Amtsschimmel, eiskalt

Der bekannte Gelati-Stand am See musste sein Logo vom Wagen entfernen, weil die Zürcher Polizei intervenierte. Jetzt naht Rettung von überraschender Seite.

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Mit dem alten Schriftzug (links) und dem neuen: Glacé-Stand beim Hafen Zürich-Riesbach (Regler kann hin und her geschoben werden). Fotos: Urs Jaudas/Dominique Meienberg

Ein Fall für den «Rostigen Paragrafen»? Oder den «Gaht's-no-Priis»? Daniel Kissling hat einen Brief vom Zürcher Kommissariat Gewerbepolizei erhalten, Abteilung Temporäre Gewerbenutzungen. Thema: Eigenwerbung am Verkaufsstand. Im Brief steht, dass nur 0,5 Quadratmeter Fläche für Werbung erlaubt ist. Und vor allem, dass öffentlicher Raum «nicht tangiert werden» dürfe. Die «Luftsäule» aber sei öffentlicher Raum. Deshalb müsse er seine «Aufbaute» entfernen. Mit Aufbaute war das Logo «Gelati am See» auf dem Verkaufswagen von Kissling gemeint. Hintergrund war, dass auf dem Glacé-Stand eines Konkurrenten ebenfalls eine Aufschrift angebracht wurde, dem Vernehmen nach eine klobigere.

Daniel Kissling ist stadtbekannt. Er betreibt seit 1998 den Gelati-Stand am See, meist beim Hafen Riesbach am rechten Ufer. Sein Hit: «Amore Mio», mit Biomilch aus dem Zürcher Unterland von Glacékünstler Paulo Palumbo hergestellte Gelati. Den Wagen hatte Kissling mit einem eleganten Schriftzug «Gelati am See» versehen, diskret, unter der Theke. Als ihn vor sieben Jahren eine ältere Dame ansprach und meinte, sein Schriftzug sei so schön, er möge ihn doch grösser machen, handelte Kissling. Er bastelte in gleicher Schnörkelschrift ein Logo, das er am Dach festmachte.

Ein Touristensujet

Kinder, Spaziergänger, Gelati-Fans und sicher auch besagte ältere Dame hatten ihre Freude daran. Touristen kamen, eigens um den Stand mit dem schönen Logo abzulichten. Ein Foto bringt es gar ins Bordmagazin der Qatar Airways.

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Sie alle haben nicht mit der Stadtzürcher Gewerbepolizei gerechnet. Kissling aber tat wie geheissen. Er will ja keinen Ärger mit der Staatsgewalt, braucht jährlich eine Bewilligung für seinen Verkaufsstand. Seit diesem Frühling ist die Aufbaute verschwunden. Kissling hat sie ersetzt durch ein aufgepinseltes, kleines Logo auf dem Balken an der Frontseite des Dachs.

«Es macht mich traurig»

«Es machte mich traurig, das Logo war Teil meines Erfolgs», erzählt Kissling. «Aber was will ich machen?» Er sei zwar der Meinung, Gesetz sei Gesetz. Handkehrum gibt er zu bedenken, dass Zürich auch deshalb so attraktiv wurde, weil ebendiese Gesetze hin und wieder hinterfragt werden. So sei zum Beispiel die Polizeistunde abgeschafft worden, was die Stadt aufwertete.

Das Quartier wollte sich den Eingriff nicht bieten lassen. Die Seefelder Instagram-Seite «Zürich Kreis 8» mobilisierte und zeigte ein Bild mit durchgestrichenem Schriftzug. Die Reaktionen waren einhellig. Und nicht zugunsten der Stadt.

«Ein kleines Wahrzeichen ist verschwunden»: Instagram-Eintrag von «Zürich Kreis 8».

Urs Ledermann zahlt Anwalt

Auch Urs Ledermann hat Wind von der Affäre bekommen. Der Mann, der im Seefeld umstritten ist, weil er Wohnungen saniert und teurer vermietet, telefonierte Kissling und kündigte an, ihm einen Anwalt zu bezahlen. «Daniel Kissling ist ein toller Typ mit viel Eigeninitiative», sagt Ledermann. «Genau solche Leute braucht das Quartier.»

Gerade noch rechtzeitig hat nun Klaus Hotz für Kissling Einsprache erhoben. Der Jurist ist überzeugt, mit seinen Argumenten durchzudringen. Einerseits befinde man sich mit der Angelegenheit nicht im Baurecht, sondern im Konzessionsrecht. Und noch wichtiger: «Der Eingriff der Stadt ist unverhältnismässig», sagt Hotz. Der Stand sei von öffentlichem Interesse für die Stadt. Zudem argumentiert der Anwalt mit der Ästhetik. Der Schriftzug sei filigran. «Er nimmt niemandem die Sicht auf den Glärnisch weg», sagt er trocken.

Fall kommt vor Stadtrat

Die Einsprache ging ans Sicherheitsdepartement von Karin Rykart (Grüne), welche der Gewerbepolizei vorsteht. In einem Schreiben kündigte es an, dass nun eine interne Vernehmlassung stattfinde. Dann geht die Sache an den Rechtskonsulenten der Stadt, anschliessend wandert das Dossier weiter an ein unabhängiges Departement. Dessen Vorsteherin oder Vorsteher leitet es schliesslich weiter an den Gesamtstadtrat. Wie lange das alles dauern wird, ist unklar.

Judith Hödl, Sprecherin der zuständigen Stadtpolizei, sagt: «Der Fall wird geprüft, das Ergebnis ist noch offen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2019, 07:40 Uhr

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