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Vielleicht machen wir ein paar Sachen richtig in diesem Land

Erster Schultag in der Sekundarschule Feld im Kreis 4. Was die einen zusammenbringt, ist das Schweizerdeutsch. Was die anderen trennt: dass sie es noch nicht können.

Neues Schulhaus, neue Klasse, neue Kameraden: Vieles ist diese Woche neu für diese Kinder in der Sekundarschule Feld. Foto: Sabina Bobst
Neues Schulhaus, neue Klasse, neue Kameraden: Vieles ist diese Woche neu für diese Kinder in der Sekundarschule Feld. Foto: Sabina Bobst

Als sie zum ersten Mal das Schulhaus betreten, in den zweiten Stock hochsteigen und in ihr Klassenzimmer kommen, stehen ihre Namen bereits auf den Pulten: Alicia, Aswin, Diogo, Rinesë, Samar, Nitricha, Samoa, Luana, Anisha, Miguel. Ihre Nachnamen sind so ausführlich, dass der Lehrer sie bitten wird, einen Rufnamen auf ein Stück Klebeband zu schreiben. Frank Hardter trägt Turnschuhe und rosarote Shorts. Er ist auch sonst ein unkomplizierter Typ.

Die meisten aus der Klasse sind in der Schweiz geboren und sprechen Zürichdeutsch, was ihre Integration stark erleichtert. Sowieso macht die Schule es ihren Schülerinnen und Schülern einfach an diesem ersten Schultag. Nach einer Einführung führt der Lehrer die Klasse 1ABa von ihrem Klassenzimmer im zweiten Stock des Schulhauses Feld auf den Pausenhof hinunter und geht von dort aus in die Turnhalle, wo sich alle Schüler und ihrer Lehrer versammeln. Die Schülerinnen und die Lehrerinnen natürlich auch.

In der Turnhalle hören alle eine angenehm kurze Rede von Nina Bucher, der Schulleiterin, der man im Gespräch bald anmerkt, wie gerne sie diese Schule leitet. Es folgt eine kollektive Übung für die Kinder, bei der sie in ihren Körper hineinhören sollen, was so lange gut geht, bis draussen eine Ambulanz vorbeisirent, dann müssen alle in der Halle so lachen, dass der weihevolle Moment weggeweht ist, und es will nachher keine Ruhe mehr einkehren. Man merkt ­erste Kitschgefühle in sich aufsteigen und denkt, dass die Schweiz doch sehr viel besser integriert, als die SVP immer behauptet.

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Immer ausgelassener

Lehrer Hardter führt seine Klasse in die Turnhalle nebenan. Sie müssen einander blind die Hände geben, auf zwei Matten die Turnhalle durchqueren und Ähnliches, das die Teenager zusammenbringen soll. Zwischendurch sitzen die 18 Schülerinnen und Schüler, es hat je neun Buben und neun Mädchen, im Kreis und werfen einander einen Ball zu, worauf jeder sagen soll, wo er wohnt und was er für Hobbys hat. Ein Mädchen sagt «Klavier», fünf Buben sagen «Fussball», wenn sie überhaupt etwas sagen. Am Schluss fliegt nur noch der Ball herum.

Je mehr Übungen der Lehrer mit seiner Klasse macht, desto ausgelassener reagiert sie. Trotzdem wissen die Schüler am Schluss nicht weiter. Hardter hat sie auf eine weisse Blache beordert. Sie sollen diese wenden, ohne sie zu verlassen. Das klingt einfacher, als es ist. Und es führt zu Diskussionen, aber nicht zu einer Lösung. Frank Hardter hat das auch nicht erwartet. «Da muss eine oder einer die Idee haben und alle anderen anleiten», sagt er. Dann räumt er mit den Schülern die Geräte weg. Am frühen Morgen blieben sie stumm; jetzt reden alle durcheinander. Schweizerdeutsch.

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In Uetikon am See ist die erste neue Kantonsschule seit über vierzig Jahre eingeweiht worden. (Video: Lea Koch)

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Der Lehrer lässt die Kinder an diesem ersten Tag viel machen, verlangt nur wenig Ruhe, und die bekommt er sofort. Das Erwachsenwerden der Kinder gehe ihm zu schnell, sagt er nachher, «sie müssen so früh wie möglich wissen, was für eine Lehre sie machen sollen». Was wird aus Giulia, Alicia, Aswin, Diogo, ­Rinesë, Samar, Samoa, Luana, Miguel oder Nitricha? Aus der Koreanerin, die so beweglich ist? Und was wird aus dem schmalen Tamilen?

