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Analyse: Engherzige Behörden

Der Sprayer Harald Naegeli muss endlich als Künstler anerkannt werden.

MeinungPaulina Szczesniak
Sind Harald Naegelis Werke als Kunst oder Vandalismus zu werten? Die Meinungen der Zürcherinnen und Zürcher im Video. Video: Lea Blum

Und die Farce geht weiter. Harald Naegeli, der Sprayer von Zürich, durfte mal wieder vor Gericht antraben. Diesmal wegen Sachbeschädigung an 25 Hauswänden, verübt zwischen August 2012 und Dezember 2013; Schadenshöhe: 9191.45 Franken. Der Staatsanwalt forderte eine Geldstrafe von 270 Tagessätzen à 700 Franken, dazu eine Busse von 10'000 Franken. Weil sich aber ein Teil der Delikte als verjährt herausstellte, mochte der Richter vorerst kein Urteil fällen.

Unterm Strich ist da also sehr viel Herzblut, von künstlerischer wie juristischer Seite, sinnlos versickert. Wie sollte es auch anders sein, wenn zwei aufeinanderprallen, die nicht mal dieselbe Sprache sprechen? Die Staatsanwaltschaft argumentierte, die versprayten Orte seien «wesentlich in ihrer Ansehnlichkeit beeinträchtigt» worden; ob das Gesprayte künstlerisch wertvoll sei, spiele keine Rolle. Dumm nur, dass das in der Kunst sehr wohl eine Rolle spielt. Eine wesentliche, obendrein, ebenso wie die Tatsache, dass Naegeli mit Gespür für seine «Tatorte» ans Werk geht. Seine Art, ins Stadtbild einzugreifen, ist nicht zu vergleichen mit den Tags, die von arroganten Möchtegernsprayern wahllos irgendwo hingeschmiert werden.

Diesen Unterschied nicht sehen zu können, schlimmer noch: nicht sehen zu w o l l e n, ist ein Zeichen von Engstirnigkeit, schlimmer noch: von Engherzigkeit. In Deutschland, wo man Naegeli Asyl gewährte, als die Schweiz ihm das erste Mal juristisch zu Leibe rückte, hat man es schon in den 80ern geschafft, ihn als das zu würdigen, was er ist: ein Künstler, ein grossartiger noch dazu, weil innovativ, kompromisslos, poetisch und unverwechselbar. Zürich sollte Naegeli ein Schmerzensgeld zahlen für Geringschätzung, sagen wir: 10'000 Franken, und obendrein eine Wiedergutmachung für die weggeputzten Werke. 270 Tagessätze à 700 Franken klingen vernünftig.

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