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An den Studis vorbeigeplant

Die Uni Zürich möchte eine «Bibliothek der Zukunft», die dem Mehrheitsbedürfnis widerspricht.

Studierende lernen in der Zentralbibliothek Zürich.
Studierende lernen in der Zentralbibliothek Zürich.
Walter Bieri, Keystone

Das Lädelisterben hat die Universität Zürich erfasst. Die Lädeli, das sind die rund 40 Fakultätsbibliotken, die bis 2025 wegrationalisiert werden sollen. Der neue Supermarkt, welcher Metzgerei, Bäckerei oder Milchladen ersetzt, heisst «Bibliothek der Zukunft». Es handelt sich um eine Vision der Unileitung, in der die Bücherschätze und Arbeitsplätze der Fakultäten vereint werden sollen: die Theologinnen neben den Medizinern neben den Philosophen.

Nun ist es im Detailhandel wie in der Wissenschaft falsch, sich dem Fortschritt zu verwehren. Das Milchlädeli kann zwar eine romantische Aura verströmen. Wenn aber die Kunden ausbleiben, ist seine Existenz zu Recht in Frage gestellt. Nach dieser marktwirtschaftlichen Prämisse könnte auch in der Uni gehandelt werden. Zumal öffentliche Gelder zukunftsgerichtet investiert werden sollten.

Kundenorientierung: fail!

Die Unileitung strebt eine zentralisierte (Speicher-)Bibliothek statt zahlreicher Wissenssatelliten an, die einsam umherkreisen. Dafür würden mehr Arbeitsplätze geboten. Das sind Entwicklungen, um die eine moderne Uni kaum herumkommt. Doch die Projektleitung hat zwei kapitale Fehler begangen: Erstens hat sie die Studierenden, ihre wichtigste Kundschaft, in die Neuausrichtung nicht oder zu spät miteinbezogen. Die Superbibliothek war bereits beschlossen, als die Studierenden von den Plänen erfuhren. Einen Einsitz in der Steuerungsgruppe haben sie bis heute nicht, und eine kürzlich publizierte Umfrage unterstreicht, dass die Zentralisierung keinem Mehrheitsbedürfnis entspricht. Kundenorientierung: fail!

Zweitens unterliegt die Unileitung dem Irrtum, die verschiedenen Fakultäten für das Projekt harmonisieren zu können. Für einige Studierende – vor allem aus den Mint-Fächern – mag eine Fakultätsbibliothek mit spezialisiertem Personal und frei zugänglichem Bücherbestand verzichtbar sein. Für eine Mehrheit ist sie aber vor allem eines: ein Labor, das Scheitern erlaubt, dem aber auch wissenschaftlicher Fortschritt entspringen kann. Es ist höchste Zeit, dass die Unileitung ihre wichtigsten Kunden ernst nimmt.

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