Handy weg, sofort

Es gibt für die Schülerinnen und Schüler noch andere Schwierigkeiten. Oft arbeiteten die Eltern Schicht, sagt Nina Bucher, die Schulleiterin. Das schaffe Schlüsselkinder, die daheim lange alleine seien und denen auch keiner bei den Hausaufgaben helfe. Andere hätten Mühe damit, in den zwei Welten zu leben, der traditionellen zu Hause und der neuen in der Schule. Manche Schüler kommen sogar während den Ferien zur Schule: Das habe oft mit den Lebensumständen zu tun, hört man. Es gebe Familien, die zu acht in zwei Zimmern wohnen. Wie sollten sich die Schüler auf ihre Hausaufgaben konzentrieren? Die Schule bietet auch Mittagessen und eine Tagesstruktur an. Eine Möglichkeit, von der mehr als die Hälfte der 177 Schülerinnen und Schüler profitiert.

Im Klassenzimmer erklärt der Lehrer die ersten Regeln: Keine wüsten Worte sagen. Jede Absenz begründen mit elterlicher Unterschrift. An der Schule niemals das Handy benutzen ausser im Mittagsraum zur Mittagszeit. Sonst werde es eingezogen, und die Eltern müssten es im Wiederholungsfall um 17 Uhr abholen. «Das werden eure Eltern nur einmal machen wollen, ich garantiere es euch», sagt Lehrer Frank Hardter.

Am Nachmittag kann man in der Aufnahmeklasse erleben, was die anderen hinter sich haben: Deutsch als Fremdsprache. Diese Kinder hier stammen von Familien, die vor kurzem in die Schweiz gekommen sind, einige reisten sogar alleine hierher. Sie kommen aus Brasilien, Peru, Eritrea und anderen Ländern. Anita kommt aus Mazedonien, ist 14 Jahre alt und hat in wenigen Monaten schon so gut Deutsch gelernt, dass sie sich ohne Probleme unterhalten kann.

Sie reden so leise

Aber den anderen fällt es noch nicht ganz so leicht. Auch merkt man, wie leise sie immer reden, das zeigt ihre Unsicherheit im Sprachgebrauch. Die Lehrerin muss sie immer wieder bitten, einen Satz zu wiederholen. Dann nimmt sie die Monate und Jahreszeiten durch. «Was macht man im Winter?», fragt sie. «Schlafen», sagt ein Schüler. Nach der Deutschstunde kommt die Geometrie dran, die den Buben leichter fällt als Anita, der Mazedonierin. An der Wand hängt eine Europakarte und dahinter eine mit der ganzen Welt.

Integration braucht Zeit

Natürlich geht es mit der Integration an anderen Schulen und unter anderen Bedingungen nicht so lieblich und leicht. Sie braucht Zeit, sie schafft Probleme, sie kann auch scheitern. Es kommen kulturelle Spannungen auf, Missverständnisse, Vorurteile, die Tendenz zur Radikalisierung der zweiten Generation, die einen gesellschaftlich schwachen Vater erlebt mit einer starken Religion. Aber davon ist an diesem Tag nichts zu spüren. Man bekommt aufrichtig das Gefühl, dass diese Lehrerinnen und Lehrer für die Kinder da sind und diese Kinder einen ersten Schultag erleben, der ihnen Freude macht auf den zweiten. Vielleicht machen wir ein paar Sachen richtig in diesem Land.

Wobei, das mit der Taufe geht einem schon nach, seit es der Lehrer, Frank Hardter, am Morgen ganz ohne einen Hauch von Ironie gesagt hat: «Um halb zwölf Uhr werdet ihr getauft.» Das findet man jetzt komisch.

Das Ritual der Aufnahme geht dann so. Alle neuen Schülerinnen und Schüler stellen sich auf dem Pausenplatz auf. Der Leiter des Hausdienstes dreht einen Gummischlauch auf. Die Neuen rennen quietschend durchs Wasser und dann unter ein Transparent: Herzlich willkommen im Feldschulhaus, steht da drauf.

Im Fäldschuelhuus, sagen dem die Kinder.

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