufs Mikrofon, den Audio-Beacon-Apps verlangen. «Je mehr Apps das tun, desto schwieriger wird es, zu kontrollieren, wer bei meinen Sitzungen oder Telefonaten oder nachts im Bett mithört.»

Thomas Amberg, Dozent für das Internet der Dinge an der Fachhochschule Nordwestschweiz, hält den Mikrofonzugriff ebenfalls für bedenklich. Vielen Nutzern sei wohl nicht klar, dass diese Funktion fürs Tracking verwendet werde. «Die einzelnen Datenfragmente mögen harmlos scheinen. Aber ihre Verknüpfung kann ein sehr detailliertes Bild ergeben», sagt Amberg.

Vollständig informieren

Die Swisscom betont, dass Beem alle Vorgaben des Datenschutzes einhält. Man setze die Technologie nicht dazu ein, um verschiedene Geräte denselben Nutzern zuzuweisen; obwohl Beem auch bei Werbungen im Fernsehen, im Radio und im Kino zum Einsatz kommen soll. Die Nutzer würden anonym mit der App kommunizieren, heisst es weiter. Wege würden nicht gespeichert. Beem höre auch keine Gespräche mit.

Der Schweizer Datenschutzbeauftragte hat Beem nicht geprüft. Eine Meldepflicht gebe es nicht, sagt eine Sprecherin. Die Anbieter seien aber verpflichtet, alle Nutzerinnen vorgängig darüber aufklären. Diese Information müsse leicht verständlich und vollständig ausfallen.

Manche merken von allein, dass Beem bei ihrem Handy anklopft. Sie würden den hohen Ton wahrnehmen, schrieben Leser. Bei der Swisscom will man das nicht ganz ausschliessen. Die Signale würden aber so leise ausgesandt, dass sie nicht störten.

Erstellt: 29.05.2019, 07:49 Uhr

Was kann ich gegen Beacon-Werbung tun?

Damit die Beacons mit dem Smartphone kommunizieren können, brauchen Apps bestimmte Berechtigungen. Um sich gegen die Kontaktaufnahme zu wehren, müssen Sie die Zugriffserlaubnis der Schnittstellen via Einstellungen ausschalten. Bei Android wählen Sie den Menüpunkt «Apps» und anschliessend die gewünschte App aus. Tippen Sie auf Berechtigungen und entziehen Sie dem Programm zum Beispiel den Zugriff auf das Mikrofon, wenn Sie diese Funktion nicht brauchen. Auf Android-Geräten können Sie auch die App Soni Control installieren. Diese blockt Kontaktaufnahmen via Mikrofon. Bei Apple-Geräten verwalten Sie die Berechtigungen in den Einstellungen unter «Datenschutz» und anschliessend «Mikrofon». Bei der Kontaktaufnahme via Bluetooth ist es einfacher. Schalten Sie einfach Bluetooth aus. Das kann allerdings dann Probleme verursachen, wenn Sie beim Pendeln mit ihren Bluetooth-Kopfhörern Musik hören möchten. (sip)

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